Gesundheit : Das finale Hochzeitsgeschenk

Tiere fressen ihre Artgenossen aus Hunger oder wegen Sex – selbst Bakterien machen ihresgleichen zu Brei

Elke Binder

Passion war eine grausame Mörderin. Eines Tages überfiel sie eine rangniedrigere Mutter, raubte deren Kinder – und verspeiste sie. Damit nicht genug. Noch zwei Mal musste die Affenforscherin Jane Goodall in den 70er Jahren mit ansehen, wie die Schimpansenfrau im Nationalpark Gombe in Tansania mit ihrer Tochter als Komplizin kleine Schimpansen entführte und fraß.

Warum fressen Schimpansen ihresgleichen? Aus Bosheit, Rache oder Hunger? Die Forscher fanden bisher keine Erklärung. Da Kannibalismus bei Schimpansen eher selten vorkommt, könnten es einfach nur die Taten extremer Außenseiter sein.

Bei vielen Tieren sieht das anders aus: Vögel tun es und Insekten tun es. Auch Reptilien, Fische oder Säugetiere ergötzen sich hin und wieder am Fleisch von Artgenossen. Jetzt haben Forscher von der Harvard University sogar unter Bakterien Kannibalismus gefunden, wie sie jüngst im Fachblatt „Science“ berichteten.

Das Bodenbakterium „Bacillus subtilis“ macht demnach seine einzelligen Artgenossen schlichtweg zu Brei. Es sondert einen „killing factor“ ab und frisst das aufgelöste Opfer dann auf. Erst die Not macht das Bakterium zum Killer. Mangelt es an Nahrung, wandelt es sich normalerweise in eine überlebensfähige Spore um. Doch das braucht Zeit. Günstiger ist es, die Verwandlung herauszuschieben und auf bessere Zeiten zu warten.

Größere Lebewesen haben andere Gründe, Artgenossen zu fressen. Warane, das sind in Afrika oder Australien lebende Echsen, tun es aus Hunger; Spinnen wegen ein bisschen Sex; Kaulquappen und Ruderfußkrebse, wenn es ihnen im Wasser zu eng wird.

Extraportion Eiweiß

„Das Phänomen ist bei den meisten Arten erklärbar“, sagt Verhaltensforscher Günther Tembrock von der Berliner Humboldt-Universität. Löwen etwa geht es um die Weitergabe ihrer Gene. Übernimmt ein Männchen ein Rudel, frisst es rücksichtslos alle Kinder der alten Erbfolge auf. Dabei ist das Löwenfleisch zwar ein willkommener Leckerbissen, vor allem aber werden die ihrer Jungen beraubten Weibchen schneller wieder empfänglich – für den Nachwuchs des neuen Herrschers. Ein ähnliches Verhalten haben Biologen auch bei Bären beobachtet.

Junge Hyänen töten sogar die eigenen Geschwister. Damit schalten sie ihre unmittelbaren Konkurrenten im Kampf um Nahrung aus. „Die Tötung ist allerdings nicht ursächlich darauf ausgerichtet, die Tiere dann auch aufzufressen“, sagt Heribert Hofer, Direktor des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Tatsächlich verleiben sich meist die anderen Gruppenmitglieder die Extraportion Eiweiß ein.

Kannibalismus kann aber auch ein Mittel der Kriegsführung sein, wie bei den Hyänen, die im Kampf getötete Gegner bisweilen auffressen. „Das Opfer eines Kannibalen ist meist ein schwächeres Tier“, schreibt der Biologe Mark Elgar von der australischen University of Melbourne in seinem Buch „Cannibalism“. Erwachsene Tiere fressen die Jungen, die wiederum die noch Jüngeren. Haie haben das auf die Spitze getrieben: Schon im Mutterleib verspeist der Nachwuchs des Sandtigerhais Eier und kleinere Embryonen.

Finessen der Evolution

Skorpione erschließen sich auf diese Weise neue Nahrungsquellen, wie Forscher der Universität von Nevada in Las Vegas beobachteten. Die jungen Skorpione sammeln in der Wüste allerlei Naschereien und werden nicht selten von den erwachsenen Tieren gefressen. Nicht selten landen sie sogar im Magen ihrer Mütter – ein Paradox im Lichte der Evolution. Denn die eigenen Gene werden dadurch vernichtet.

Ein ähnliches Verhalten ist auch bei einigen Nagetieren zu beobachten. Mäuse und Hamster fressen ihre schwächsten Jungen, wenn die Nahrung knapp wird. Warum stoppen Mütter die Weitergabe der eigenen Gene? Sie „recyceln“ die körperlichen Ressourcen – bis neue Nachkommen bessere Überlebenschancen haben, vermutet Elgar.

Die Finessen der Evolution kennen kaum Grenzen. Viele Spinnenweibchen wie die Schwarze Witwe fressen ihre Partner auf. Biologen vermuten dahinter eine extreme Form des „Hochzeitsgeschenks“, mit dem Männchen um die Paarung buhlen.

Forscher von der Concordia University in Montreal haben jetzt bei einer Wespenspinnenart sogar vorauseilenden Gehorsam beobachtet. Wie sie in der aktuellen Ausgabe der „Proceedings of the Royal Society“ berichten, verendet das Männchen beim Sex plötzlich, ganz ohne äußere Einwirkung. Dabei bleibt das Paarungsorgan in der Genitalöffnung des Weibchens stecken – und blockiert sie für konkurrierende Männchen, die am Netzrand lauern. Erst einige Minuten später, wenn es schon längst befruchtet ist, genießt das Weibchen das Hochzeitsmahl.

Dabei läuft es Gefahr, infiziert zu werden, denn Krankheitserreger müssen Kannibalen stets fürchten. Parasiten sind häufig auf eine Tierart spezialisiert. Manche Tiere gehen das Risiko ein. Frosch-Kaulquappen etwa fressen unterschiedslos auch ihre infizierten Artgenossen auf – und gehen nicht selten daran ein. Die Vorteile des Kannibalismus sind offenbar häufig größer als das Krankheitsrisiko, schließen die Forscher. Kaulquappen verzehren deshalb in winzigen, nährstoffarmen und überbevölkerten Tümpeln jeden Happen, den sie kriegen können.

Tatsächlich sind es die Kleinsten unter ihnen, die uns noch Rätsel aufgeben: Bakterien vermehren sich schnell und sollten deshalb eine Resistenz gegen den „killing factor“ entwickeln können. Doch das ist nicht geschehen. Auch „Bacillus subtilis“ ist bis heute wehrlos den Angriffen seiner Artgenossen ausgesetzt.

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