Gesundheit : Das große Tüfteln

Die Kultusminister haben beschlossen: Ein gemeinsames Institut der Länder und der Humboldt-Universität soll Bildungsstandards entwickeln und überprüfen

Uwe Schlicht

16 Länder haben sich auf Bildungsstandards geeinigt – noch vor fünf Jahren hätte das niemand für möglich gehalten. Bildungsstandards fallen jedoch nicht vom Himmel, sondern müssen von Fachleuten sorgfältig vorbereitet werden. Seit der Sitzung der Kultusminister in der vergangenen Woche in Berlin steht fest: Diese Aufgabe wird eine Agentur übernehmen, die als An-Institut an der Berliner Humboldt-Universität eingerichtet wird (siehe Kasten).

Experten tüfteln die Standards nicht nur einmal aus, sondern werden sie auch laufend überprüfen. Bildungsstandards – die nach dem Willen der Kultusminister Regel- und nicht Mindeststandards sein sollen – dürfen nicht so anspruchsvoll sein, dass die meisten Schüler unter ihnen durchtauchen.

Diese Balance kann nur durch Erprobung erreicht werden. Im Verlauf von immer neuen Tests auch auf internationaler Ebene wird die Agentur viele Beispielaufgaben und Standards mehrfach korrigieren. Die Standardaufgaben müssen so ausgetüftelt werden, dass ihre Lösung verschiedenen Schwierigkeitsgraden gerecht wird. Diese Grade werden in Kompetenzstufen gemessen.

Beim Leseverständnis können das vier oder fünf Kompetenzstufen sein. Die beiden untersten Stufen entsprechen nur einem Basisverständnis von Texten. Erst die beiden obersten Kompetenzstufen werden auch einem vertieften Verständnis gerecht, ob es sich nun um die Feinheiten der Sprache in einem anspruchsvollen Gedicht handelt oder die Lösung einer Aufgabe, die nur durch logisches Denken im Umgang mit dem Text bewältigt werden kann.

Bildungsstandards sollen auf anderen Testaufgaben beruhen, als sie zur Bewertung von Klassenarbeiten verwendet werden. Bildungsstandards haben zu verdeutlichen, was die Schüler in einem bestimmten Alter an deutschen Schulen wirklich gelernt und sich nicht nur für eine Klassenarbeit kurzfristig eingepaukt haben. In der Sekundarstufe I sind sie besonders wichtig. Denn dort erlauben sie schulübergreifende Vergleiche der Leistungen von Realschülern, Gesamtschülern und Gymnasiasten. Sie wirken auch über die Ländergrenzen hinweg.

Schlüsseljahr 2006

Einig sind sich die Bildungsforscher, dass die Standards nur bei entscheidenden Weichen in der Schullaufbahn abgefragt werden. Solche Weichen sind der Übergang zu den weiterführenden Schulen in der vierten Klasse, der Hauptschulabschluss in der neunten Klasse, der mittlere Abschluss in der 10. Klasse und der Leistungstest in der 12. Klasse vor dem Abitur.

Die Kultusminister hatten im Dezember 2003 stolz verkündet, dass die ersten Bildungsstandards in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache für die Sekundarstufe I formuliert worden sind. Sie werden mit Beginn des Schuljahrs 2004/2005 verbindlich. Noch in diesem Jahr beginnt die Arbeit an Bildungsstandards für Physik, Chemie und Biologie der 10. Klasse. Danach werden Bildungsstandards für die Grundschule folgen, bevor die Experten auch für die Oberstufe in der 12. Klasse Standards definieren werden.

Ein Schlüsseljahr für die Standards wird 2006 sein. Da stehen der neue internationale Pisatest und in der Grundschule der Iglutest an. Mit dem Pisatest im Jahr 2006 ist die Chance gegeben, dabei auch die deutschen Bildungsstandards auf richtige oder fehlerhafte Annahmen zu überprüfen. Das wird jedoch allenfalls in Mathematik gelingen, weil hier genügend international erprobte Vergleichsaufgaben vorliegen. Für das Fach Deutsch gibt es solche international vergleichenden Aufgaben noch nicht. Schon heute ist absehbar, dass die Standards für Deutsch und die erste Fremdsprache erst in einem gesonderten Test im Jahr 2007 erprobt werden. Danach ist mit einer Auswertung der Tests in den Jahren 2007/2008 zu rechnen.

Standards und Tests werden darüber entscheiden, ob Deutschland das Ziel erreichen wird. Das lautet: eine deutlich sichtbare Verbesserung über dem Durchschnitt der OECD-Länder in dem Zeitraum von zehn Jahren seit dem Pisaschock 2002 zu erzielen. Das ist der Wunsch der Kultusminister. Von der vorschnellen Forderung der Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, dann schon in der internationalen Spitzengruppe vertreten zu sein, halten die Bildungsforscher wenig.

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