Gesundheit : „Das geht nicht mal im Dorfparlament“

Neue Kritik an der Auswahl im Elitewettbewerb

Tilmann Warnecke/Amory Burchard

Schleswig-Holsteins Wissenschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) fordert, in der ersten Runde des Elitewettbewerbs „offensichtlich benachteiligte“ Unis nachträglich mit Fördergeldern auszuzeichnen. Wissenschaftlern sei nicht zuzumuten, ein weiteres Mal das Auswahlverfahren durchzumachen, wenn ihre „Anträge besser waren als die siegreichen Vorhaben“, sagte Austermann auf Anfrage.

Austermann reagierte damit auf einen Bericht des Tagesspiegels, demzufolge die Entscheidungen unter den Wissenschaftlern in der Auswahlkommission umstritten waren. Die Sitzungsunterlagen werfen vielmehr die Frage auf, ob die Wissenschaftler tatsächlich allein nach der Qualität der Anträge entschieden. So wurde das für den Elitestatus entscheidende Zukunftskonzept der LMU München kritisch bewertet. Einen Konflikt gab es unter den Wissenschaftlern offenbar auch über den Elitestatus der TU München, weil deren Cluster und Graduiertenschulen zunächst Wackelkandidaten waren und nicht als eindeutig förderungswürdig galten. Die Regeln des Wettbewerbs sehen vor, dass eine Uni nur dann den Elitestatus erhalten kann, wenn sie mindestens ein Forschungscluster und eine Graduiertenschule gewinnt.

Die Wissenschaftler gaben schließlich den Münchner Vorhaben den Zuschlag – und verwehrten Vorhaben aus Tübingen, Kiel und der TU Berlin eine Förderung, obwohl sie von internationalen Gutachtern zuvor teilweise deutlich besser bewertet worden waren. Am Freitag war es bei der Schlussrunde des Wettbewerbs zu einem Eklat gekommen, weil die Wissenschaftler den Politikern aus Bund und Ländern die Mitsprache verwehrten. Eliteunis wurden die TU und LMU München sowie die Uni Karlsruhe.

Am Tag nach dem Bekanntwerden von Ungereimtheiten äußerten sich mehrere Politiker und betroffene Wissenschaftler bestürzt, wollten sich aber öffentlich nicht äußern. Die Vorgänge zeigten, dass angesichts der bisher geringen Leistungsunterschiede der Unis der Entscheidungsprozess im Elitewettbewerb zumindest teilweise „willkürlich“ sei, sagte Michael Hartmann, Elitenforscher an der TU Darmstadt. Es bestätige sich sein Eindruck, dass es das Ziel des Wettbewerbs sei, einige wenige Unis zulasten aller anderen massiv auszubauen. Die Entscheidungskommission habe sich offenbar stark an der Finanzkraft der Unis und der Bundesländer orientiert und nicht nur an der wissenschaftlichen Bewertung der Anträge. „Das ganze Verfahren ist geprägt von nicht durchschaubaren Aspekten.“

Unter Wissenschaftlern habe bereits das Gerücht kursiert, dass einige sehr gute Anträge zugunsten anderer zurückgestellt worden seien, sagte Kurt Kutzler, der Präsident der TU Berlin. Das bestätige sich jetzt. Er hoffe, dass die „sehr gut bewerteten“ Cluster der TU in der bereits angelaufenen zweiten Auflage des Wettbewerbs in die Endrunde kommen und „eines davon auch Erfolg haben wird“.

„Seilschaften in der Deutschen Forschungsgemeinschaft“ seien verantwortlich, dass der Norden und Osten zugunsten des Südens benachteiligt worden sei, sagte Austermann. Nach den Urteilen der internationalen Gutachter, die im Sommer die Vorhaben inspizierten, sei der Norden sogar besser als der Süden gewesen: „Es gab eine gewollte Umverteilung zugunsten des Südens und zulasten des Nordens.“ Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) erklärte auf Nachfrage, er nehme die im Tagesspiegel geschilderten Vorgänge aufmerksam zur Kenntnis: „Ich möchte sie aber nicht kommentieren, weil sie für sich selber sprechen.“

Peter Hommelhoff, Rektor der Uni Heidelberg, glaubt nicht, dass der Entscheidungsprozess zu Fehlurteilen geführt hat. „Jeder weiß, dass die Dinge in einem wissenschaftlichen Bewertungsprozess eine gewisse Dynamik haben“, sagte Hommelhoff. „Und Wissenschaftler sind nun einmal anregbar.“

Austermann forderte, in der zweiten Runde des Wettbewerbs das Verfahren zu ändern. So müssten die Urteile der internationalen Gutachter „ausschlaggebend“ sein. Die Zusammensetzung der Wissenschaftler in der Auswahlkommission müsse geändert werden: „Wenn der Vorsitzende der Kommission von einer der Universitäten ist, die begünstigt wurde, geht das nicht. Das geht nicht einmal in einem Dorfparlament", sagte Austermann. Ernst-Ludwig Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Kommissionsvorsitzender, kommt von der LMU München, ebenso wie Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Das Auswahlverfahren ist mehrstufig. Im Sommer begutachteten internationale Expertengruppen die Unis und ihre Vorhaben und vergaben Noten. Bei den Graduiertenschulen und Clustern war dabei eine Gutachtergruppe für alle Vorhaben eines Fachgebiets zuständig, konnte die Projekte also vergleichen. Die Voten der Gutachter wurde an 26 andere, von der DFG und dem Wissenschaftsrat berufene Wissenschaftler weitergeleitet. Diese 26 Wissenschaftler bildeten die Kommission, die Förderungsempfehlungen geben sollte. Im Bewilligungsausschuss sollten sie gemeinsam mit Bundesforschungsministerin Schavan und den Wissenschaftsministern der Länder endgültig entscheiden. Das verhinderten die Organisatoren aus der Wissenschaft.

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