Gesundheit : Das Ende der Evolution: Warum die Klonierung von Menschen verboten bleiben muss

Alexander S. Kekulé

Durch den Theaterdonner um die Menschenzüchter-Rede des Philosophen Peter Sloterdijk hat die Diskussion um die Klonierung von Menschen wieder für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeitsschwelle der Medien überschritten. Mit welchem Ergebnis? Der Donner ist verhallt, - aber die Antwort auf die Frage, ob "Klonen" wirklich so gefährlich sei, ist untergegangen. Den Epilog durfte in der "ZEIT" ausgerechnet der für seine Technologiehörigkeit berüchtigte Rechtsphilosoph Ronald Dworkin halten, der prompt argumentative Beruhigungspillen gegen "Die falsche Angst, Gott zu spielen" austeilte.

Der philosophische Flankenschutz kommt Biotechnologen und Reproduktionsmedizinern zu pass, die das seit 1991 geltende Embryonenschutzgesetz, das die gentechnische Manipulation der menschlichen Erbeigenschaften kategorisch verbietet, gerade mit Ausnahmeregelungen durchlöchern wollen. Etwa um die "Präimplantationsdiagnostik" (PID) zu legalisieren, bei der künstlich befruchtete Eizellen genetisch analysiert werden, so daß ein (erb-)fehlerfreier Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden kann. In England ist die Methode erlaubt, um bei Paaren mit erhöhtem Risiko bestimmte Erbkrankheiten auszuschließen. Bei uns ist sie verboten, da im Prinzip auch jede andere gentechnisch diagnostizierbare Eigenschaft als Selektionskriterium dienen kann. Das Geschlecht läßt sich mit der PID bereits vorherbestimmen, und in naher Zukunft können Embryos herausgesucht werden, die weniger anfällig für Infektionen, Fettsucht oder Gefäßverkalkung sind. Bei dieser Gelegenheit könnte dann das eine oder andere defekte Gen gleich mit repariert werden, etwa um die Häufigkeit von Krebs zu senken.

Was spricht dagegen, von Geburt an gesunde und leistungsfähige Menschen zu klonieren, statt sie ein Leben lang medizinisch behandeln zu müssen? Ist die gentechnische Optimierung des Nachwuchses nicht die logische Fortsetzung der Menschenzüchtung durch Partnerwahl, wie sie in allen Kulturen schon immer stattgefunden hat?

Zweifel am Optimismus der Menschenzüchter sind angebracht. Mit der Veränderung einzelner Gene greifen wir irreversibel in Mechanismen ein, die sich seit Beginn der Evolution vor drei Milliarden Jahren entwickelt haben und deren komplexes Zusammenspiel wir nicht einmal ansatzweise verstehen. Jede Woche erscheinen neue Berichte über vollkommen unerwartete Eigenschaften geklonter Labortiere, zum Beispiel gehäuftes Auftreten von Leukämien, Unfruchtbarkeit oder vorzeitiges Altern. Und selbst wenn die unmittelbaren Nebenwirkungen kontrollierbar wären, könnte ein genetischer Eingriff, etwa zur Senkung des Krebsrisikos, noch zehn oder hundert Generationen später die Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen oder neue Infektionserreger verhindern. Kein Gentechniker hätte jemals die Tatsache vorhersehen können, daß die in Afrika weit verbreitete Sichelzellen-Anämie, eine Erbkrankheit, die Widerstandsfähigkeit gegen Malaria erhöht.

Angesichts der Perfektion, die der Mensch (und die restliche Natur) durch die Darwinsche Evolution erreicht hat, mutet der Versuch, den Zufall von Mutation und Selektion zu beenden und unser genetisches Schicksal nun selbst in die Hand nehmen zu wollen, schlicht größenwahnsinnig an.

Auch ein begrenzter Einsatz der Klonierung, etwa unter internationaler Kontrolle, ist nicht realistisch. Steht die genetische Optimierung einmal zur Verfügung, sind Erbkrankheiten kein Schicksal mehr, sondern ein für jedermann sichtbares Versäumnis der Eltern. Wer schlecht in der Schule ist, wird seinen Erzeugern vorwerfen, nicht mehr Geld für die Klonierung ausgegeben zu haben. Da sich geklonte Eigenschaften weiter vererben, ist zu erwarten, daß Kreuzungen zwischen den Gen-Kasten gesellschaftlich geächtet werden, sofern sie biologisch überhaupt noch möglich sind. In jedem Falle wäre die Gleichheit von Chancen und Rechten, die das Fundament jeder demokratischen Weltordnung bildet, unwiderruflich verloren - und an einen internationalen Konsens über den Umgang mit der Gentechnik undenkbar. Außer der irrationalen Angst, Gott zu spielen, gibt es also handfeste Gründe, auf die Klonierung von Menschen zu verzichten.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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