Gesundheit : Das Ende eines Konkurrenzkampfs der Eitelkeiten

Uwe Schlicht

An Mut fehlt es den Experten nicht. Sie haben in einer fast aussichtslosen Situation der Berliner Hochschulmedizin eine neue Zukunft eröffnet. Ob die Stadt und die Universitäten die Chancen auf diesem neuen Weg erkennen – das ist die Frage. Aussichtslos erschien die Situation insofern, als die unumstößliche Sparvorgabe Klaus Wowereits von 98 Millionen Euro die Aufgabe eines Universitätsklinikums bedeutet. Denn genau diese 98 Millionen Euro entsprechen dem Staatszuschuss für Forschung und Lehre des FU-Klinikums Benjamin Franklin.

Wenn jetzt die 98 Millionen Euro erbracht werden, ohne sofort einen der drei Klinikumsstandorte aufzugeben, dann geht das nur, wenn man zu revolutionären Alternativen greift. Die Aufgabe von 1300 Klinikumsbetten ist noch nicht diese revolutionäre Alternative. Revolutionär ist aber der Gedanke, dass zwei Universitäten in Berlin, die Humboldt-Universität und die Freie Universität, künftig in der Medizin eine Fakultät gemeinsam zu führen haben.

Aus dem Konkurrenzkampf der Eitelkeiten muss jetzt die Kooperation wachsen. Das erfordert einen neuen Geist, der weit über die kollegiale Zusammenarbeit einzelner Mediziner hinausgeht. Die Chancen sind gut, dass unter diesen Bedingungen die Berliner Universitätsmedizin als Ganzes ihren Spitzenplatz in Deutschland behält.

Richtungweisend ist die Empfehlung der Experten, die Hochschulmedizin nach ihren Stärken zu organisieren und dabei besonders auf die Verbindung und räumliche Nähe der Medizin zu den Naturwissenschaften zu setzen. In dieser Nähe liegt die Zukunft der Forschung. Diese Ausrichtung kommt den Standorten Mitte der Charité und Benjamin Franklin entgegen, sind doch Max-Planck-Institute in unmittelbarer Nähe der Freien Universität und der Humboldt-Universität angesiedelt. Die Nähe zu den Naturwissenschaften verschafft der Freien Universität in Zukunft sogar noch einen weiteren Standortvorteil, weil die Naturwissenschaften in Dahlem konzentriert bleiben, die der Humboldt-Universität in Mitte jedoch nach Adlershof verlagert werden.

In Berlin bestimmen seit Jahrzenten Kiezpolitiker über das Schicksal der Universitäten. Für sie waren Wahlkreise und damit Bezirkskrankenhäuser, die bestimmten Wahlkreisen zuzuordnen waren, mehrfach wichtiger als Universitätsklinika mit Gesamtberliner Anspruch. Und Berliner Kiezpolitikern standen die Sorgen der Krankenkassen, die wegen der Überalterung der Berliner Bevölkerung aus ihren Defiziten nicht herausfinden, verschiedentlich näher als gut verdienende Klinikchefs in ihren weißen Kitteln. Der Wissenschaftsrat hat diese Berliner Absonderlichkeiten in seinem Charité-Gutachten von 1998 angeprangert.

Ein Universitätsklinikum dient in erster Linie der Forschung und Lehre sowie der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und dann erst der Krankenversorgung auf höchstem Niveau. Deswegen können die Krankenkassen mit ihrer Forderung, immer mehr Betten bei den Universitätsklinika zu streichen, dann kein Gehör mehr finden, wenn der Kernbereich eines Universitätsklinikums in Forschung und Lehre dadurch gefährdet wäre. Die Expertenkommission hat mit 2200 Universitätsbetten eine neue Grenze für das künftige gemeinsame Universitätsklinikum Berlin gezogen. Die Experten machen keinen Hehl daraus, dass die jetzt zu erbringende Einsparung von 98 Millionen Euro einen Aderlass bedeutet, der nicht mehr wiederholt werden kann.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich, wie aberwitzig die Planspiele im Hause des Finanzsenators Thilo Sarrazin sind, in der Berliner Universitätsmedizin weitere 204 Millionen Euro einzusparen. Dann wird es keine Universitätsmedizin in Berlin mehr geben. Die Erfahrung mit der Berliner Hochschulpolitik zeigt, dass selbst feierliche Versprechen und Bestandsgarantien des Regierenden Bürgermeisters für die Hochschulmedizin ebenso wenig Bestand hatten wie deren Festschreibung im Hochschulmedizingesetz von 1995. Das Votum der Experten soll nun in ein neues Hochschulmedizingesetz münden. Zuvor muss jedoch noch der Wissenschaftsrat das Expertenvotum begutachten.

Dem Wissenschaftsrat kann man nur eine Empfehlung geben: bei dieser Gelegenheit den Berliner Politikern unverblümt zu sagen, dass sich die deutsche Wissenschaftsszene jeder weiteren Mitarbeit für Berliner Politikinteressen verweigern wird, wenn nach kurzer Zeit auch dieses Expertenvotum im Papierkorb landen würde. Drohungen mit dem Ansehensverlust sind das einzige Mittel, das der sonst ohnmächtigen Wissenschaft gegenüber Kiezpolitikern noch zur Verfügung steht. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben das bei der angekündigten Kürzungspolitik in diesem Jahr erfolgreich gegenüber dem Berliner Senat angewandt.

In einem sollte man dem Expertenvotum nicht folgen: die neue gemeinsame Fakultät und das künftige Großklinikum „Universitätsmedizin Berlin“ zu nennen. Im internationalen Konkurrenzkampf mit Harvard, Stanford oder Oxford zählen einprägsame Namen, die eine Universität unverwechselbar machen. Ein Bürokratenname „Universitätsmedizin Berlin“ bliebe weltweit blass. Der Begriff Charité darf nicht untergehen. Die Freie Universität sollte in den sauren Apfel beißen und den Gesamtnamen Charité akzeptieren, selbst wenn sie dann auf ihre amerikafreundliche Assoziation „Universitätsklinikum Benjamin Franklin“ verzichten muss.

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