Gesundheit : Das Franklin-Klinikum soll am Leben bleiben

Berliner Hochschulmediziner wollen an drei Krankenhäusern festhalten, aber dafür auf eine Vorklinik verzichten

Uwe Schlicht

Sind drei Standorte in der Berliner Hochschulmedizin in den nächsten Jahren noch zu halten? Der Unternehmensberater Roland Berger sagt Nein: Wenn bis 2010 in der Unimedizin 98 Millionen Euro einzusparen sind, dann gehe das  nur, wenn ein Standort aufgegeben werde, schreibt Berger in seinem Gutachten für das Abgeordnetenhaus.

Das ehemalige Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität Berlin, das heute Bestandteil der Charité ist, erscheint erneut am stärksten gefährdet, weil hier der Investitionsbedarf in den nächsten Jahren besonders hoch ist. Aber noch wollen die Mediziner diese Gefährdung nicht wahrhaben. Manfred Dietel, der ärztliche Direktor der Charité, sagte dem Tagesspiegel: Auch nach dem Gutachten von Roland Berger könne man drei Standorte betreiben, sofern die Politiker die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen würden. Und damit vertritt Dietel die dominierende Meinung unter den Hochschulmedizinern.

Was erwarten Manfred Dietel und mit ihm Wolfgang Hinkelbein, ärztlicher Direktor am Standort Benjamin Franklin, von den Politikern? Zunächst ein gut gemachtes Strukturgesetz für die Hochschulmedizin. Im Mittelpunkt müsste folgende Lösung stehen: Die Hochschulmedizin sollte als voll rechtsfähige Anstalt organisiert werden. Das Land Berlin müsste dann der Charité Grundstücke und Gebäude zur eigenverantwortlichen Bewirtschaftung übertragen.

Ein Modell dafür gibt es im Uni-Klinikum von Hamburg-Eppendorf. Dort kann die Hochschulmedizin Grundstücke und Gebäude vermieten, verkaufen oder mit dieser Sicherheit Kredite für Investitionen aufnehmen. In Berlin muss zum Beispiel in die Medizintechnik immer wieder investiert werden. Für den Austausch veralteter Geräte entstehen in den nächsten zehn Jahren Kosten von 200 Millionen Euro. Außerdem muss in einer vereinigten Hochschulmedizin in Berlin die Informationstechnik erneuert werden. Das kostet 30 Millionen.

Bei alledem steht den Uniklinika eine Revolution mit enormen finanziellen Folgen ins Haus: Die Abrechnung der Behandlungskosten wird in ganz Deutschland auf Fallpauschalen an allen Krankenhäusern umgestellt. Unter den neuen Bedingungen rechnen sich nicht mehr lange Liegezeiten in den Universitätskrankenhäusern und damit verlieren auch die Bettenzahlen an Gewicht. Die Krankenhäuser müssen für einen möglichst schnellen Durchlauf der Patienten sorgen. „Zeitaufwändige Untersuchungen müssen so aufeinander abgestimmt werden, so dass kein Leerlauf entsteht“, sagt Manfred Dietel.

Die teure Grundausstattung der Apparatemedizin in einem Universitätsklinikum muss effektiver als bisher genutzt werden. Damit sich das rechnet, wollen die Universitätskrankenhäuser mehr Patienten gewinnen als je zuvor. Und dazu eigenen sich drei unterschiedliche Standorte in Mitte, Wedding und Steglitz besonders gut, weil sie jeweils ganz andere Einzugsbereiche besitzen. Die Unikrankenhäuser können mit einem 24-Stundenservice werben. Denn sie verfügen über Notaufnahmen und Unfallstationen.

Besonders wichtig werden an den drei Standorten künftig die Polikliniken. Denn auch das ist eine Folge der Umstellung auf die Fallpauschalen: Es wird mehr ambulante Behandlungen geben. Die bisher für die Universitätsklinika so teuren Polikliniken  werden durch die Fallpauschalen ebenfalls auf eine neue Grundlage gestellt. Es gibt dann keine Fallzahlbegrenzung mehr, und die Klinikumsdirektoren hoffen, dass sie mit den Krankenkassen künftig kostendeckende Behandlungspauschalen für Polikliniken aushandeln können. Bisher gab es hier wegen einer Obergrenze für die Kostenerstattung jährliche Defizite von 15 Millionen Euro allein am Standort Mitte der Charité. Ausgeglichen wurde es aus dem Staatszuschuss für Forschung und Lehre.

Wenn Roland Berger jetzt eine scharfe Trennung der Kosten für die Krankenbehandlung und der Aufwendungen für Forschung und Lehre fordert, hat er die Politiker auf seiner Seite. Die Mediziner sehen das anders. Eine Trennung etwa nach dem Muster, die Krankenversorgung in einer GmbH zu organisieren und Forschung und Lehre als staatliche Aufgabe zu belassen, werde den Bedingungen nicht gerecht. „Ein Patient, der am Vormittag den Studenten vorgestellt wird, wird anschließend medizinisch behandelt. Wenn sich ein besonderes Problem ergibt, kann sein Krankheitsfall zur Forschung beitragen. Von daher kann es nur eine Integrationslösung geben.“

Wenn die drei Klinikstandorte in Mitte, Wedding und Steglitz auch unter den neuen Bedingungen der Fallpauschalen und der Sparlauflage von 98 Millionen Euro gehalten werden sollen, geht das nur durch eine radikale Neuorganisation der Hochschulmedizin. Die Expertenkommission hat dafür eine Lösung nach dem Muster Standbein-Spielbein vorgegeben. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Pädiatrie (Kinderheilkunde), ihr Zentrum und damit das Standbein auf dem Campus Rudolf Virchow in Wedding hat, das Spielbein aber auf dem Campus Benjamin Franklin in Steglitz angesiedelt ist.

Solche Standbein-Spielbein-Lösungen zu finden, ist die Aufgabe des künftigen Vorstandsvorsitzenden Detlev Ganten. Vorentscheidungen hat es bereits unter der Ägide der Übergangsvorsitzenden Ingrid Nümann-Seidewinkel gegeben. So wird es künftig nicht mehr eine Zahnmedizin an drei Standorten geben. Alternativen sind nur noch die Zahnklinik Nord in Wedding und die Zahnklinik in der Aßmannshauser Straße. In der Anatomie ist es ähnlich. Nach der Sanierung der Anatomie in der Charité in Mitte werden die anatomischen Provisorien aus der Nachkriegszeit in Dahlem wohl bald ein Ende finden. Die Dermatologie soll ihr Standbein in Mitte haben und ihr Spielbein im einstigen US-Hospital in Steglitz.

Wenn jetzt erneut von der Gefährdung eines Standortes die Rede ist, dann möchten die ärztlichen Direktoren lieber eine Vorklinik opfern als ein Klinikum. Bei der Vorklinik geht es um die Anatomie und die theoretischen Fächer –  die müssten nicht in Mitte und Dahlem doppelt vorgehalten werden, meinen Dietel und Hinkelbein.

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