• Das klamme Gefühl von Beschleunigung Das Klima verändert sich immer schneller. Über Konsequenzen sprachen 4000 Physiker

Gesundheit : Das klamme Gefühl von Beschleunigung Das Klima verändert sich immer schneller. Über Konsequenzen sprachen 4000 Physiker

Thomas de Padova

Die Ideen kommen aus ihren Reihen: Entwürfe für Solarkraftwerke mit höherem Wirkungsgrad, Konzepte für Brennstoffzellen oder Fusionsreaktoren. Die Liste ließe sich fortsetzen. Aber bei Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, zu der sich vergangene Woche 4000 Forscher in Regensburg getroffen hatten, ging es nicht nur um technische Neuerungen. Auch in der Wissenschaft herrscht Ungewissheit angesichts der Komplexität des derzeit alles überragenden Themas: des Klimawandels.

Mehr oder wenigerVerlässliches bietet noch der Blick in die Vergangenheit. Peter Lemke, einer der Autoren des aktuellen internationalen Klimareports, betrachtete den Kohlendioxid-Gehalt der Luft über 800 000 Jahre. Er zeigte, dass dieser Wert immer zwischen 180 ppm (parts per million, das sind millionstel Volumenanteile) in Eiszeiten und 280 ppm in Warmzeiten pendelte. Das CO2 hielt sich in diesen Grenzen, bis die massive Verbrennung von Kohle, Gas und Öl einsetzte. „Heute sind es 380 ppm.“ Und schon in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts könnte es mit 560 ppm zu einer Verdopplung vorindustrieller Werte kommen (siehe Kasten).

Dem rapiden Anstieg folgte im zurückliegenden Jahrhundert eine Erwärmung um 0,74 Grad. Betrachtet man dagegen den Schnitt der vergangenen 50 Jahre, so sind es 1,3 Grad pro Jahrhundert. Und die mit Abstand wärmste Dekade war die gerade abgelaufene.

Lemkes nüchterner Statusreport vermittelte ein unangenehmes Gefühl der Beschleunigung. Je näher der Klimaforscher aus Bremerhaven die Gegenwart heranzoomte, umso schneller ablaufende Prozesse konnte er zeigen: die Zunahme des Kohlendioxids, die Erwärmung, die Eisschmelze, der Anstieg des Meeresspiegels.

Die Gletscherschmelze in Sibirien oder Alaska, wo inzwischen etliche Dörfer umgesiedelt werden müssen, trägt immer stärker zum Meeresspiegelanstieg bei. Kletterte der Pegel im Schnitt der letzten 40 Jahre allein durch die Eisschmelze bedingt um 0,7 Millimeter jährlich, so sind es in den vergangenen zehn Jahren bereits 1,2 Millimeter pro Jahr gewesen.

Das höhere Tempo wird offenbar durch Rückkopplungen vorangetrieben, von denen nur wenige im Detail bekannt sind. Wo die Sonnenstrahlung zum Beispiel auf helles Eis trifft, werden 90 Prozent des Lichts zurückgeworfen und nur zehn Prozent absorbiert. Ist das helle Eis aber einmal weg, fällt das Sonnenlicht auf ein viel dunkleres Meer. Das nimmt fast sämtliche Strahlung auf und heizt sich auf, das Eis schmilzt schneller, die Meerwasserzirkulation oder das Algenwachstum verändern sich.

Bei einem Problem derartiger Komplexität und globalen Ausmaßes schwindet die Hoffnung, die Zukunft durch ein oder zwei technische Wundermittel zu meistern. Auf den Fluren der Uni Regensburg klangen typische Zwiegespräche in den Kaffeepausen zwischen den Vorträgen etwa folgendermaßen: „Vielleicht gibt es ja irgendwann doch noch den überraschenden Durchbruch in der Fotovoltaik.“ „Und dann? Glaubst du, die Industrie würde dann in Solarenergie investieren?“

Die Fragestellungen haben sich verschoben. Was bringen technische Entwicklungen in einer Welt mit verwirrend vielen Handlungsmöglichkeiten? Welche von ihnen haben überhaupt eine Chance auf Realisierung?

Die EU hat das ehrgeizige Ziel, die Treibhausgas-Emission bis 2020 um 20 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren. Jean-Claude Schwartz aus Brüssel erläuterte, dass dies vor allem durch einen effizienteren Energieeinsatz und erneuerbare Energien erreicht werden soll. Auch die Energieforschung werde stärker gefördert als bisher: 2,75 Milliarden Euro seien in den Jahren 2007 bis 2013 für Fusionsforschung und Kernkraft vorgesehen, 2,35 Milliarden für die anderen Energien.

Unter Physikern ist der Einsatz der Kernenergie im Kampf gegen den Klimawandel ein heißes Thema. Derzeit trägt die Kernkraft in Europa mit 14, weltweit mit sechs Prozent zur Energieversorgung bei. Während es in Frankreich, wo ein einziges Unternehmen nahezu über ein Strommonopol verfügt, kaum Alternativen zum Atomstrom gibt, plant man in Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie.

Kernforschung hat in Deutschland eine lange Tradition. Thomas Schulenberg vom Forschungszentrum Karlsruhe stellte eine ganze Phalanx neuer Kernkraftwerkstypen vor: vom europäischen Druckwasserreaktor bis zum Kugelhaufenreaktor. Sein Fazit: Sicherere Reaktoren als die heute laufenden seien längst kommerziell verfügbar.

Das Beispiel der Kernenergie illustriert die Vielzahl verschiedener Blickwinkel, mit denen man in der Klimadebatte konfrontiert ist. In Regensburg nahmen die Forscher die unterschiedlichen Sichtweisen ernst. Und sie waren skeptisch, ob Europa die soeben beschlossenen Ziele zur Eindämmung der Erderwärmung erreichen wird.

Einfache Lösungen gibt es nicht. Wissenschaft, Politik und jeder einzelne Bürger sind gleichermaßen gefragt. 2006 ist der CO2-Ausstoß in Deutschland wieder um 0,6 Prozent gestiegen, anstatt zu fallen. Und von einer wirklichen Offensive in puncto Energieforschung und -technik ist hierzulande noch ziemlich wenig zu spüren.

Gleichzeitig mehren sich in den USA die Stimmen derer, die statt der vom Präsidenten George Bush propagierten Mondbesiedlung lieber ein Apollo-Programm für klimafreundliche Technologien ins Leben rufen möchten. Will man in Europa warten, bis auch die letzten im längst begonnenen internationalen Wettbewerb um sparsamere Autos und effizientere Kraftwerke aufgewacht sind?

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