Gesundheit : Das Fachwissen eines Lehrers zählt

Die in Berlin geplante Studienreform wird zu Lasten der Schüler gehen/ Von Widu-Wolfgang Ehlers Foto:Rückeis

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An allen Berliner Universitäten werden zur Zeit Studiengänge erarbeitet, die an die Stelle der bisherigen Diplom, Magister- und Lehramtsstudiengänge treten sollen. Grundsätzlich folgt dabei auf eine sechssemestrige Ausbildung, die mit dem Bachelor (BA) abschließt, ein in der Regel viersemestriger Master-Studiengang (Abschluss MA).

Während sich innerhalb der Universitäten des Landes Berlin Einigkeit über die Struktur der fachwissenschaftlichen BA-Studiengänge abzeichnet, gibt es sowohl zwischen den Universitäten als auch zwischen Universitäten und Senatsschulverwaltung erhebliche Differenzen über Formen und Inhalte der künftigen Lehramtsausbildung.

Die Regierungsparteien des Abgeordnetenhauses favorisieren zur Zeit eigenständige Lehramtsstudiengänge mit hohen fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlichen Anteilen bereits in der grundlegenden Bachelor-Phase. Demgegenüber plädieren große Teile nicht nur der Freien Universität Berlin in Übereinstimmung mit dem Wissenschaftsrat für eine einheitliche fachwissenschaftliche Ausbildung aller Studierenden in der Bachelor-Phase und für eine Konzentration der speziellen Lehramtsanteile in der Master-Phase beziehungsweise im Referendariat.

Aus der Sicht des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin gibt es dafür zwei entscheidende Argumente, die nicht aus der „Arroganz der Fachwissenschaften“ (wie sie der PDS-Bildungsexperte Benjamin Hoff nennt und abschaffen will) hervorgehen, sondern aus ihrem Verantwortungsbewusstsein für die Ausbildung künftiger Lehrer- und Schülergenerationen:

1. Da die Bachelor-Phase nur sechs Semester und eine begrenzte Zahl von Lehrveranstaltungen umfasst, führt jede fachdidaktische und erziehungswissenschaftliche Lehrveranstaltung in diesem Studienabschnitt zwangsläufig zu einer Reduzierung der fachwissenschaftlichen Ausbildung, der unerlässlichen inhaltlichen Grundlage für jede spätere didaktisch-methodische Behandlung und Vermittlung fachbezogener Inhalte.

Fachwissenschaft lässt sich im Studium nicht nebenher erledigen, und ein Fachlehrer ohne überzeugende Fachkenntnisse wird bei Schülern wie bei Eltern nicht als Autorität akzeptiert.

2. Würde das Berliner Lehrerbildungsgesetz in der bisher bekannten Form (siehe Tagesspiegel vom 16. Juni, S. 28) verabschiedet, würde also eine separate Lehramtsausbildung eingeführt, wäre das Gesetz in der Praxis nicht umsetzbar. Denn erstens sind im Bereich der Fachdidaktiken keine auch nur annähernd hinreichenden Lehrkapazitäten vorhanden und zweitens verfügen die Berliner Universitäten nach der Halbierung ihres Lehrpersonals in den letzten zehn Jahren und angesichts der auf sie zukommenden weiteren gravierenden Kürzungen nicht über freie Lehrkapazitäten für die geplanten zusätzlichen Bachelor- und Master-Studiengänge der Lehramtsausbildung. Die gegenwärtigen Kapazitäten reichen für das ‚Konsekutivmodell’ (gemeinsamer fachwissenschaftlicher Bachelor, dann erst separate Master-Studiengänge für das Lehramt) gerade aus.

Als Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität sehe ich in den bisher bekannten Vorschlägen von landespolitischer Seite die große Gefahr einer deutlichen Verschlechterung der gegenwärtigen Lehramtsausbildung an den Berliner Universitäten zu Lasten der künftigen Schülergenerationen und zu Lasten von Wirtschaft und Wissenschaft, die jahrzehntelang unter den Folgen leiden werden und mit ihnen fertig werden müssen.

Die Bereitschaft zur Mitarbeit auch und gerade an der Reform der Lehramtsstudiengänge ist in den Universitäten vorhanden. Der mangelnde Realitätssinn mancher Bildungspolitiker und ihre Neigung zu landespolitischen Alleingängen ist ein Ärgernis.

Der Autor ist Professor für Klassische Philologie und Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität.

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