Gesundheit : Das Gipsmodell kommt aus dem Drucker

Wir forschen auch: Die Pläne der Berliner Universität der Künste für den Exzellenzwettbewerb

Uwe Schlicht

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein auf Stelzen quer gelegter Baumstamm, von dem die Rinde abblättert. Auf den zweiten Blick erkennt man auf der Vorderseite ein Endlosband einer unbekannten Schrift und auf der Rückseite die lesbaren Lettern eines Textes von Robert Musil. Beide Seiten sind zu einem stammähnlichen Gebilde geformt worden, und zwar am Computer.

Was wie eine künstlerische Spielerei wirkt, ist in Wirklichkeit eine technische Innovation: Daten, die auf der Tastatur des Computers eingegeben wurden und die normalerweise von einem Drucker auf Papier ausgespuckt werden, endeten diesmal in einem Drucker, der Gipsformen herstellt, und zwar dreidimensional. Genauso gut können die Fachleute die jüngst entdeckten Felder von leuchtender und dunkler Materie im Weltraum aus dem Flachfoto in dreidimensionale Gebilde umwandeln – auch das unter Inanspruchnahme des Gipsdruckers.

Im Arbeitsraum der Vizepräsidentin Kirsten Langkilde in der Berliner Universität der Künste sind die Ergebnisse dieser neuen Forschungsarbeiten zu bewundern – in Realität oder im Laptop. Mit Experimenten dieser Art bewirbt sich die Universität der Künste im bundesweiten Exzellenzwettbewerb um einen Forschungscluster.

Die Spielereien am Computer sind keineswegs l’art pour l’art. Der Tag dürfte nicht mehr fern sein, an dem ein Architekt seinen Entwurf für eine Stadtteilplanung in Schanghai von seinem Computer per E-Mail nach China schickt, wo noch am selben Tag ein dreidimensionales Gipsmodell hergestellt werden kann. In diesem Augenblick handelt es sich um eine technische Innovation mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen. Das Beispiel zeigt, dass eine Universität der Künste (UdK) einen Teil jener Wirkungskette inszenieren kann, der für die Forschungscluster symptomatisch ist: von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis zur Herstellung von Prototypen. Dass die UdK dabei mit Firmen und mit anderen Universitäten zusammenarbeitet, liegt auf der Hand.

Die UdK hat eine einzigartige Position in Deutschland, weil sie wissenschaftliche und künstlerische Fächer unter einem Dach beherbergt. Diese Chance nutzt sie jetzt, um mit einem Cluster in den Elitewettbewerb zu gehen. Dieser Cluster soll nicht nur der Zusammenarbeit der verschiedenen Künste untereinander dienen, sondern zugleich für die Wissenschaft und die industrielle Produktion neue Sichtweisen entwickeln.

Die Kreativität ist zu einem wichtigen Faktor in der wirtschaftlichen Zukunft geworden. Und die Künstler nehmen für sich in Anspruch, besonders kreativ zu sein. Jene Metropolen und Großstädte sind besonders erfolgreich, die neben einer starken wirtschaftlichen Basis auch eine lebendige Szene aus Schriftstellern, Musikern, Designern und Schauspielern besitzen. Die zieht Investoren an. In dem Cluster der UdK sollen schon vorhandene Forschungsbereiche gestärkt und neue Forschungsbezüge erschlossen werden. Ziel ist es, Künste und Design in möglichst viele Forschungsgebiete zu integrieren. Gelingt das, dann könne auch neues Wissen durch künstlerische Forschung kreiert werden. So soll jungen Hochschulabsolventen die Chance geboten werden, erste Schritte auf dem Weg zur professionellen Forschung in Kooperation von Universität und Wirtschaft zu machen. Aus Hochschulabsolventen sollen Existenzgründer werden.

Jasper Halfmann, der wesentlich an der Konzeption des Clusters mitgearbeitet hat, nennt einige Beispiele: Europaweit gebe es die Tendenz, Kunst und Forschung ganz anders zu verbinden als bisher. In angelsächsischen Ländern arbeite man bereits seit 15 Jahren in diesem Bereich und habe damit den Boden für einen künstlerischen Doktor (PhD) geschaffen.

In Deutschland nehme die Universität der Künste auf diesem Feld eine Vorreiterrolle ein, sagt Halfmann. Am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology in Cambridge arbeite man daran, in Objekte auch Verhalten zu implantieren – Dinge zu schaffen, die auch denken können. Auf diesem Gebiet bewegt sich auch die Berliner UdK. Hier habe eine Studentin eine mit Wasser gefüllte Doppelschale entwickelt. Zwischen der ersten und der zweiten Schale ist eine elektrische Spannung installiert worden. Wenn die Studentin die Henkel der Schale berührt, bildet sich auf der Wasseroberfläche der Rhythmus ihres Herzschlags ab.

Ein weiteres Beispiel: Ein Gerät, das aussieht wie eine Arbeitslampe, wird mit einem Sensor versehen und an einen Computer angeschlossen. Sobald man sich an das Gerät anlehnt, verhält es sich wie ein lebendiges Wesen: Es dreht sich, nähert sich dem Menschen oder weicht zurück, sobald man zugreifen möchte. Über rein künstlerische Effekte hinaus gibt es vielleicht auch hier ganz andere Anwendungsfelder.

Für die immer älter werdenden Menschen unserer Zeit kann die gemeinsame Forschung der UdK mit der benachbarten Technischen Universität Berlin von Nutzen sein. Die meisten Haushaltsgeräte werden von jüngeren Designern und Technikern für jüngere Menschen entworfen. Ältere Bürger über 70 Jahre haben ihre Schwierigkeiten bei der Bedienung von Tasten und Symbolen. Für sie altersgerechte Haushaltsgeräte zu entwickeln, ist ein weiteres Ziel, das sich die UdK gesetzt hat.

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