Gesundheit : Das deutsche Eiapopeia

Erziehungswissenschaftler untersuchen gemeinsam mit französischen Kollegen Kindheitsmythen und die Zukunft der Schule

Anja Kühne

Warum wollen deutsche Eltern, dass ihre Kinder im Kindergarten „schön basteln“, während französische Eltern wünschen, dass ihre Kinder möglichst früh schreiben und rechnen lernen? Um den Unterschieden zwischen dem deutschen und dem französischen Bildungswesen nachzugehen, kamen jetzt Erziehungswissenschaftler beider Länder in Berlin zusammen. Christoph Wulf (Freie Universität), der das vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützte Treffen gemeinsam mit Jacky Beillerot (Paris X-Nanterre) organisiert hat, sprach von einer Premiere. Denn überraschenderweise hat es bislang keinen engen Austausch zwischen den französischen und den deutschen Erziehungswissenschaftlern gegeben. Das Fach ist traditionell stark an der angelsächsischen Forschung orientiert.

Lieber basteln statt rechnen – diese typisch deutsche Elternhaltung erklärte Meike Baader (Potsdam) mit der Wirkmacht des romantischen Kindheitsmythos, der sich um 1800 in Deutschland herausbildete. Bis dahin hatte das Kindheitskonzept der Aufklärung dominiert. Danach war die Kindheit nur eine Übergangsphase. Sie war dazu da, dem Kind als tabula rasa Wissen einzuschreiben, um es für seine spätere Aufgabe in der Gesellschaft zu rüsten. Dagegen setzten die deutschen Romantiker die Idee der Kindheit als eine eigenständige Lebensphase, die ihren Sinn in sich selbst trägt. Das Kind ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern verfügt von Anfang an über eine eigene Persönlichkeit, deren Phantasie und Spieltätigkeit es zur vollen Entfaltung zu bringen gilt.

Diese Auffassung der deutschen Romantik wirkt bis heute – unbewusst – nach, wie Baader erklärte. So machen sich viele deutsche Eltern vor der Einschulung darüber Gedanken, ob ihr Kind schon alt genug ist, um Zensuren verkraften zu können. Dabei können sie sich auch auf die deutsche sozialwissenschaftliche Forschung berufen, die vor dem „Verschwinden der Kindheit“ warnt: Die Erwachsenen würden die Kindheit allzu stark auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse hin organisieren, anstatt dem Kind die Chance zur „Selbstsozialisation“ zu eröffnen.

Im republikanisch-elitär geprägten Frankreich sind solche Ängste genauso wenig zu verstehen „wie das moralische Gerede über die Ganztagsschule“, sagte Baader. Dort plagen die Eltern keine Gewissensbisse, ihre Kinder auch nachmittags nicht zu Hause zu betreuen. Vielleicht wirkt der Mythos auch deshalb so lange in Deutschland nach, weil die westdeutsche Pädagogik der sechziger und siebziger Jahre auf die romantisch beeinflussten Reformideen der Weimarer Zeit zurückgriff, um den Nationalsozialismus zu bewältigen. In der DDR dagegen war der Kindergarten immer als Teil der Volksbildung verstanden worden, entsprechend wurde nach einem ausgefeilten Curriculum unterrichtet. Zwar steht der romantische Gedanke der „Bildung als Selbstbildung“ in Deutschland auch in der Kritik – als „Schonraum-“ oder „Eiapopeia-Pädagogik“. Doch wird der alte Mythos dabei nur durch einen neuen ersetzt: durch das Bild vom Kind als „hochtourigem Lerner“, das seine Funktion in der Wissensgesellschaft zu erfüllen hat, wie Baader kritisierte.

Autoritäre Einzelkämpfer

Den französischen Wissenschaftlern war diese ganze Debatte fremd. Anders dagegen die Diskussion um den Beruf des Lehrers. „Wer durchhält, landet in der Psychiatrie“, sagte ein französischer Wissenschaftler. Schuld seien Politiker und Technokraten, die Reformanstrengungen behinderten – aber auch viele Lehrer: „Die Lehrer wollen den pädagogischen Teil der Arbeit nicht leisten, sie wollen immer nur das gleiche Programm vor dem gleichen Publikum abspulen.“ Noch immer werde in Frankreich die Vermittlung von Wissen gegen die Pädagogik ausgespielt. Der Lehrer als frontal unterrichtender autoritärer Einzelkämpfer – das gilt in Frankreich noch weit mehr als in Deutschland.

Claudine Blanchard-Laville (Paris) zeichnete jedoch ein positives Bild von den Leistungen der 30 „Instituts Universitaires de Formation des Maîtres“ (IUFM), in denen seit 12 Jahren alle französischen Lehrer ausgebildet werden. Die Studenten absolvieren ein halbjähriges Schulpraktikum und werden auch zu selbstständigen Vertretungsstunden in die Schule geschickt. In kleinen Gruppen, begleitet von Wissenschaftlern und erfahrenen Lehrern, diskutieren sie gemeinsam Schulprobleme. Blanchards Vision: Bis zum Jahr 2020 werde man Lehrer in die Schulen entlassen, die zu mehrsprachigem Unterricht mit Schülern unterschiedlichen Alters fähig sind, im Team arbeiten und sich nachmittags mit anderen Spezialisten austauschen. Ein französischer Wissenschaftler nannte Blanchards Bild „sehr idealistisch“. Seine Erfahrungen mit den IUFM hätten ihn desillusioniert: „Im Jahr 2020 wird die Schule ein Ort der Gewalt sein.“ Auch die deutschen Zuhörer hielten die Vision für zu rosig. Es sei zu fragen, warum die alten Forderungen seit Jahren nicht realisiert würden.

Neue Aufgaben sah Annette Scheunpflug (Erlangen) mit der Globalisierung auf die Erziehung zukommen. Ist der Mensch mit seiner seit Jahrmillionen festgelegten Biologie überhaupt für die neuen Anforderungen in einer komplexen Weltgesellschaft gewappnet?, fragte sie. Die Schule werde die evolutionär an ein übersichtlicheres Leben angepassten Gehirne besonders schulen müssen. Der Vorstellung, der Mensch sei biologisch für ein Leben in der von ihm selbst geschaffenen Kultur nicht geeignet, wollten die Wissenschaftler jedoch nicht folgen. „Ich bin überrascht, welche Bedeutung Sie dem biologischen Aspekt beimessen“, sagte ein Franzose. In Frankreich habe der Verweis auf die Biologie einen reaktionären Unterton, so dass das Thema unter Erziehungswissenschaftlern unüblich sei. „Es ist dem Menschen von Natur aus immanent, kulturell zu sein“, sagte ein deutscher Forscher. So sei es sinnlos, beides zu trennen – zumal, da das Gehirn sich erst in der Jugend voll ausbilde.

Die eigentliche Herausforderung der Globalisierung sahen sowohl Franzosen als auch Deutsche im multikulturellen Unterricht, der hier wie dort wegen der sprachlichen Barrieren nur schwer gelingt. Die Forscher wollen den Kontakt fortsetzen, um weiter gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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