Gesundheit : „Das frohe privilegierte Schaffen“

-

Lorraine Daston, Wissenschaftshistorikerin (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin), Fellow 1987/88:

Als Mutter eines Zweijährigen sah ich mein Fellowjahr weder als Zeit, in der ich darüber nachsinnen würde, welche neue Richtung meine Forschung nehmen könnte, noch als Gelegenheit, den Reichtum Berlins zu erkunden. Stattdessen war ich fokussiert wie ein Laserstrahl, ein Buch abzuschließen, und organisierte mein Leben mit rücksichtsloser Effizienz, um das Beste aus der kostbaren Zeit zu machen. Während die Uhr im Unterbewusstsein ständig tickte, ärgerte ich mich anfangs über die Kameraderie der täglichen Essen mit den anderen Fellows und sehnte mich an meinen Schreibtisch zurück. Nur langsam verstand ich, dass diese mittäglichen Gespräche – so zufällig, so mäandernd, so herrlich ineffizient – die raison d’ être des Kollegs waren. Was Mäander für Flüsse sind und Umwege für Spaziergänge, waren diese Gespräche für das Denken: eine Rettung vor geradlinigen Verläufen und perfekt geplanten Terminplänen. Sie beschenkten mich mit serendipity – mit dem glücklichen Erstaunen, etwas zu finden, nach dem ich nicht gesucht hatte.

Moshe Zuckermann, Philosoph und Historiker (Universität Tel Aviv), Fellow 1998/99:

Der Raritätswert der Einladung ans Wissenschaftskolleg verleiht ihr eine eigentümliche Aura, welche sich nach innen als Gefühl der Teilnahme an einer Eingeschworenengemeinschaft im Schlaraffenland, nach außen hin aber als Renommee der Erlesenheit auswirkt. Im Innern der Institution kann das Privileg zur produktiven Zusammenarbeit zwischen herausragenden Vertretern von Geist, Forschung, Wissenschaft und Kunst gerinnen. Im äußeren Umfeld mag es sich als breite mediale Präsenz niederschlagen. In jedem Fellowjahr wird man einen beachtlichen geistigen Ertrag verbuchen dürfen. In manchen Jahren erzielt das frohe privilegierte Schaffen eine ansehnliche öffentliche Resonanz. In besonders geglückten Jahren verschmelzen die Produktivität von Fellows und das Interesse der Öffentlichkeit an den Erträgen zu einem gemeinsamen Gefühl der Relevanz. Die Ehre der Einladung wird dann substanziell.

Georg Striedter, Neurobiologe (University of California, Irvine), Fellow 2002/03:

Ohne die Ruhe am Wiko, die Unterstützung der Wiko-Mannschaft und die Gespräche mit brillanten Kollegen aus aller Welt wäre mein Buch über die Hirnevolution wohl immer noch ein Wunschtraum. Auch hat das Wiko-Jahr meinen Gedankenhorizont erheblich erweitert. Animiert von Geisteswissenschaftlern habe ich, ein Erzbiologe, sogar probiert, Foucault zu verstehen. Darüber hinaus habe ich Forschungspläne geschmiedet. Besonders fruchtbar war der Plan, die embryonale Entwicklung des Hirns in verschiedenen Vogelarten – vom Papagei bis zum Huhn – zu vergleichen und so Ontogenese mit Phylogenese zu verknüpfen. Dieser Plan entfaltet sich jetzt allmählich. Wie man mir damals schon versprochen hat: Der Einfluss des Wiko geht unerwartet tief und ist oft erst Jahre später voll zu erkennen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben