Gesundheit : Das kleinere Übel

Adelheid Müller-Lissner

"Das Leben spottet aller Paragraphen." Mit diesem Argument hatte im Jahr 1928 der Tübinger Psychiater Gaupp für sich und seine Kollegen das Recht gefordert, trotz des "Opiumgesetzes" Morphin an Abhängige verordnen zu dürfen. Noch heute, mehr als 70 Jahre später, werden Ärzte wie er von manchen als "Dealer in Weiß" bezeichnet.

Doch "das Leben" liefert gute Gründe für den kontrollierten Einsatz von Opiaten in der Suchttherapie. "Wir müssen als Mediziner akzeptieren, dass es keine Behandlungsform gibt, die Sucht kurzfristig heilt", sagte der Hamburger Allgemeinmediziner Rainer Ullmann. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft für Suchtmedizin, die am Wochenende ihren zehnten Kongress in Berlin abhielt.

Das heißt allerdings nicht, dass den Ärzten überhaupt keine Möglichkeit des Einwirkens zur Verfügung stünde. "In den letzten zehn Jahren ist die Einsicht gewachsen, dass Sucht eine chronische Krankheit sein kann", sagte Klaus Behrendt, der im Hamburger Klinikum Nord die Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen leitet. Zugleich sei "das Dogma gefallen, dass erst der Wille zur Abstinenz Veränderung schaffen kann".

Dass der Patient es schafft, ganz ohne Drogen zu leben, ist zwar weiter oberstes Ziel. Doch wenn es nicht (sofort) erreicht wird, bleiben andere ärztliche Aufgaben: Zu verhindern, dass Infektionen entstehen, etwa mit Hepatitis C oder HIV, oder dass Organe wie Nieren, Leber und Gehirn Schaden nehmen, den Abhängigen zugleich aber auch vor sozialen Folgen wie Arbeitslosigkeit und Kriminalisierung zu bewahren. Schadensminderung heißt dann die Devise. "Die Kosten, die durch Drogen bei 120 000 Konsumenten derzeit jährlich in Deutschland entstehen, gehen in die Milliarden, ohne dass mit dem Geld wirklich etwas Produktives gemacht würde", rechnete Jörg Gölz vor, der in Berlin eine Schwerpunktpraxis für Suchtmedizin betreibt.

Mit der Gabe von Methadon, einem lang wirkenden Opiat, wird schon seit Jahren versucht, Heroinabhängigen einen Weg aus der Illegalität und den Infektionsrisiken anzubieten. Doch es gibt eine Gruppe von Schwerabhängigen, bei der diese Substitutionstherapie versagt.

In einem Modellprojekt, das voraussichtlich im Frühjahr 2002 in sieben deutschen Großstädten anlaufen wird, soll nun geprüft werden, ob ihnen mit der kontrollierten Gabe reinen Heroins geholfen werden kann. Der Psychiater Michael Krausz von der Universität Hamburg, Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Suchtforschung und Koordinator des Projekts, erhofft sich davon eine Verbesserung des Gesundheitszustands, einen Rückgang des illegalen Konsums und der damit verbundenen Delikte und insgesamt eine soziale Stabilisierung der Teilnehmer.

Der Modellversuch soll 1120 Drogenabhängige ab 23 Jahren umfassen und zwei Jahre laufen. Er ist angelegt wie die Prüfung eines neuen Arzneimittels: Die eine Hälfte der Teilnehmer erhält in speziellen Zentren dreimal täglich reines Heroin, die andere einmal täglich das "Vergleichsmedikament" Methadon. Für alle gibt es eine psychosoziale Begleitbehandlung, und auch hier werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip einer Gruppentherapie oder einem individuellen Betreuungskonzept zugeteilt. Dass Berlin nicht unter den Teilnehmer-Städten ist, hatte nach Krausz übrigens lange Zeit politische Gründe: "Nur wo ein kleiner Koalitionspartner mitregiert, gab es bisher Zustimmung."

Krausz und seine Kollegen glauben keineswegs, mit der Substitution nun den "Königsweg" der Behandlung gefunden zu haben. Man hoffe aber, langfristig die "Phasen risikoarmen Konsums", die es in der Biografie der meisten Abhängigen gebe, verlängern zu können. Wie entscheidend das im Einzelfall sein kann, illustrierte Jörg Gölz mit einem Beispiel aus der Praxis: "Wer als Heroinabhängiger im Gefängnis war und chronische Infektionen hat, wird heute oft schon mit Ende 20 zum Dauerrentner."

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