Gesundheit : Das Denken beflügeln

Je schwieriger eine Entscheidung, desto weniger sollte man sich den Kopf zerbrechen – und umgekehrt

Bas Kast

Wenn Benjamin Franklin sich mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert sah, tat er Folgendes: Der berühmte Politiker, Naturforscher und Philosoph nahm ein Blatt Papier, spaltete es mit einer Linie in zwei Teile und notierte auf der einen Seite die Vor- und auf der anderen die Nachteile der Sache. Er sei, schrieb Franklin 1772 dem britischen Wissenschaftler Joseph Priestley, dem Entdecker des Sauerstoffs, mit dieser Vorgehensweise stets gut gefahren.

Viele von uns machen es wie Benjamin Franklin. Vor allem wenn die Entscheidung, vor der wir stehen, wichtig ist oder ins Geld geht. Wenn es sich zum Beispiel um den Kauf eines neuen Autos oder einer Eigentumswohnung handelt. Kaum einer käme dagegen auf den Gedanken, sich hinzusetzen, um sich über die Anschaffung eines Handtuchs oder einer Zahnpasta den Kopf zu zerbrechen.

Ein gravierender Fehler, wie der Psychologe Ap Dijksterhuis von der Universität Amsterdam findet. Mit einer Serie von Experimenten, erschienen in der aktuellen Ausgabe des US-Fachblatts „Science“, legt der Forscher nahe, die gebräuchliche Taktik umzukehren. Gerade über so etwas Alltägliches wie ein Shampoo, Handtuch oder eine CD kann man sich gar nicht genug Gedanken machen, sagt der Wissenschaftler. Geht es jedoch um den Erwerb eines größeren Möbelstücks oder Wagens, führt langes Räsonieren nur dazu, dass Sie am Ende unglücklich mit Ihrer Wahl sind.

In einem von Dijksterhuis’ Versuchen lasen Testpersonen die Beschreibung von vier Autos. Ein Auto zeichnete sich durch viele Vorzüge aus (es war neu, ließ sich gut fahren, hatte einen Flaschenhalter, einen guten Service und so weiter). Zwei andere Wagen lagen im Mittelfeld, das vierte glich einer Schrottkarre.

Eine Hälfte der Testpersonen bekam vier Eigenschaften über das Auto zu lesen (einfache Variante), die andere Hälfte zwölf (komplexe Variante). Wiederum eine Hälfte sollte nun vier Minuten lang sorgfältig über die Alternativen nachdenken. Der andere Teil wurde während dieser Zeit mit einem Wortspiel abgelenkt. Anschließend sollten alle ihre Wahl treffen.

Es zeigte sich: Diejenigen, die über die Autos nachgedacht hatten, entschieden sich überwiegend für das Auto mit den besten Eigenschaften. Sie trafen eine gute Wahl, und zwar häufiger als jene, die man abgelenkt hatte.

Erstaunlicherweise aber galt das nur für die einfache Variante. Als die Sache mit zwölf Informationen pro Auto komplexer wurde, scheiterten die Denker kläglich. Nun liefen jene, die nicht über die Autos hatten nachdenken können, zur Höchstform auf – und trafen die besten Entscheidungen.

Verblüfft über diesen Befund, gingen Dijksterhuis und seine Kollegen der Sache in der Praxis nach. Vielleicht hatten sie es ja nur mit einem Laboreffekt zu tun? Also befragten sie eine Gruppe von Menschen nach ihren Einkaufsgewohnheiten. Wie zu erwarten, stellte sich heraus: Die meisten von uns denken tatsächlich länger über teure Sachen wie einen Computer als über Shampoos nach.

Dabei sollten wir genau umgekehrt vorgehen. Wer vor dem Kauf eines simplen Produkts lange gegrübelt hatte, ergab auch der Praxistest, war im Nachhinein besonders zufrieden damit. Bei Computern, Handys und dergleichen verhielt es sich andersherum: Bei komplexen Gegenständen war man gerade dann glücklich mit seinem Kauf, wenn man möglichst wenig Gedanken darüber verloren hatte.

Wie lässt sich das erklären? Wie kann es sein, dass man den Verstand just dann ausschalten sollte, wenn es kompliziert wird? Die Vermutung der Forscher: Sich ablenken heißt in Wirklichkeit nicht, dass man den Verstand abschaltet – vielmehr delegiert man das Problem an sein Unbewusstes. „Und das Unbewusste“, sagt Dijksterhuis, „entwickelt gerade in schwierigen Situationen Vorteile.“

Das Bewusstsein ist wie ein Scheinwerferlicht: Es ist zwar äußerst präzise. Aber es beleuchtet nur einen kleinen Ausschnitt der Realität. Mit den insgesamt 16 (vier mal vier) Eigenschaften der Autos in der einfachen Versuchsvariante wurde das Bewusstsein noch fertig. Und weil es präzise ist, schneidet man bei simplen Entscheidungen am besten ab, wenn man bewusst über die Alternativen nachdenkt.

Das Unbewusste dagegen ähnelt eher einem Flutlicht, das eine große Fläche schwach beleuchtet. Präzision ist nicht seine Stärke. Wie viel macht 8 mal 13? Sie könnten die Aufgabe Ihrem Unbewussten überlassen, es käme nie zu einer Antwort. Dafür kann das Unbewusste viele Informationen gleichzeitig verarbeiten. Es kommt deshalb gut mit unübersichtlichen Situationen klar – besser als unser beschränktes Bewusstsein.

„Das sind elegante Experimente“, kommentiert der Psychologe Timothy Wilson von der Universität von Virginia in „Science“. Und der Nobelpreisträger Daniel Kahneman von der Princeton University in New Jersey urteilt, die Studie könne eine „neue Denkrichtung“ stimulieren.

Andere sind skeptisch: „Was heißt denn unbewusstes Denken?“, fragt zum Beispiel der Psychologe Helmut Jungermann von der Technischen Universität Berlin. „Und was wissen wir wirklich über die Kapazitäten, die das Unbewusste hat?“ Außerdem zweifelt der Forscher, ob sich die Güte eines Autos objektiv beschreiben lässt. Ob man etwa einen Flaschenhalter im Wagen gut findet, sei ja eine höchst subjektive Sache.

Dijksterhuis dagegen glaubt an die Macht des Unbewussten. Jene Personen, sagt er, die anfingen, bewusst über die 48 (vier mal zwölf) Eigenschaften der Autos nachzudenken, stießen seiner Meinung nach bald an die natürlichen Kapazitätsgrenzen. Überfordert klammerten sie sich an einige Details – und trafen eine schlechte Entscheidung.

Und die anderen, die abgelenkt wurden? Während bei ihnen der Verstand an der Sprachaufgabe knabberte, konnten die Eigenschaften der Autos in aller Ruhe zu den tieferen Schichten des Gehirns hinabsteigen, wo unbewusste Prozesse eine Bewertung vornahmen. Und da die Rechenleistung des Unbewussten nach Ansicht des Forschers größer ist als die des Bewusstseins, war es den Probanden möglich, zahlreiche Aspekte der Autos in Betracht zu ziehen und gegeneinander abzuwägen. Ähnlich wie es Franklin auf seinem Blatt Papier tat. „Das Unbewusste“, sagt Dijksterhuis, „ist manchmal rationaler als der bewusste Verstand.“

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