Gesundheit : Das Bein, auf dem man steht

Adrienne Goehler

Ein Teil der Koalitionäre ist drauf und dran, Selbstverstümmelung zu betreiben. Sie wollen einen Standort der Universitätsmedizin in Berlin abwickeln. Es gibt, das stimmt, Haushaltsprobleme: Modernisierungsmaßnahmen, die für die beiden Klinika Charité und Benjamin Franklin (UKBF) dringend anstehen, sind eine große finanzielle Belastung für Berlin. Rund 550 Millionen Mark wären notwendig, von denen das Land Berlin wegen der Hochschulbauförderung 50 Prozent selbst erbringen müsste. Das übersteigt die Finanzkraft des Landes. Daher hat mein Haus für den Koalitionsvertrag ein alternatives Finanzierungsmodell vorgeschlagen. Der Kompromiss sieht vor: Einerseits zahlt das Land jährlich 30 Millionen Mark, andererseits entstehen Einnahmen aus Verkäufen von Grundstücken der Universität.

Universitätsklinika gehören eindeutig zu den Gewinner-Betrieben Berlins. Keine an-deren Institutionen im Land sind in der Lage, in solchem Umfang fremdes Geld nach Berlin zu mobilisieren wie die Hochschulklinika: Die Universitätsklinika sind die größten Drittmitteleinwerber, die das Land Berlin hat. Die Charité hat im Jahre 2001 rund 110 Millionen und das UKBF rund 50 Millionen Mark an Drittmitteln eingeworben. Diese Drittmittel stabilisieren im hochqualifizierten Bereich rund 2500 Arbeitsplätze. Außerdem haben die Universitätsklinika wegen ihrer hochspezialisierten Medizin eine überregionale Belegungsrate von etwa 20 Prozent. Dadurch fließen allein jährlich rund 250 Millionen Mark nach Berlin. Im Rahmen der Hochschulverträge hat die Universitätsmedizin gerade vor zwei Monaten für die gesamte nächste Legislaturperiode 145 Millionen Mark eingespart.

Im Zusammenhang mit den Hochschulverträgen soll eine hochkarätige Expertenkommission eingesetzt werden, die die Zukunftsentwicklung für die gesamte Universitätsmedizin begutachtet. Es wäre geradezu ein Witz, wenn noch vor Einsetzung der Expertenkommission schon eine tödliche Strukturentscheidung für die Unimedizin getroffen werden sollte.

Welche Auswirkungen hätte die Schließung des UKBF? Erstens: 2200 Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz, wenn Berlin 190 Millionen Mark einsparen will. Zweitens: Ein glatter Rechtsbruch der gerade verabschiedeten Hochschulverträge würde begangen werden. Drittens: Der Bund wird von Berlin 150 Millionen Mark wegen seiner erbrachten Bauinvestitionen zurückfordern. Viertens: MedizinstudentInnen können ihr Studium nicht beenden. Auch das wäre ein Rechtsbruch, denn die Charité kann keine zusätzlichen Studenten übernehmen.

Die Universitätsklinika sind Eckpfeiler eines biomedizinischen Entwicklungspotenzials für Arbeitsplätze. Berlin hat nicht viele perspektivreiche Wachstumsmotoren. Die Biomedizin, die Medizintechnik, die medizinischen bildgebenden Verfahren und EDV und die Pharmaindustrie gehören dazu. In Konkurrenz zu anderen Bundesländern haben wir hier sogar einen Vorteil. Alles dies würden wir auf einen Schlag ruinieren und Berlin als Metropole für Wissenschaft und wissensbasierte neue Arbeitsplätze einen schweren Schaden zufügen. Das Bein, auf dem man steht, hackt man sich nicht ab.

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