Gesundheit : Das geht ans Herz

Psychischer Stress erhöht das Infarkt-Risiko – das legen zumindest neue Studien nahe

Adelheid Müller-Lissner

„Stress – das sind die Handschellen, die man ums Herz trägt.“ So formulierte es der österreichische Kabarettist Helmut Qualtinger. Und brachte damit auf den Punkt, was viele empfinden: Stress und Herzleiden, besonders der Herzinfarkt, gelten schon lange als ein unselig-unzertrennliches Paar. Die wissenschaftlich orientierte Medizin hat in den vergangenen Jahren der Beziehung der beiden jedoch weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hatte genug zu tun mit leichter messbaren Risikofaktoren wie Bluthochdruck und ungünstigen Blutfettwerten, aber auch Rauchen, falscher Ernährung und zu wenig Bewegung.

Im letzten Herbst erregte jedoch eine große Studie Aufsehen: Sie zeigte, dass psychosozialer Stress in der verhängnisvollen Hitliste der Infarkt-Gefährdungen nach dem Rauchen und den Blutfettwerten den dritten Platz einnimmt, etwa gleichauf mit Bluthochdruck und mit Übergewicht bei bauchbetontem Fettverteilungsmuster. Die Studie ist ein Ableger der groß angelegten „Interheart“-Studie, für die Daten von Patienten aus 52 Ländern ausgewertet und mit denen gesunder Kontrollpersonen verglichen wurden. Beide Studien wurden im Fachblatt „Lancet“ veröffentlicht.

Neu daran ist vor allem, dass der Stress weltweit und über alle kulturellen Grenzen hinweg Bedeutung zu haben scheint. Das Forscherteam unter Leitung des kanadischen Mediziners Salim Yusuf befragte Patienten aus 262 Kliniken in Ostasien, dem Nahen Osten, Europa, Afrika, Australien und Nord- wie Südamerika, die ihren ersten Infarkt erlitten hatten. Insgesamt 11119 Infarktpatienten und 13 648 altersgleiche Gesunde, im Durchschnitt 58 Jahre alt, gaben Auskunft über psychische Belastungen in verschiedenen Lebensbereichen.

Dabei zeigten sich statistisch aussagekräftige Unterschiede in der Stress-Belastung: 11,6 Prozent der Infarkt-Opfer, aber nur acht Prozent der Gesunden berichteten von beträchtlichem Stress zu Hause. Zehn Prozent der Infarkt-Patienten, die noch im Arbeitsleben standen, aber nur fünf Prozent der gleichaltrigen Kontrollpersonen erlebten das Berufsleben als dauerhaft stressig. „Stress“ zeigte sich in beiden Lebensbereichen in Nervosität, Ängsten und Schlafstörungen.

Ein ähnliches Bild bot sich auch bei der Frage nach finanziellen Sorgen und einschneidenden negativen Lebensereignissen wie Todesfällen, innerfamiliären Konflikten oder Konkurs der eigenen Firma. Auch auf diesen Feldern waren die Patienten deutlich mehr belastet.

Die Kontrolle über wichtige Lebensbereiche zu haben, wirkt offensichtlich schützend. Jedenfalls gab es bei Studienteilnehmern, die beruflich eine hohe Entscheidungsfunktion hatten, weniger Infarkte. 24 Prozent der Infarkt-Patienten, aber nur 17,6 Prozent der zum Vergleich Herangezogenen, berichteten außerdem über Depressionen. Zwischen den Geschlechtern zeigten sich hierbei keine Differenzen.

Nachträgliche Befragungen sind allerdings methodisch nicht ohne Tücke. Eine Erkrankung kann die Sichtweise verändern. Die Infarktopfer könnten sich unter dem Eindruck des einschneidenden Ereignisses im Nachhinein als stärker psychisch belastet empfunden haben.

Dagegen sprechen allerdings Studien über den Zusammenhang zwischen Depressionen und Infarkt wie jene, die vor zwei Jahren im „American Journal of Preventive Medicine“ veröffentlicht wurde: Dort zeigte sich, dass anhaltende depressive Stimmung auch in der Vorausschau ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ist.

Auf welchem Weg schädigen psychischer und sozialer Stress die Herzkranzgefäße? „Zunächst ganz eindeutig, indem sie das Verhalten beeinflussen“, erklärt der Mediziner und Psychologe Bernd Löwe, Oberarzt an der Abteilung für Allgemeine Innere und Psychosomatische Medizin der Uni Heidelberg. Menschen mit Depressionen lassen häufig die Behandlung anderer Krankheiten schleifen, achten weniger auf gesunden Lebensstil.

Ziemlich klar ist inzwischen aber auch, dass die gesteigerte Aktivität desjenigen Teils unseres unwillkürlichen Nervensystems eine wichtige Rolle spielt, der für die Aktivierung zahlreicher Körperfunktionen zuständig ist. Dieses sympathische vegetative Nervensystem rüstet uns für Kampf und Flucht – etwa, indem es bei Stress den Blutdruck in die Höhe treibt. Hoher Blutdruck aber ist ein Risikofaktor für Herzinfarkt.

„Man weiß auch, dass bei einigen psychischen Erkrankungen die Aktivität der Blutplättchen erhöht ist“, ergänzt Löwe. Hinzu kommt die Erhöhung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin – als Dauerzustand ebenfalls eine Belastung für die Herzkranzgefäße.

Zudem gibt es unter Stress und im Rahmen der Arteriosklerose Entzündungsreaktionen. Aus der Klinik für Psychiatrie der Charité (Campus Mitte) kam im letzten Jahr eine Studie, in der die Auswirkung von Stress auf die Innenwände der Blutgefäße auf der feinsten molekularen Ebene nachgewiesen wurde. Auf der Oberfläche von Immunzellen werden bei Stress „Adhäsionsmoleküle“ ausgeschüttet. Sie erleichtern es diesen Zellen, sich an der Innenwand von Blutgefäßen anzuheften – was Arteriosklerose, die Arterienverkalkung, begünstigen könnte.

Getestet wurde für die Studie, deren Ergebnisse in der Zeitschrift „Psychopharmakology“ veröffentlicht sind, eine kleine Gruppe junger, gesunder Ärzte, die akut unter Stress standen, weil sie einen für die Karriere wichtigen Vortrag halten sollten. Tatsächlich fand sich bei allen eine Erhöhung eines bestimmten „Adhäsionsmoleküls“ (Icam-1) und von Immunzellen, die sich Reparaturarbeiten an geschädigten Gefäßwänden widmen, wobei sie diese aber weiter einengen.

Stress als Handschelle fürs Herz: Qualtinger hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass seine anschauliche Formulierung einmal so klar wissenschaftlich untermauert werden würde. Löwe hofft jetzt, dass die Studien mehr Aufmerksamkeit der Ärzte für die Psyche nach sich ziehen. Seinen eigenen Berufsalltag werden sie aber nicht verändern: „Wer unter Depressionen leidet, den behandeln wir ja nicht deshalb, weil er ein erhöhtes Infarktrisiko hat.“ Es gibt auch sonst genug gute Gründe dafür.

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