Gesundheit : Das Geheimnis der Geschwindigkeit

Eine Klasse für sich: Der Frankreichstudiengang der FU führt Studenten ungewöhnlich schnell zum Abschluss

Juliane von Mittelstaedt

Für die meisten Studenten an den Massenuniversitäten zieht sich das Studium hin wie Kaugummi. Erst irgendwann zwischen dem 15. und dem 20. Semester biegen sie langsam in die Zielkurve. Das geht nun mal nicht anders. Oder doch?

Studierende des gerade aus den Kinderschuhen wachsenden Frankreichstudiengangs der Freien Universität brauchen nur neun Semester, maximal zehn. Wie kann das sein? Schließlich haben die Studenten ein Semester im Ausland absolviert, alle ein sechswöchiges Praktikum gemacht, ihr Französisch in Wort, Schrift und Literatur perfektioniert sowie drei Ergänzungsfächer belegt. Nun mag man Französisch sprechende Menschen für insgesamt begabter halten. Vielleicht sind sie aber auch ganz normal. Vielleicht läuft in ihrem Studiengang einfach einiges anders. Machen wir uns auf die Suche nach dem Geheimnis der Geschwindigkeit.

„Hier ist vieles anders“

Klaus Hempfer, seit kurzem Vizepräsident der Freien Universität und Mitinitiator des Regionalstudiengangs Frankreichstudien an der FU, hat es ergründet. 1997 half er, die Frankreichstudien als Modellprojekt anzuschieben. Im vorigen Wintersemester dann empfing das Modell die Weihen als Regelstudiengang für rund 30 Studierende. Hempfers Antwort kommt pfeilschnell: Na klar, hier sei vieles anders. Die Geschwindigkeit komme schließlich nicht von irgendwo. Vier Gründe zählt Hempfer auf: Auswahl, Jahrgangsgruppen, Betreuung, Motivation.

Wie darf man sich das vorstellen? „Wir wählen von über hundert Bewerbern die 30 mit den besten Sprachkenntnissen aus, dadurch ist das Eingangsniveau deutlich höher.“ Die ausgewählten Studenten lernen dann das ganze Studium über zusammen in kleinen Gruppen, unterstützen sich, ziehen sich gegenseitig mit. „Da ist die Motivation einfach größer.“ Wer den Studiengang in acht Semestern plus einem Auslandssemester in der vorgegebenen Zeit schaffen will, hat einen vollen Stundenplan. „Für Teilzeitstudenten ist das nichts“, sagt Hempfer, „unsere Studenten müssen sich stärker engagieren und motivierter sein.“

Müsste man eine Erfolgsformel für schnelles Studieren erdenken, dann würden also Betreuung und Motivation im Zähler stehen. Für beides ist Yann Lafon zuständig. Der Frankreichspezialist ist Koordinator des Studiengangs und für die aktuell 170 Studierenden fast immer zu sprechen. Eine traumhafte Betreuungsrelation. Das Geheimnis der Geschwindigkeit? Es ist ganz banal, meint Lafon: Lernen wie im Klassenverband. Mit Stundenplan und festen Ansprechpartnern. „Der Gruppenzusammenhalt ermöglicht ein schnelleres Studium.“ Die Studenten seien „orientierter“, fühlten sich „weniger allein gelassen“. Damit sei der Studiengang so etwas wie ein Vorreiter der Modularisierung, die mit den Bachelor- und Masterabschlüssen nun in die Universitäten einziehe – einem Studium also, das sich nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen lässt. Bislang wählen gerade die Studenten der Geisteswissenschaften ihre Lehrveranstaltungen querbeet. Die neuen Module sollen einen sinnvollen Aufbau möglich machen. Am Ende des Studiums sollen die Studenten nicht vor einem unübersichtlichen Haufen von belegten Kursen stehen, sondern sich ein kleines stabiles Haus zusammengestellt haben. Nach dem Motto: „Schnell und kompakt.“ Genau so läuft es in den Frankreichstudien.

Nichts für Spezialisten

Bleibt beim Schnelldurchlauf nicht die Qualität auf der Strecke? „Wir bilden schon eher Generalisten aus, das stimmt“, sagt Yann Lafon, „aber wir hören oft von den Dozenten der Wahlfächer, dass unsere Studenten besser sind als ihre Fachspezialisten.“ Statt reiner Philologie beschäftigten sich die Frankreichexperten mit europäischem Recht, internationalen Organisationen und französischer Architektur. Ergänzungsfächer sind etwa BWL, Geschichte, Politikwissenschaft, aber auch Philosophie, Theater- oder Filmwissenschaft.

„Die Studenten heute sind pragmatischer. Sie sagen: Wir wollen etwas mit Frankreichbezug studieren, aber bitte nicht zu theoretisch. Bei uns kriegen sie Praxis und Gegenwartsbezug dazugeliefert.“ Sind angehende „Diplom-Frankreichwissenschaftler“ also klügere oder nur besser betreute Studenten? Die gerade examinierte Ehemalige Nadja Bleiber sagt: „Auf jeden Fall sind wir motivierter.“ Zuerst hat sie angefangen, Jura zu studieren. Doch das war ihr zu eintönig. „Ich liebe die Abwechslung, nur ein Fach ist doch langweilig.“ Neben dem Kernbereich Sprachwissenschaft belegte sie in den Frankreichstudien Seminare in Jura, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Eine Mischung, die sonst selten ist. „Wir fangen nicht erst im Mittelalter an, sondern beschäftigen uns vor allem mit der Gegenwart“, lobt Bleiber.

Worin sie das Geheimnis der Geschwindigkeit sieht? Vor allem in der Psychologie: „Wer will schon gerne sitzen bleiben?“ Gruppe verpflichtet eben. Dazu kommt ein sanfter Stundenplan-Druck. Er führt zwar dazu, dass beliebte Themen öfter links liegen gelassen werden müssen. Aber der Vorteil ist, dass sich die Studenten nicht im Studium verlieren, meint Bleiber. Seit zwei Wochen hält sie jetzt ihr Abschlusszeugnis in der Hand. Und nun? Der Arbeitsmarkt kennt noch keine Diplom-Frankreichwissenschaftlerinnen. Aber sie ist zuversichtlich: Frankreich ist überall. Ob im Museum, im Bundestag, im Journalismus oder im Unternehmen. Geschwindigkeit ist schließlich immer gefragt, solange der Inhalt nicht hinterher hinkt.

Mehr zum Thema im Internet:

www.fu-berlin.de/frastuga

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