Gesundheit : Das ewige Leben lockt

Immer mehr junge Amerikaner fühlen sich von Gott berufen, ein christliches College zu besuchen – und werden dort zu Missionaren

Sonja Bonin

BETEN UND STUDIEREN: DIE CHRISTLICHE RECHTE IN DEN USA

Die Morgensonne macht sich über dem Campus breit. Durch die Baumwipfel schimmert Lake Washington. Dahinter schwebt wie ein Scherenschnitt die Kette der Olympic Mountains. Es ist eine schöne Gegend, der Pazifische Nordwesten der USA. In Kirkland, auf der sogenannten „East Side“ von Seattle, wo die Angestellten von Microsoft, Amazon und Starbucks wohnen, liegt das Northwest College. Eichhörnchen huschen über den Campus, Studenten schlürfen den ersten Cappuccino des Tages, Professoren eilen mit Stapeln von Kopien Richtung Klassenraum. Ein ganz normaler amerikanischer College-Alltag beginnt.

Ein ganz normaler College-Alltag? Nicht ganz. Denn bevor diese Studenten sich an die Arbeit machen, gehen sie in die Kirche. Drei Mal die Woche „Kapelle“ ist hier Pflicht, für Studis, Lehrer und die Angestellten. „Wir wollen nicht nur für die akademische, sondern auch für die spirituelle Entwicklung unserer Studenten sorgen“, erklärt die PR-Beauftragte, Tiffany Self.

Northwest College gehört den „Assemblies of God“ an, einer christlichen Religionsgemeinschaft, die glaubt, dass Jesus eines Tages auf die Erde zurückkehren wird, um sein tausendjähriges Reich zu errichten. Für die Rechtgläubigen beginnt dann das ewige Leben, allen Sündern droht die ewige Verdammnis in einem See aus Feuer. Die Assemblies of God haben weltweit mehr als 40 Millionen Anhänger und betreiben 19 Colleges in den USA. Sie nehmen die Bibel als „die einzige und unfehlbare Autorität“ wörtlich, lehnen Homosexualität, Abtreibung und die Evolutionstheorie ab.

Keine Spaghettiträger bitte

Konservativ-christliche Werte prägen den Schulalltag in Northwest. Jeder Student, jeder Lehrende, jeder Angestellte unterschreibt zu Beginn eine Art Glaubens-Vertrag mit dem College. Obwohl die Studenten aus unterschiedlichen Kirchen kommen – ungefähr die Hälfte gehört den Assemblies of God an, die andere Hälfte verschiedenen anderen christlichen Konfessionen – einigen sich alle auf dieselben grundsätzlichen Glaubensinhalte. Für den Alltag bedeutet das: Die Teilnahme an Bibelstunden, Gebeten und Gottesdiensten auf dem Campus wird ebenso erwartet wie die aktive Mitarbeit in einer lokalen Kirchengemeinde. Es gibt einen „dress code“ (Spaghettiträger, Ohrringe an Männern und Tattoos sind verboten), und zur abendlichen Sperrstunde haben sich Männer und Frauen getrennt in ihren Wohnheimen aufzuhalten. Sex vor der Ehe ist tabu, und auf dem Campus sind Tabak, Alkohol und Tanzen untersagt.

Unter den Studenten besteht ein Gruppendruck, die strengen Regeln einzuhalten: „Das Mädchen, das in der Kirche vor uns saß, mit dem Minirock und dem Tattoo? Ich bin sicher, dass ihr studentischer Hausflur-Verantwortlicher ein Wörtchen mit ihr zu reden hat“, erklärt Tiffany Self fröhlich. „Wir sind stolz auf diese Kultur. Die Studenten kümmern sich sehr um das Seelenheil ihrer Kommilitonen.“

Vergil Brown findet das alles „eher hilfreich als einschränkend“, erklärt er beim Mittagessen in der Mensa. „Klar gibt es hier mehr Regeln als anderswo. Aber die sollen uns nur helfen, in Ruhe und ohne Ablenkungen studieren zu können.“ Der gutaussehende Schwarze hat gerade einen Sommer in einem Bibel-Camp in Montana verbracht. Wie die meisten Northwest-Studenten fühlt er sich persönlich von Gott berufen, hierher zu kommen. Alle Studenten bewerben sich bei Northwest mit Empfehlungsschreiben von einem Priester und einem christlichen Erwachsenen. Während Bewerber an weltlichen Universitäten ihre akademischen Ziele erläutern müssen, berichten diese jungen Menschen über ihr Leben als Christ oder ihr Erweckungserlebnis. Vergil studiert im vierten und damit letzten Jahr für das Priesteramt. Er hatte einmal ganz andere Pläne. „Ich hatte mir eine Karriere in Basketball vorgestellt. Dann verletzte ich mich, meine Freundin verließ mich, meine Familie zog weg. Das war der Punkt in meinem Leben, an dem ich mich komplett Jesus ausgeliefert habe.“

Erstsemester Sheena Welk ist gerade 18 und verfolgt mit ihrem Studium eine ausgeklügelte Strategie: „Eine Ausbildung als Krankenschwester wird mir helfen, in bestimmte Länder einreisen zu dürfen“. Die ernste, zierliche junge Frau weiß ganz genau, was sie will: Missionarin werden in irgendeinem Land der dritten Welt, vielleicht Afrika. Mit Kindern zu arbeiten wäre schön, meint sie, es gibt ja so viele Aids-Waisen auf der Welt. „Krankenschwestern werden überall gebraucht. Darum ist diese Ausbildung ein guter Weg.“ Missionieren durch die Hintertür.

Um Geld zu sparen, hat Vergil Brown zunächst einige Grundkurse an einem günstigeren, öffentlichen College in Tacoma belegt, bevor er nach Kirkland kam. „Dort hatte ich einen homosexuellen Philosophieprofessor“, schnaubt er verächtlich. „Das Schwierigste ist, wenn man von Leuten lernen soll, deren Meinung und Lebensstil man nicht teilt: Wenn es zum Beispiel um Abtreibung geht. Oft habe ich offen widersprochen, und meistens war ich der einzige!“

In Northwest fühlt sich Vergil wohler. Das College macht keinen Hehl aus ihrem primären Ziel: Missionare für Christus auszubilden – sei es im Haupt- oder Nebenberuf. Tiffany Self erklärt: „Seit sich das College von einer Bibelschule zu einem vollwertigen College mit Magister- und sogar zwei Doktoratsabschlüssen entwickelt hat, sind viele Ehemalige regelrecht erleichtert. Man kann jetzt guten Gewissens Wirtschaft studieren und Buchhalter werden und trotzdem Gottes Willen erfüllen." Wer zum Beispiel einen Magister in Psychologie macht, belegt auch Kurse wie „Biblische Vorstellungen“ und „Glaube und Psychologie“. Das Seminar „Geographie des Heiligen Landes“ lassen sich einige Studenten als biblischen Kurs anerkennen – viele aber auch als Erdkunde-Kurs, etwa für angehende Schullehrer. Selbst scheinbar weltliche Klassen wie Essay-Schreiben für Anfänger beginnen mit einem Gebet.

Seit 30 Jahren ist Northwest College von den regionalen Behörden anerkannt. Jeder hier erworbene Bachelor- oder Masters-Abschluss ist gleichwertig mit dem einer staatlichen Universität. Krankenschwestern und Lehrer können damit ebenso überall arbeiten wie ihre weltlich ausgebildeten Kollegen. Für die Zukunft hofft Northwest sogar auf direkte staatliche Zuwendungen.

Steuergelder für Stipendien?

Vielen Amerikanern geht das zu weit. Grundsätzlich arbeiten private Colleges in den USA wie Privatunternehmen, werden aber steuerlich als gemeinnützig begünstigt. Drei Viertel der im Northwest College Immatrikulierten erhalten ein Stipendium oder Darlehen. Und hier beginnt die Crux: Studentendarlehen sind staatlich begünstigt, und einige der wichtigsten Stipendien kommen vom Staat oder Bundesstaat. Kritiker befürchten, dass dadurch indirekt Steuergelder private religiöse Institutionen unterstützen – eine Vorstellung, die in den Augen vieler Amerikaner gegen die Verfassung verstößt.

Umgekehrt wehrt sich gerade ein ehemaliger Northwest-Student gegen den Staat Washington. Die Behörden hatten ihm ein Stipendium zugesichert, dann aber wieder entzogen, als bekannt wurde, dass er vorhatte, Theologie zu studieren. Bei einer Verhandlung des Falls Joshua Davey vor dem Supreme Court im Dezember zeigten sich die Verfassungsrichter tief gespalten; ein Urteil ist noch nicht gesprochen. Amerikanische Bürgerrechtsorganisationen betrachten den Fall als einen der wichtigsten seit Dekaden. Eine Entscheidung zu Gunsten von Davey wäre „ein Desaster“, so eine Vertreterin von „Americans United for the Separation of Church and State“: „Amerikaner sollten nicht gezwungen werden, für die Ausbildung von Geistlichen zu zahlen.“ Die religiöse Rechte dagegen feiert den Fall als Gelegenheit, „die auf den Glauben ausgerichtete Diskriminierung zu beenden“.

Die Wirtschaftsanalytikerin Lori Skudler ist zwiegespalten in dieser Angelegenheit. Sie hat ein überaus konservatives College der Southern Baptist Church, Liberty University in Virginia, besucht. „Die Vorstellung, dass Unis wie Liberty Geld vom Staat bekommen, finde ich sehr unangenehm. Aber es gibt Universitäten wie Seattle Pacific University, die als christliche Institutionen angefangen haben, und inzwischen einfach gute und liberale Schulen sind“, meint sie. Diese Universitäten sollten vielleicht die Möglichkeit haben, auch staatliche Gelder zu beantragen.

Rückblickend betrachtet die 37-Jährige ihre College-Zeit als nicht immer angenehmes Experiment. „Sie sprachen geradezu hasserfüllt über Homosexuelle. Die Rolle der Frauen war extrem konservativ, und Paare unterschiedlicher Hautfarbe wurden besonders kritisch beäugt.“ Ihre eigenen Eltern dagegen, obwohl selbst Missionare und sehr konservativ, hätten ihr „großen Respekt vor allen Menschen, egal wo sie herkommen“ beigebracht. „Ich denke, ein College hat die Aufgabe, junge Menschen zu kritischen Denkern zu erziehen. Diese Aufgabe hat Liberty nicht erfüllt. Sie haben aber den Zweck erfüllt, den sie erfüllen wollten: Menschen in einem bestimmten christlichen Sinn zu guten Bürgern und Missionaren zu erziehen.“

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