Gesundheit : Das Christentum darf die Gesellschaft nicht dominieren

Jürgen Habermas weist Glaubensvorstellungen i

Hubert Markl ist Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, die in ihren 81 Instituten und Einrichtungen Grundlagenforschung betreibt. Markl hat sich immer wieder zur gesellschaftlichen Bedeutung und Verantwortung der Forschung geäußert - zuletzt in einer viel beachteten Rede in Berlin, in der er auf die Kritik von Bundespräsident Rau an der Genforschung antwortete.

Fast religiöse Töne schlug Jürgen Habermas in seiner Friedenspreisrede zum Thema "Glauben und Wissen" an. Habermas eröffnete seine Ansprache in der Paulskirche mit dem Hinweis auf den Anschlag islamischer Terroristen auf New York, und er schloss mit der Auslegung eines Bibelzitats. Habermas trat als Verteidiger des Glaubens in der modernen Welt auf, als jemand, der religiöse Überzeugungen in die verweltlichte Gesellschaft hinein "übersetzt" wissen möchte, etwa beim Thema Gentechnik. In unserem Interview widerspricht der Biologe Hubert Markl dem "deutschen Staatsphilosophen".

Jürgen Habermas weist Glaubensvorstellungen in moralischen Fragen eine besondere Bedeutung auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft zu. Hätten die Umstände in diesen Tagen nicht eher geboten, auf Abstand zu religiösen Heilslehren zu gehen?

Ich glaube, dass Jürgen Habermas in dieser Rede, die wahrhaftig eine große Rede war, etwas sehr Wichtiges zum Ausdruck gebracht hat, selbst wenn ich am Ende zu anderen Schlüssen komme: Nämlich dass nicht nur bei uns im Lande, sondern weltweit das Bedürfnis spürbar ist, die ethischen Fundamente der Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Und dass man ernst nehmen soll, was die Religionen dazu beitragen, um ethische Fundamente im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Dabei wird ausgeklammert, dass Religion auch auf politische Abwege führen kann.

Ja, das erscheint zunächst paradox. Denn was immer man den Attentätern von New York vorhalten mag, eines wird es ja wohl nicht sein können - dass sie nicht religiös genug eingestellt waren. Im Gegenteil. Man hatte das Gefühl, dass dieser religiöse Glaube sie antrieb, diese auch für sie selber zerstörerischen Verbrechen zu begehen. Die Schlussfolgerung, dass es dann besser ohne Religion ginge, wäre allerdings kühn, und ich glaube, hier wollte Habermas widersprechen. Er wollte deutlich machen, dass die Religionen uns etwas zu sagen haben, was nicht in diesen Verirrungen zum Ausdruck kommt, sondern was zum Kernbestand der Ethik von Gesellschaften gehört.

Stimmen Sie zu?

Es hat einen einfachen Grund, warum ich seinen Schlussfolgerungen nicht zustimme. Sicher gibt es eine große gemeinsame Schnittmenge an ethischen Grundüberzeugungen in allen großen Religionen. Aber in etlichen Details sind ihre Lehren höchst verschieden. Dennoch erheben viele einen exklusiven Wahrheitsanspruch. Daher kann ich mir nur schwer vorstellen, wie weltweit eine Einigung über ein gemeinsames ethisches Fundament nun ausgerechnet von den Religionen geleistet werden könnte.

Welche Alternative sehen Sie?

Ich habe immer noch mehr Vertrauen in das, was die Menschheit sich seit der Aufklärung bemüht hat ständig voranzutreiben - nämlich ein Bewusstsein von Menschenwürde und Menschenrechten zu formulieren, die für alle Menschen gelten, sozusagen ein Grundbestand dessen, worauf jeder Mensch völlig unabhängig von seiner Religion Anspruch hat. Ich hatte Habermas eigentlich in der Vergangenheit immer so verstanden, dass er diese herrschaftsfrei argumentierende Kommunikationsgemeinschaft der Menschheit auch deshalb in das Zentrum seiner Diskursethik gestellt hat, weil er damit auf jeden einzelnen unabhängig von seinen Glaubensüberzeugungen Bezug nahm.

Sollen die Religionen eine Vetorecht haben in schwierigen und tiefgreifenden moralischen Fragen wie etwa der, ab wann das Menschsein beginnt?

Habermas hat nicht von einem Vetorecht gesprochen, das ist zu verkürzt. Er hat gesagt, dass religiöse Menschen, wenn sie denn in einer Minderheit sind, ein Recht darauf haben, gehört zu werden. Also nicht nur formal angehört, sondern dass man ihre Argumente ernst nimmt. Aber dazu gehört natürlich die Annahme, dass sie tatsächlich in der Minderheit sind.

Sind sie das denn nicht?

Mit Verlaub: In der Bundesrepublik, wenn wir jetzt die bioethische Debatte ansehen, kann ich das überhaupt nicht erkennen. Denn die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung gehört den christlichen Kirchen an, und es ist deutlich wahrgenommen worden, dass das Lehramt der katholischen Kirche oder die entsprechenden Institutionen der evangelischen Kirchen wie die Bischofskonferenz übereinstimmend ihre Sicht der Dinge dargelegt haben. Dass es hier eine religiöse Minderheit gibt, sehe ich nicht. Kirchen, Politik und Medien scheinen sich in der Frage der Stammzellforschung doch überwiegend einig in der Skepsis zu sein.

Und die Wissenschaft?

Wenn irgendeine Gruppierung hier eine Minderheitenposition hat, dann sind es wohl eher die Biowissenschaften - so wie sie sich zum Beispiel in der Erklärung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Forschung mit Stammzellen artikuliert haben: Ja zur Forschung an embryonalen Stammzellen, aber unter streng überwachten Rahmenbedingungen.

Vor kurzem hat auch der Münchner Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald die Biomedizin und wohl auch Ihre Person angegriffen. Frühwald sieht einen Zweikampf zwischen dem christlichen Abendland auf der einen und Sozialdarwinismus und Wissenschaftsgläubigkeit auf der anderen Seite. Schwingt da nicht auch die Kritik an der Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft mit, wie sie seit der Romantik besteht?

Da müssen sie mit Herrn Frühwald reden, denn er ist ein Spezialist für Romantik. Frühwald hat ja die Kritik der Kirchen an der Forschung mit Embryonen noch einmal bekräftigt. Das wesentlich Neue war wohl aber die Feststellung, dass auch die Kulturschaffenden, also zum Beispiel bedeutende Schriftsteller, auf Distanz zur Genforschung gehen. Ich nehme das zur Kenntnis. Aber ich bin der Ansicht, dass wir der Aufklärung unendlich viel verdanken an Befreiung des menschlichen Denkens aus der, wie Kant das sagte, selbst verschuldeten Unmündigkeit. Ich finde ehrlich gesagt den Zugewinn an Freiheit des Denkens und Entscheidens auch gegenüber früher vorherrschenden, sehr dominierenden religiösen Doktrinen einen solchen Gewinn für die Menschheit, dass ich das doch abzuwägen bitte gegenüber diesem angeblich so dramatischen Verlust durch Entzauberung. Es gibt nämlich auch sehr viel Verzauberung durch Aberglauben, durch Furcht vor unverstandenen Mächten. Also vieles, was ich mir nicht unbedingt zurückwünschen würde. Dichter mögen das anders sehen.

Sie sehen auch nicht den Zweikampf zwischen dem christlichen Abendland und dem Sozialdarwinismus?

Überhaupt nicht. Es geht eher um eine Auseinandersetzung zwischen der Aufklärung und einem viel stärker von einer Religion geprägten Bild des, wie Sie es nennen, christlichen Abendlands. Dem verdanken wir ganz sicher außerordentlich viel. Aber die heutige moderne Welt hat noch andere Wurzeln, etwa die große und lange Tradition der abendländischen Philosophie, angefangen bei den vorchristlichen Griechen. Diese Zweikampfpositionen geben die Situation nicht richtig wieder. Hinzu kommt, dass wir die unterschiedlichen Denktraditionen von Religion und philosophischer Aufklärung in unserem Menschenbild in Einklang bringen müssen. Ich glaube, wir sind dabei am besten beraten, wenn wir nicht so sehr ideologische Traditionen in den Vordergrund stellen, sondern das Fundament, auf das wir uns alle geeinigt haben.

Was sehen Sie als Fundament an?

Unsere Verfassung. Sie müssen sich vorstellen, wir reden hier über die Integration von Menschen aus verschiedenen Kulturen. Da haben wir die christliche Kultur, aber auch eine wachsende Zahl von Juden und eine MIllionenzahl von Menschen islamischer Herkunft. Schließlich gibt es auch noch viele Menschen, die sich keiner dieser Religionen zugehörig fühlen. Da kann es beim besten Willen nicht sein, dass die christliche Interpretation der kulturellen Werte die allein dominierende ist. Wir brauchen ein Wertegefüge, in dem sich alle wiederfinden können, und da sehe ich nur den menschenrechtlichen Verfassungskonsens.

Der englische Dichter John Keats hat der Wissenschaft vorgeworfen, mit ihren Naturgesetzen dem Regenbogen sein Geheimnis geraubt zu haben. Der Biologe und Publizist Richard Dawkins schließt sein Buch "Der entzauberte Regenbogen" mit einer versöhnlichen Utopie: Der Dichter Keats und der Naturforscher Isaac Newton könnten, wenn sie einander zuhören würden, "die Galaxien singen hören".

Ich sehe das etwas anders. Mich bezaubert wenig mehr als die Klarheit wissenschaftlicher Erkenntnis. Die moderne Kosmologie ist doch um so vieles hinreißender und schöner als das, was früher an Märchen über den Himmel erzählt worden ist! Märchen mögen hübsch zum Lesen sein, aber es ist doch intellektuell unglaublich viel befriedigender und begeisternder, wenigstens in die Nähe der Wahrheit über diese Dinge zu kommen. Ich frage mich, warum Drachen und verzauberte Seeungeheuer die Leute so begeistern. Die wahre Schönheit der Natur wird doch durch die Kenntnis der Wirklichkeit nur deutlicher. Das größte aller Wunder ist die Wahrheit, oder jedenfalls, dass wir ihr näher kommen können. Wer mir aber sagt, der Regenbogen hätte für ihn an Zauber verloren, weil er versteht, wie die Lichtbrechung in Wassertropfen erfolgt, der ist für mich ein armer Tropf.

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