Gesundheit : Das Deutsche an der Germanistik

Im Zeitalter der Globalisierung wirken Nationalphilologien altmodisch. Ein Fach sucht seine Identität

Kerstin Decker

An den großen Fenstern des Senatssaals steht ein Mann und schaut melancholisch auf die Bücherstände draußen vor der Humboldt-Universität. Studenten, die lesen! Solche hat er am liebsten. In Texas waren es nicht viele. Der Mann am Fenster ist Germanist. Auslandsgermanist, würden die Inlandsgermanisten sagen. Dass man die Geschichte der Germanistik auch als Krisengeschichte schreiben kann, weiß der Dallas-Germanist schon lange. Er hat ja in Texas nicht einmal eine Kreditkarte bekommen. Die Bank konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man als Germanist überleben kann. Natürlich werden Menschen ohne Kredtikarte Melancholiker.

Hatte er denn auch Germanistik-Studenten – in Texas? Doch, doch, sagt er. Die wollten Flugbegleiter werden oder Ökonomen. Aber dann hat er mit ihnen doch Christa Wolf gelesen. In Texas. Das Professorengesicht leuchtet. Und die fanden das wirklich gut! – Eine freundliche Stimme kündigt die Fortsetzung der viertägigen Konferenz „Zukunftsperspektiven der Germanistik in Europa“ an. Europa! So ein texanischer Germanist hat es wirklich nicht leicht. Erst übersehen ihn die Kreditinstitute und dann die Germanisten. Drüben an der Tür sitzt ein Inder. New Delhi ist ja auch nicht unbedingt Kerneuropa.

Der Gipfel des Eigensinns

Jetzt kommt die Podiumsdiskussion: „Die Zukunft der Nationalphilologien im Europäischen Rahmen.“ Das Thema drückt eine tiefe Verlegenheit aus. Denn die Germanistik passt eigentlich gar nicht ins Zeitalter der Globalisierung, der Entmächtigung jeden Eigensinns. Sprachen sind der Gipfel des Eigensinns. Sprachen sind Höhlenphänomene. Jeder Mensch, wenn er seine Muttersprache lernt, bezieht eine Sprachhöhle. Von einer Sprachhöhle zur anderen gibt es aber keine einfachen Übergänge. Erweiterungsbauten sind unmöglich. Jede Sprache ist in sich rund, also vollkommen selbstbezüglich. Das muss die Germanistik nun ausbaden.

Aber ein Ausweg existiert, vermuteten die Organisatoren der Konferenz, der Deutsche Germanistenverband und der Deutsche Akademische Austauschdienst, und luden Abgesandte der verschiedenen Sprachhöhlen auf ein gemeinsames Podium. Vielleicht haben sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Helen Watanabe O-Kelly ist Irin und lehrt an der Oxford University in England Germanistik. Da ihr Spezialgebiet die Zeit von Grimmelshausen und Gryphius ist, läuft sie gar nicht Gefahr, nur gegen die Wände einer Sprachhöhle zu rennen. Denn wer Grimmelshausen verstehen will, muss Petrarca kennen und immer so weiter. Europa ist gar keine so neue Erfindung, wie die in Brüssel glauben. Das Mittelalter und die frühe Neuzeit waren auch schon gesamteuropäisch. Wenn die Völker aller Länder damals wie ihre Oberschichten genug Latein gelernt hätten, müsste jetzt niemand über „die Zukunft der Nationalphilologien im europäischen Rahmen“ nachdenken.

Der Anglist auf dem Podium scheint die besten Karten zu haben. Denn sind wir als Bürger der Gegenwart nicht alle irgendwie Anglisten, also professionelle Zweitsprachhöhlenbewohner? Als der Berliner Anglist Manfred Pfister studierte, studierte er England. Inzwischen ist England für die Anglistik, was es sowieso ist: eine Insel unter vielen. Außerdem finden die aufregensten Anglisten-Tagungen in Fremdhöhlen statt. 1991 war ich auf einer Anglisten-Tagung in Sofia, sagt Pfister, und der Sofioter Shakespeare-Arbeitskreis besteht noch immer. „Hamlet“ sei ja ohnehin ein europäisches Stück. Nicht nur, weil es in Dänemark und Wittenberg spielt, sondern vor allem wegen seiner Wirkungen. Die Rolle „Hamlets“ in europäischen Umbruchsituationen sei ein unerschöpfliches Thema! O-Kelly versteht die Sofia-Erfahrung ihres Kollegen. Die allerbesten Germanisten-Tagungen finden jenseits Germaniens statt. Doch da Inlands-Germanisten zu einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Auslands-Germanisten neigen, nehmen sie fast nie daran teil.

Als der Podiums-Romanist seinen Erfahrungsbericht beginnt, wird allen sofort klar, dass es sich hier um einen Vertreter der europäischen Ursprache handelt. Rund die Hälfte der Europäer spricht romanische Sprachen, sie haben also die offensten Sprachhöhlen.

Direkt in die Wunde

Die Germanistik trägt den Stein des Anstoßes schon im Namen. Das Germanische. Manche halten es noch immer eher für eine Krankheitsbezeichnung. Die Goethe-Institute haben es sich leicht gemacht. Sie sagen nicht mehr „deutsche Kultur“, sondern „Kultur in Deutschland“. Auf „Sprache in Deutschland“ sind sie aber noch nicht gekommen. Die Germanisten auch nicht. Der Germanist Klaus Michael Bogdal legt, nach Art der Wissenschaftler einen zweiten zitierend, den Finger direkt in die Wunde: „Sollte an der deutschen Literatur nicht doch etwas spezifisch Deutsches sein?“ Und ob, fanden die Romantiker. Ja aber, sagte Heine. Die Tagung nimmt ihre Spur auf.

Höhlen gelten als rückständig. Aber es gilt noch immer: Alles menschliche Leben kam aus der Höhle. Sie ist Heimat. Das heißt: Sprache ist Heimat. Und einfach umziehen in Euro-Sprachzelte, ist unmöglich. Wie also bewohne ich am besten Erst- und Zweithöhlen, ohne höhlenblind zu werden? Man muss genügend Aus- und Eingänge anlegen. Deren Architektonik erkundeten vier Tage lang Germanisten aus ganz Europa. Und aus Texas! Und aus Indien!

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