Gesundheit : Das große Schmelzen

Land unter? Eismassen in Grönland und der Antarktis könnten schneller als erwartet abtauen

Roland Knauer

Die Eismassen in der Arktis und Antarktis könnten schneller schmelzen als erwartet. Das ergaben Studien, in denen Computersimulationen mit Daten aus der Klimageschichte zusammengeführt wurden. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass der arktische Sommer des Jahres 2100 so warm sein könnte wie vor 130 000 Jahren, als der Meeresspiegel bis zu sechs Meter höher lag.

Am Ende dieses Jahrhunderts könnte es den Studien zufolge warm genug sein, um einen großen Teil der Eismassen Grönlands im Laufe des folgenden Jahrtausends abzuschmelzen, befürchten Jonathan Overpeck von der University of Arizona und seine Kollegen. Sie stellen ihre Forschungsergebnisse im Fachblatt „Science“ vor.

Weil die zukünftige Entwicklung zu kompliziert ist, um sie mit einfachen Modellen gut vorherzusagen, warfen die Forscher einen Blick zurück in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der ähnliche Verhältnisse auf dem Globus herrschten. Vor rund 130 000 Jahren bis vor etwa 127 000 Jahren lagen die Temperaturen ähnlich hoch wie sie Klimaforscher für das Jahr 2100 vorhersagen, berichten Bette Otto-Bliesner vom US-Atmosphären-Forschungszentrum in Boulder und Kollegen. Nördlich des 60. Breitengrades, auf dem zum Beispiel Norwegens Hauptstadt Oslo liegt, war es damals im Sommer durchschnittlich 2,4 Grad Celsius wärmer als heute. Über Grönland lagen die Temperaturen sogar rund drei Grad höher als heute.

Steigen die Treibhausgaskonzentrationen wie bereits heute auch in jedem kommenden Jahr um rund ein Prozent an, dürften gegen Ende dieses Jahrhunderts im hohen Norden ähnliche Temperaturen wie vor 130 000 Jahren herrschen. Demnach könnte um das Jahr 2100 das Eis Grönlands ähnlich wie damals reagieren, als gerade die vorletzte Eiszeit zu Ende ging. In Grönland zogen sich in dieser Zeit die Eismassen erheblich weiter zurück als sie es am Ende der letzten Eiszeit getan haben, fanden Philippe Huybrechts und seine Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven heraus.

Übrig blieben im Großen und Ganzen zwei mächtige Eisschilde: ein kleinerer weiter im Süden und ein erheblich größerer Eispanzer weit im Norden Grönlands. Da beide Gletschermassen ähnlich hoch wie heute über dem Meeresspiegel aufragten, fielen die Flanken des Eises erheblich steiler als heute ab, ergänzt Heinz Miller, der am AWI die Abteilung leitet, die sich mit den Eiskappen in hohen Breiten befasst.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch die amerikanischen Kollegen. Beinahe die Hälfte des heute auf Grönland vorhandenen Eises habe damals gefehlt. Zwar könne es durchaus 1000 Jahre gedauert haben, bis so viel Eis geschmolzen war, meinen die Amerikaner. Insgesamt aber habe Grönland damals genug Eis verloren, um den Meeresspiegel zwischen 220 und 340 Zentimeter höher als heute steigen zu lassen.

Löst die Klimaerwärmung eine ähnliche Entwicklung aus, hätten Küstenstädte wie Hamburg oder Rotterdam und flache Inseln oder flache Küstenstaaten wie die Malediven oder Bangladesh also schlechte Karten. Die Ergebnisse der US-Kollegen beruhen allerdings auf Modellrechnungen, weil niemand damals beobachtet hat, wie viel Eis tatsächlich abgeschmolzen ist. Auch die Klimawerte wurden mit Computersimulationen ermittelt. Solche Eis- und Klimamodelle enthalten daher einige Unsicherheiten, sagt Heinz Miller. Obendrein wissen die Forscher nicht genau, wie sich das Eis Grönlands heute entwickelt. So kann es sein, dass mancherorts die Eisdecke zunimmt, weil die Schneefälle stärker werden. Oder aber das stärkere Schmelzen durch steigende Temperaturen am Rand übertrifft dieses Gletscherwachstum, so dass insgesamt mehr Eis zu Wasser wird.

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