Gesundheit : „Das Gentechnik-Gesetz schreckt ab“

Der Chemiker Lothar Willmitzer befürchtet, dass die Forschung verdorrt und die Industrie auswandert

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Was bedeutet das neue GentechnikGesetz für die Wissenschaftler, die sich mit Pflanzen-Biotechnik beschäftigen?

Entscheidend für die Forschung ist vor allem eine Frage: Ist die Kreuzbefruchtung von konventionellen Pflanzen mit transgenem Pollen aus einem Freilandversuch als Inverkehrbringen zu werten? Das hätte nämlich strafrechtliche Konsequenzen! Die unklare Rechtssituation besteht auch für Kreuzbefruchtungen durch Pollen aus dem Gewächshaus.

Wird die Forschung beeinträchtigt?

Sie ist auf jeden Fall stark eingeschränkt. Wir können keine Freisetzungsversuche mehr mit Pflanzen machen, die sich über Pollen verbreiten, also etwa mit Raps, Mais oder Zuckerrüben. Bei Kartoffeln ist es schon noch möglich, weil der Samen für den Anbau keine Rolle spielt. Bei Gewächshäusern ist es so gut wie unvermeidbar, dass eine minimale Menge an Pollen austritt. Wenn auch das als Inverkehrbringen gewertet wird, dann können wir selbst im Gewächshaus bestimmte Pflanzen nicht mehr anbauen. Es gibt keine Toleranzgrenze und keinen Schwellenwert mehr, nur den Nullwert. Das hat massive Konsequenzen.

Umstritten ist auch die Frage, wie groß der Abstand zwischen transgenem und konventionellem Anbau sein muss.

Die Abstandsregelung ist für die wissenschaftlichen Arbeiten nicht von so großer Bedeutung, aber von eminenter Wichtigkeit für die Kommerzialisierung. Es gibt seit kurzem auch in Deutschland Studien, die zeigen, dass der von der EU vorgeschlagene Grenzwert von 0,9 Prozent Kreuzbefruchtung von nicht transgenen durch transgene Pflanzen dann erreicht werden kann, wenn man 20 Meter Abstand hält. Diese Erkenntnis ist aber nach wie vor in Deutschland nicht in Richtlinien umgesetzt, so dass ich glaube, dass wir auch 2005 keine Kommerzialisierung sehen werden. Das finanzielle Risiko für die Landwirte ist viel zu hoch.

Der Anbau muss offen gelegt werden.

Das Gesetz sieht vor, dass das Flurstück genau bezeichnet wird. Da würde man normalerweise denken: Wir haben nichts zu verheimlichen, warum sollen wir es nicht tun? Die Erfahrung zeigt aber, dass Kritiker, die vor Sachbeschädigung nicht zurückschrecken, solche Informationen nutzen, um Felder zu zerstören. Dieser Passus ist eine Einladung an kriminelle Aktivisten, die Felder und damit unsere wissenschaftliche Arbeit zu zerstören.

Sie haben Erfahrung mit Feldzerstörungen?

Im Sommer diesen Jahres wurde ein Versuch mit gentechnisch veränderten Kartoffeln in der Nähe unseres Instituts in Potsdam völlig zerstört. Wir wollten im Rahmen dieses Versuchs untersuchen, ob es gelingt, durch eine gentechnisch vermittelte bessere Versorgung der Kartoffel mit Sauerstoff einen erhöhten Stärkegehalt zu erreichen. Dieser Versuch war Teil der Arbeit von zwei jungen Doktoranden, und es standen Jahre harter Laborarbeit dahinter. Der Schaden beläuft sich auf mehrere hunderttausend Euro.

Ist das Gesetz EU-konform?

Ich glaube nicht, weil es wegen der verschuldensunabhängigen Gesamthaftung auf eine Verhinderung des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen hinausläuft. Die De-facto-Verhinderung des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland auch zur kommerziellen Nutzung widerspricht im Übrigen den offiziellen Verlautbarungen von Verbraucherministerin Künast, die immer von Koexistenz gentechnisch und nicht gentechnisch veränderter Pflanzen spricht. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Partei, die sich das Thema Umwelt auf die Fahnen geschrieben hat, eine Technik verhindert, mit der man der Umwelt dienen könnte.

Warum?

Die Pflanzenbiotechnologie wird neben klaren gesundheitlichen Vorteilen für den Verbraucher ihren größten Nutzen in der Entlastung der Umwelt haben. So konnte gezeigt werden, dass der Einsatz von chemischen Insektiziden beim Baumwollanbau um bis zu 80 Prozent reduziert wurde, eine klare Verbesserung der Ökobilanz auf verschiedensten Stufen. Ein anderer Bereich betrifft die Verarbeitung von aus der Pflanze isolierten Rohstoffen wie Zellulose, Stärke oder Öle. Mit Gentechnik wurden Pflanzen wie Pappel, Kartoffel, Mais oder Raps so verändert, dass deutlich geringere chemische oder physikalische Modifikationen der Rohstoffe vor einer technischen Nutzung notwendig sind. Die Chemie wurde in die Pflanze verlegt. Am Ende steht eine klar verbesserte Ökobilanz.

Sie forschen seit 20 Jahren auf diesem Gebiet, sehen Sie noch eine Zukunft?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich kann natürlich den Standpunkt eines MaxPlanck-Forschers einnehmen und froh darüber sein, dass wir von politischen Strömungen in Bezug auf die Finanzierung nicht direkt berührt sind. Allerdings hat der Verbraucherschutz-Staatssekretär Berninger sich neulich über die massive Stellungnahme wissenschaftlicher Organisationen – unser gutes Recht und sogar unsere Pflicht – beschwert und gesagt, man müsse nun über die zukünftige Förderung dieser Forschungsrichtung nachdenken. Das habe ich als versteckte Drohung verstanden. Aber zurück zur Zukunft: Viel wichtiger ist, dass junge Leute sich ihren Beruf auch danach aussuchen, ob sie später eine Chance sehen, in ihm zu arbeiten. Da wirkt dieses Gesetz natürlich abschreckend. Deutschland ist ja schon bei den Pharmafirmen nicht mehr unter den ersten zehn weltweit. Bei der Agrar-Biotechnik sind immerhin noch zwei der sechs weltweit führenden Firmen hier beheimatet. Aber auch da befürchte ich nichts Gutes.

Ist der Dialog zwischen Gentechnikern und ihren Kritikern gescheitert?

1988 haben wir die erste Technikfolgenabschätzung zu transgenen Pflanzen gemeinsam mit den Grünen und Wolfgang van den Daele vom Wissenschaftszentrum Berlin gemacht. Seitdem ist die Diskussion stehen geblieben. Das kann man als Scheitern interpretieren.

Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Wenn Sie als Wissenschaftler keinen Zugang zu Massenmedien besitzen, dann haben Sie schlechte Karten. Etwa dann, wenn Gentechnik-Kritiker in „Monitor“ unwidersprochen schlechte Nachrichten verbreiten können. Die öffentliche Diskussion wird aus dem Bauch geführt.

Firmen wie Syngenta ziehen sich aus Europa zurück. Ist der Kontinent der Felsen, an dem die Gentechnik-Welle bricht?

Es wäre schade, wenn Europa sich aus der Gentechnik verabschiedet. Ich sehe den Kontinent aber eher als weißen Fleck. Zwar überlegen Entwicklungsländer, ob sie transgene Pflanzen anbauen sollen, weil die Europäer sie nicht einführen. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass etwa China diese Technik sehr stark fördert. In Brasilien ist der Anbau legalisiert, in Argentinien schon lange, auch in Indien für bestimmte Pflanzen. Und man darf nicht vergessen, dass Millionen Kleinbauern in Indien und China gentechnisch veränderte Baumwolle anbauen, die weniger Pestizide benötigt.

Das Interview führte Hartmut Wewetzer.

Lothar Willmitzer (52) ist Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. Er ist ein „Veteran“ der grünen Gentechnik in Deutschland.

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