Gesundheit : Das Flaggschiff ist in der Krise

Selbst an Europas renommiertester Technischer Hochschule in Zürich wird das Geld knapp

NAME

Von Thomas Veser

Gottfried Semper entwarf das Hauptgebäude des neuen Polytechnikums an Europas renommiertester Technik-Hochschule in Zürich. Sein zentraler Kuppelbau am Zürichberg entwickelte sich schon im 19. Jahrhundert zum modernen Wahrzeichen der Stadt. Als einzige technische Hochschule Europas hat die dort untergebrachte Eidgenössisch Technische Hochschule (ETH) 147 Jahre nach ihrer Gründung einen solchen Rang erreicht, dass sie mit den zwei anderen tonangebenden technischen Bildungsstätten der westlichen Welt in einem Atemzug genannt wird – dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und dem California Institute of Technology in den USA.

Über jeden Zweifel erhaben ist der Ruf der ETH natürlich auch in der Schweiz. Als einzige Hochschule erhält sie mit ihrer Westschweizer Schwester, der Ecole Polytechnique Fédérale in Lausanne, direkte Subventionen vom Bund. Von den Betreuungsverhältnissen an der ETH kann man anderswo nur träumen: Im Schnitt kommt auf 34 Studierende ein Professor. Diplome mit dem Siegel der ETH Zürich wirken auch ausserhalb der Schweiz als Türöffner für eine anspruchsvolle Berufskarriere.

Finanzlücke von 100 Millionen

Ausgerechnet über dieser Vorzeige-Universität ziehen sich seit einiger Zeit schwarze Wolken zusammen: Bis 2004, so befürchtet die Verwaltung, droht der ETH ein Fehlbetrag von 100 Millionen Franken, sollte der Bund nicht eingreifen.

Damit die Universität weiterhin international konkurrenzfähig bleibe, müsse das Budget bis 2004 jährlich um 6,5 Prozent wachsen. Sonst „ist unser Bildungsauftrag mittelfristig gefährdet", warnte ETH-Präsident Olaf Kübler jüngst bei einer Pressekonferenz. Gleichzeitig will die Hochschule prüfen, wo sie selbst den Rotstift ansetzen kann. Als ersten Schritt hatte die Hochschule bereits im April ein Sparprogramm beschlossen.

Keine Hochschule der Eidgenossenschaft war in den vergangenen zwei Jahrzehnten rasanter gewachsen als die ETH. Rund 11 Prozent der mittlerweile 9311 Diplomstudierenden sind Ausländer. Die Professorenschaft ist auf 343 Lehrende gewachsen, mit immerhin 47 Prozent Ausländern. Gleichzeitig breitete sich die ETH in der Fläche aus und ist inzwischen fast 50 Prozent größer geworden. Die Leistungsbilanz in der Lehre ist nach wie vor gut: Dauern Diplomstudiengänge an Technischen Hochschulen in Deutschland im Schnitt sechs bis sieben Jahre, kann man an der ETH schon noch viereinhalb Jahren abschliessen. Bei der Auswahl der Dozenten sind die besten Experten gerade gut genug: An keiner europäischen TU ist das Auswahlverfahren härter als hier. Im Gegenzug hatte sich die Universität bei der Bemessung der Professorengehälter bisher nie knauserig gezeigt. Diese fallen im Allgemeinen deutlich höher aus als beispielsweise in Deutschland.

Schlechte Erfahrungen hat man an der ETH Zürich mit dem Globalhaushalt gemacht, den die Regierung in Bern der Hochschule seit drei Jahren zuweist. Welche Leistungen der Bund dafür erwartet, wurde in einer Vereinbarung festgehalten. Globalhaushalt und Drittmittel ergeben einer Jahressumme von 1,070 Milliarden Franken. Und daran hat sich zum Leidwesen der Hochschulverwaltung seither so gut wie nichts geändert. Mit dem Bundesbeitrag, der sich zwischen 900 und 950 Millionen Franken bewegt, „können wir uns nicht mehr weiter entwickeln", beklagt Kommunikationschef Rolf Probala. Eine weitere Steigerung des Drittmittelanteils beurteilt er als „schwieriges Unterfangen".

Als die ETH das Globalbudget und damit Finanzautonomie erhalten hat, war keine Wachstumsklausel in die Vereinbarung eingefügt worden. Jahr für Jahr bestimmt der Nationalrat (das Parlament) nun den Rahmenkredit, der seitdem „mehr oder weniger gleichgeblieben ist", fügt Probala hinzu. Als wesentlichen Auslöser für die aktuelle Finanzkrise bezeichnet er die wachsenden Personal- und Baukosten.

Denn seit den siebziger Jahren fährt die ETH einen Expansionskurs. Damals begannen im Stadtgebiet mehrere Bauprojekte zur Erweiterung der Hochschule. Nach und nach sollen alle naturwissenschaftlichen Bereiche dorthin verlagert werden.

Als sich die Defizitgefahr andeutete, legte man auch einige dieser Projekte vorläufig auf Eis. Und auch weitere zukunftsweisende Vorhaben, darunter der drahtlose Zugang für Studierende zum gesamten ETH-Netz, stehen jetzt unter ungünstigen Vorzeichen.

Weniger Prämien, weniger Bau

Wie man 18 Millionen Franken in diesem Jahr und die geplante Reduktion um 27 Millionen Franken im Folgejahr erzielten kann, ohne das Kerngeschäft der Technischen Hochschule mit ihren anspruchsvollen Projekten zu gefährden, ist nun Aufgabe einer Task Force. Zunächst hatten Hilfsassistenten die Sparstrategie zu spüren bekommen. Dann reduzierte man die Zuschüsse an Dozenten, die bei der Lehre verstärkt auf Informations- und Kommunikationstechnologien zurückgreifen. Später strich man die bisher zugesprochenen Prämien für erfolgreiche Mitarbeiter. Weiterhin wird der interne Fonds für Forschungsprojekte schrumpfen – eine besonders gefürchtete Einbuße.

Auch an Sempers erneuerungsbedürftigem Hauptgebäude wird dieser Kelch nicht vorübergehen. Man sieht sich gezwungen, die vorgesehene Renovierung, so Rolf Probala, „auf ein Minimum zu beschränken".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben