Gesundheit : Das Kind im Mann

Vater werden? Warum viele das größte Abenteuer des Lebens scheuen

Peter Düweke

Kein Zweifel, die moderne Welt hat die Kinderfrage aufgeworfen – die nach dem Ob überhaupt. „Was einst die natürlichste Sache der Welt war“, sagt die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim von der Universität Erlangen-Nürnberg über das Kinderkriegen, „ist nun in manchen Gruppen zu einer sehr komplizierten Frage geworden.“ Nichts geht mehr spontan, alles läuft über den Kopf. Je mehr Ansätze zu einem eigenen Leben sich auftun, je mehr die Risiken, Unsicherheiten, Anforderungen wachsen, desto mehr ist Kinderhaben nicht mehr selbstverständlicher Bestandteil im Leben. Es wird zum Gegenstand bewusster Abwägungen, Planungen, Hoffnungen, Ängste – kurz zur Kinderfrage.

Dass die Kinderfrage Frauen umtreibt, hat sich herumgesprochen. Wie aber gehen Männer damit um? Im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung befragten Wissenschaftler in den Jahren 2001 bis 2004 rund 1500 Männer im Alter von 25 bis 54 Jahren in Gelsenkirchen, Freiburg Umland, Freiburg und Leipzig unabhängig von ihrer Nationalität. Eine zentrale Erkenntnis der Studie „Männer leben“: Männer mit einer hohen Qualifikation oder einer langen Ausbildung bekommen oft erst mit über 35 Jahren Kinder. 22 Prozent der hochqualifizierten 35- bis 44-jährigen Männer haben keine Kinder; bei den Frauen sind es einer Vorläuferstudie zufolge 47 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet damit, dass der Anteil der lebenslang Kinderlosen steigt. Heute hat bereits jeder vierte Mann zwischen 45 und 50 Jahre keine Kinder.

Auch ein geringes Einkommen hemmt den Kinderwunsch: 38 Prozent der Männer ab 34 Jahren mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1 500 Euro sind kinderlos. Bei Männern, die 2 500 Euro und mehr verdienen, sind es nur elf Prozent. Frauen mit einem unterdurchschnittlichem Einkommen bleiben zu 40 Prozent kinderlos.

Kinderlosen Männern fällt es schwer, sich ein Leben als Vater vorzustellen. Das fand der Psychologe Holger von der Lippe heraus, der die Familiengründung von Männern und Frauen aus 200 Rostocker Familien untersuchte und qualitative Interviews mit einem guten Dutzend 30- bis 31-jährigen kinderlosen Männern führte. „Ich kann mir das alles gar nicht so recht vorstellen“, lautete ein typischer Kommentar. Von strikter Familienplanung hielten die wenigsten etwas. Verhütung und Kinderfrage überließen sie nicht selten ihren Partnerinnen. Kinder „passierten“ einfach, stellen sich viele vor – und das sei auch in Ordnung so. Sie kämen damit schon irgendwie zurecht, war der Tenor.

Nach ihrem Selbstbild ließen sich die Männer zwei Gruppen zuordnen: Diejenigen, die sich Kinder wünschten, beschrieben sich in der Mehrzahl als reif, stabil, gediegen und zuverlässig. Männer ohne Kinderwunsch bezeichneten sich eher als neugierig, umtriebig, spontan oder „clownisch“.

Holger von der Lippe fasst den Kinderwunsch als ein Kräftefeld auf, in dem Motive, Selbstbilder, Männlichkeitsbilder, aber auch Einstellungen, Werte und Interessen zusammenwirken. So verstärkten die Motive Geselligkeit, Intimität, Verantwortung, Lebendigkeit oder „Weiterleben in Kindern“ den Kinderwunsch bei Männern, sagt der Forscher. Ungebundenheit, Individualität, Spontaneität, Freiheit oder Muße schwächten ihn. Nicht zuletzt fällt ins Gewicht, ob Mann ein Interesse daran hat, mit Kindern umzugehen und welche Einstellung zu alltäglichem „Kinder-Kram“ er hat. Für einige Rostocker Männer war Vaterschaft ein „Identitätsprojekt“. Ein eigenes Kind betrachteten sie als ein gesellschaftliches Symbol für Erfolg, dafür „angekommen“ zu sein oder „ein ganzer Mann“ zu sein.

Die Freiburger Soziologin Cornelia Helfferich erfuhr in 100 Interviews, dass der Kinderwunsch von Männern stärker als der von Frauen „über den Partner vermittelt“ ist und mehr von der Partnerschaft abhängt. Während Frauen oft einen „Vater für ihr Kind“ wollten, traf Helfferich keinen Mann, der eine „Mutter für sein Kind“ suchte.

Der Wunsch nach eigenen Kindern sei aber bei Männern grundsätzlich nicht schwächer ausgeprägt als bei Frauen, sagt Wassilios Fthenakis, Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Fthenakis hat Paare über viele Jahre eingehend untersucht, ihren Übergang zur Elternschaft und die Veränderungen im Leben der Eltern und Kinder. Die zentrale Aussage: Beide Geschlechter wollen gleichermaßen das erste Kind. Beim zweiten Kind wird jedoch der Wunsch bei Frauen wie Männern durch zahlreiche Hindernisse in Frage gestellt: Frauen wollen weiter erwerbstätig sein, Männern wird es meist nicht ermöglicht in Teilzeit zu arbeiten. Und flexible Betreuungsmöglichkeiten für Kinder fehlen ohnehin. Eltern wünschen sich mehr Kinder als sie tatsächlich haben, sagt Fthenakis. Doch unter den gegenwärtigen Verhältnissen müssten sie dafür traditionelle Rollen übernehmen, die Frauen oft ablehnen und die die Männer nicht übernehmen wollen.

Das „konservative Modell familialer Arbeitsteilung“ – der Mann als Haupternährer und die Frau als Haus- und Kinderarbeiterin – ist in Ostdeutschland nur bei einem Drittel der Familien verbreitet, im Westen bei zwei Dritteln, kam bei der Studie „Männerleben“ heraus. Das egalitäre Modell – beide tragen gleichermaßen zum Einkommen bei und teilen sich die Haus- und Kinderarbeit – praktizieren im Osten elf Prozent, im Westen aber nur fünf Prozent der Eltern.

Wassilios Fthenakis ruft die Deutschen dazu auf, sich von der „Mutterideologie“ zu befreien, die den Familien nicht gerecht werde. Die Mutter sei nicht notwendigerweise die primäre Bezugsperson, vielmehr seien Mutter und Vater beide gleich wichtig für das Kind. Die Funktion des Broterwerbs, die der Vater bis jetzt zu erfüllen hatte, sagt Fthenakis, sei bereits heute zur gemeinsamen Aufgabe von Mann und Frau geworden. „Mütter und Väter werden infolgedessen ihre Rolle in der Familie neu definieren müssen.“

Die Studie „Männer leben“ im Netz:

www.maennerleben.de

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