Gesundheit : Das große Glück der Bildung

Der Pädagoge Hartmut von Hentig wird 80

Kerstin Decker

Deutschlands berühmtester Pädagoge wird 80. Berühmtester Pädagoge: Ist das nicht ein zweifelhafter Titel? Deutschlands Pädagogik – im internationalen Vergleich gesehen – ist nicht gerade berühmt. Und der ist also mitverantwortlich? Ja, Hartmut von Hentig, früherer Pädagogik-Professor in Bielefeld und Gründer der Bielefelder „Laborschule“, ist unbedingt mitschuldig: am Pisa-Erfolg Skandinaviens! Die Nordländer haben mit höchstem Interesse Hentigs „Laborschule“ studiert und ihre Schulen konsequent bielefeldisiert. In Deutschland machte das keiner. Hentigs Ideen mögen in der Theorie richtig sein, taugen aber nicht für die Praxis, wird gesagt.

Der Mann ist ein Philosoph, das spürt schon auf den ersten Seiten, wer ihn liest. Zum Pädagogen wurde Hentig, da war er noch ein Kind. Wenn man so viele jüngere Geschwister hat, bleibt einem nichts anderes übrig. Hartmut von Hentig, geboren am 23. September 1925 als Sohn eines Diplomaten in Posen, ist ein ordnungsliebender Freiheitsmensch. Ordnung und Freiheit – zwischen diesen Polen bewegt sich alles, was man Erziehung nennt. Entlassen aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft studierte er Klassische Philologie, Philosophie. Hentig ist ein Bildungsbürger. Aber einer, der nicht über ganze Archive toten Wissens gebietet, sondern jemand, der einmal ein Erlebnis hatte. So etwas kann sich an den unscheinbarsten Orten ereignen, etwa einem Nachkriegshörsaal an der Universität Göttingen. Und plötzlich ging dem jungen Hentig inmitten der Trümmer eine Welt auf. Die Welt des Geistes.

Man erkennt solche Menschen, die dem Geist ihr Leben verdanken, ihr zweites und eigentliches. Es klingt so eine merkwürdige Euphorie durch ihre Sätze. Menschen, die aus Zwangssystemen kommen, sind besonders empfänglich für solche Erlebnisse. Hartmut von Hentig gehörte zu ihnen: „Ich war siebeneinhalb, als Hitlers Regiment begann; ich wurde Pimpf mit elf, Soldat mit siebzehn, ein freier Mensch mit neunzehn.“ Und wirklich frei erst auf der Universität.

Geist. Bildung. Zwei Worte, die alles Lohnenswerte bedeuten können und doch so bald unmöglich wurden. Und Hentig, der Geistmensch, der Bildungsbürger, machte etwas, das Bildungsbürger sonst nur ganz selten tun: Er schlug im Jahre 1969 vor, den Begriff „Bildung“ zu streichen. Jedenfalls probeweise. Das schöne Wort „Bildung“ schien ihm unrettbar. Der ganze Schrecken einer Schule, die keinen Unterschied machte zwischen einer gut sortierten Bibliothek und dem Kopf eines Schülers steckte darin. Die Schule der Vergangenheit räumte ein. Sie stellte das Weltwissen vergangener Jahrhunderte übersichtlich aufgestellt nach Fächern in die vorgesehenen Regale in den Köpfen ihrer Schüler. Der Schüler war das unbeschriebene Blatt. Die Schule bedeckte es mit ihren Schriftzeichen. Dass jeder Mensch eine eigene Schrift besitzen könnte – auf die Idee kam sie nicht.

Ist es wirklich überraschend, dass Hartmut von Hentig bis heute ein großes Misstrauen gegen jede inhaltliche Fixierung von Wissenspensen hegt? In seiner Bielefelder Laborschule gab es keine „Fächer“ und keinen Bildungskanon, sondern nur „Erfahrungsbereiche“. Es gab nicht einmal Zensuren, erst im Abschlussjahr. War der Mann etwa ein ’68er? Dazu war er zu alt, aber Hentig, der Bildungsbürger, teilte das Misstrauen der ’68er gegen das Herrschaftsinstrument Schule.

Selbst jetzt noch, im deutschen Nach-Pisa-Zeitalter, das die Lerninhalte wieder neu entdeckt und verbindliche Wissensstandards erstellt, ist er nicht zur Zustimmung zu bewegen. Wenn die Deutschen ein Problem haben, verdoppeln sie die Maßnahmen, das weiß er genau. Der Mitautor des skandinavischen Pisa-Erfolgs ist zugleich ein tendenzieller Gegner der deutschen Reaktion auf Pisa.

Es lohnt sich, seinen Gründen noch einmal nachzudenken. Die Schule müsse den Begriff Bildung neu denken, um zwei falsche Alternativen zu vermeiden: entweder zum sozialpädagogischen Heim zu werden oder zur bloßen Berufsvorbereitungsanstalt. Nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung (Werteerziehung!) und schon gar nicht der Ordnungsstaat gelten ihm als richtige Antworten auf unsere Orientierungslosigkeit. Er glaubt nicht an Menschenbilder, nicht an tiefe Blicke in die Zukunft, an deren vermeintlichen Herausforderungen wir uns schon heute zu orientieren hätten – er glaubt (wieder) an die Bildung.

Der Ordnungsmensch Hentig findet sechs bemerkenswerte Maßstäbe für einen gebildeten Menschen. „Die Wahrnehmung von Glück“, ein „Bewusstsein von der Geschichtlichkeit unserer Existenz“ (nicht einfach Geschichtsbewusstsein), „Wachheit für letzte Fragen“ und die „Bereitschaft zur Verantwortung“ gehören dazu. Letzteres mag sein, aber Glücksfähigkeit, wirklich? Es sind wunderbar unpraktische Maßstäbe. Und wer Hentigs Begründungen folgt, trifft auf ganze Kulturgeschichten in einem Satz. Schlagwörter wie Freiheit, Toleranz, Wertebewusstsein sind von ihm nicht zu haben. Die Tugend der Toleranz, weiß er, zählt nur unter Gleichstarken. Und Freiheit ist immer die Freiheit zu etwas.

Wer von Hentig Antworten will, muss sich auf lange Wanderungen durch die Landschaften des Wissens einlassen. Und wie jeder Bergwanderer wird er belohnt durch den Ausblick von oben. Bleibt nur eine Frage: Können auch Kinder den Professor Hartmut von Hentig verstehen? Unbedingt. Denn der Mann kann Geschichten erzählen. Geschichten, weiß er, geben uns Grundorientierungen im Leben. „Warum muss ich zur Schule gehen?“, fragte Hentigs Neffe Tobias. Onkel Hartmut kann es erklären, in lauter Brief-Geschichten. Dieser Mann mit dem jungenhaften Gesicht noch im Alter ist Weltweiser und Kind zugleich. Also ein – Pädagoge.

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