Gesundheit : Das Leben ist kein Ponyhof Berliner Studenten-Camp bereitet Proteste vor

Sören Kittel

Dieser Sommer wird heiß. Das hatten die Studierendenvertretungen und Asten versprochen. Jedoch war in Berlin bisher von Protesten gegen drohenden Bildungsabbau oder Studiengebühren wenig zu hören. Glaubt man aber den Studierenden im „Summercamp of Resistance“, war dies nur die Ruhe vor dem Sturm. Die Proteste werden auch nicht auf den Bildungsbereich beschränkt bleiben, heißt es in einer Erklärung der Teilnehmenden. Um die Proteste für das kommende Semester zu planen, haben sich Aktivisten in dieser Woche in ein Zeltlager nach Heiligensee im Berliner Bezirk Reinickendorf zurückgezogen.

„Wir wollen beim Summercamp of Resistance auf neue Gedanken kommen“, sagt Sascha, Student der Humboldt-Universität (HU). Hauptkritikpunkte seien die Kürzungen im Bildungs- und Sozialbereich. Sascha gehörte einer Gruppe an, die sich um die Organisation des Camps gekümmert hat. „Schon auf dem ersten Plenum hat sich unser Team aber aufgelöst, weil wir hier ohne autoritäre Strukturen miteinander umgehen wollen“, erklärt der 25-Jährige. „Wir wollen hier eben bestimmte Hierarchien aufbrechen“, sagt auch Raphael, der an der Uni Göttingen studiert. Jeder Teilnehmer am Camp kann einen Workshop zu einem Thema vorschlagen und gestalten. So gab es bisher Gesprächsrunden zu der „Verwicklung des Bertelsmann-Konzerns in die Bildungspolitik“ oder „Bologna oder der neoliberale Umbau der Hochschulen in Europa“.

„Das BachelorMaster-System mag sich zwar durchsetzen“, sagt Katrin aus Halle, „aber es macht eben in den meisten Fällen aus einem Studiengang eine Berufsausbildung.“ Und dafür könne sie nicht sein. Die Germanistik-Studentin will sich aber nicht nur über Bildungsfragen streiten. Sie sei vor allem gekommen, „um mit Gleichgesinnten alternative Ideen zu gesellschaftlichen Fragen zu entwickeln“.

Ein revolutionäres Studenten-Camp im bürgerlichen Heiligensee – parallele Welten, die sich nicht berühren. Vor den Toren des Zeltlagers in den ruhigen Wohnstraßen hängt an beinah jedem Laternenpfahl ein Wahlplakat von CDU oder FDP. Im Camp ist der Wahlkampf kein Thema. „Ich werde dieses Jahr sowieso niemanden wählen“, sagt Katrin. „Die Parteien unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung einfach zu wenig.“ Viele der 70 campierenden Studenten denken so. Sie leben in einer eigenen Welt, mit eigenen Gesetzen.

Wer am Camp teilnehmen will, bezahlt einen „Richtbetrag“ von vier Euro pro Tag. Als Erkennungszeichen trägt man ein gelbes „Resistance“-Bändchen – ähnlich denen bei Musikfestivals. Wer zusätzlich ein gelbes, rotes oder schwarzes „Resistance“-Shirt haben will, zahlt noch einmal fünf Euro. Davon werden die Kosten für das Essen und den Zeltplatz gedeckt.

Am Sonnabend wollen die Studierenden von Heiligensee nach Kreuzberg ziehen. Um 15 Uhr startet an der Yorckstraße ein Demonstrationszug zum Mariannenplatz. Das Motto der Demo soll Berlins Studenten aus der Sommerferienlaune in kämpferische Stimmung versetzen, damit vielleicht der Herbst ein bisschen heißer wird: „Das Leben ist kein Ponyhof.“

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