Gesundheit : „Das lernst du nie“ wäre eine schlimme Entgleisung

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Von Bärbel Schubert

Viele gehen eher verwirrt in die Ferien – nach den Ergebnissen im Schulvergleich Pisa. Schlechte deutsche Ergebnisse gab es im innerdeutschen Vergleich wie im internationalen, Reformen werden immer drängender angemahnt. Doch wie sollen sie aussehen? Die Pisa-Verantwortlichen Jürgen Baumert und Andreas Schleicher mahnen übereinstimmend, über dem Schulranking der Bundesländer den Vergleich mit den Weltbesten nicht aus den Augen zu verlieren. Auch dort entstand das gute Bildungsniveau nicht über Nacht.

„Bis in die 70er Jahre gab es in Finnland fast einen Schulkrieg zwischen Erneuerern und den Anhängern des Gymnasiums“, berichtete Rainer Domisch, der seit vielen Jahren Fachberater für Deutsch im finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen ist. Vorher hat er in Baden-Württembergs Schulwesen gearbeitet, hat also Einblick in beide Systeme und ist seit einigen Monaten besonders in Deutschland ein gefragter Mann. 1968 wurde die Gemeinschaftsschule dann vom Parlament beschlossen, 1977 war ihre Einführung landesweit abgeschlossen – zuletzt in Helsinki. „Ein Jahrhundert-Projekt!“ Domisch: „Übrigens ist es nicht die DDR-Schule, wie es so oft heißt.“ Heute sei von dem alten Streit nichts mehr zu spüren.

Die finnische Gemeinschaftsschule von Klasse eins bis neun gilt international als besonders anspruchsvoll. Rund 60 Prozent der Schüler erwerben später die Hochschulreife. Gleichwohl schrauben die Lehrer ihre Ansprüche nicht zurück: Jedes Kind lernt beispielsweise zwei Fremdsprachen, die meisten drei und die Gymnasiasten vier bis fünf Fremdsprachen, berichtet Domisch.

Wie kommt man dahin? Die Schulphilosophie lautet: Kein Kind darf verloren gehen. Wer beispielsweise Schwächen bei der Rechtschreibung hat, wird in kleinen Gruppen zusätzlich gefördert. Da es keine Sonderschulen gibt, lehren die Sonderpädagogen an der allgemeinen Schule. „Man sieht Begabung hier flexibler“, erklärt Domisch. „Niemand kommt schließlich als Gymnasiast auf die Welt.“ Zu frühes „Aussortieren schadet“ lautet hier die Devise. Und tatsächlich gelingt es den Finnen, dass der Schulerfolg nur wenig von der Herkunft abhängt, wie Pisa gezeigt hat.

Lernen ist Lebensinhalt

Lernen genießt eine hohe Wertschätzung in Finnland. „Das ist hier keine Freizeitbeschäftigung, sondern ein zentraler Lebensinhalt“, weiß Domisch zu berichten. So versucht man, die Kinder von der ersten Klasse an im Lesen zu fördern, so dass sie damit aufwachsen. Bibliotheken haben ein reiches Angebot und entfalten rege Aktivitäten: „Wir haben Lesewettbewerbe, Internetprojekte, Buchvorstellungen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Pultbuch.“ Das hat jedes Kind an seinem Schultisch und kann darin lesen, wenn es mit seinen Aufgaben fertig ist. Auch sonst herrscht ein anderes Lernklima: „Die Prügelstrafe ist immer schon verboten.“ Auch jemanden auszugrenzen, sei ein schlimmes Stigma. „Das lernst du nie, wäre eine ganz schlimme Entgleisung.“

Und wie sieht Domisch die Chancen, dass auch in Deutschland bald Reformen kommen? „Man weiß in Deutschland eigentlich schon alles und muss jetzt Beschlüsse fassen.“ Etwa darüber, ob man das Sitzenbleiben weiter praktizieren möchte. In Finnland gibt es das nur in ganz wenigen Ausnahmefällen. Oder liegt es an den Lehrern? Domisch: „Die Lehrerausbildung ist wahrscheinlich nicht besser als in Deutschland, aber stärker praxisbezogen.“ Die Studenten müssen sich zur Übung schon mit der Praxis auseinandersetzen, unter anderem im digitalen Lehrerzimmer. Und psychologische Tests sollen klären, ob die Kandidaten für den Beruf auch geeignet sind.

Eines ist Domisch noch ein wichtiges Anliegen: Ohne die kommunale Verantwortung für die Schulen und ihre Gestaltungsfreiheit wären die Erfolge nicht möglich. „Wir kontrollieren aber das Ergebnis.“ Jedes Jahr sind dafür zehn Prozent der Schulen im Test. Über den „Weltmeister“-Titel hat man sich zwar gefreut, ist aber gleich an weitere Verbesserungen gegangen, bei den regionalen Unterschieden, den Ergebnissen von Jungen und Mädchen beim Schulerfolg und mehr. „Wenn man heute nicht anfängt, sitzt man in zehn Jahren noch immer in derselben Sauce“, mahnt der Reformerfahrene.

Der derzeit wohl kenntnisreichste Experte für die Schulen der Industrieländer weltweit ist der internationale Pisa-Chef, Andreas Schleicher. Rund 400 000 Flugmeilen hat er allein in diesem Jahr schon zurückgelegt und viele Schulsysteme kennen gelernt. Schleicher beschreibt drei verschiedene Reformansätze, mit denen Staaten versuchen, ihre Schulen zu verbessern. Ganz klar hat auch für ihn Finnland das anspruchsvollste Schulmodell, das „das Meiste bei den Lehrern voraussetzt“. Ihnen traut man viel zu und überträgt die wichtigsten Aufgaben ihrer Verantwortung. England steht für einen anderen Reformweg: Dort seien die Verantwortlichen von eher mittelmäßigen Schulen ausgegangen und hätten für jeden Fachbereich Bildungsziele festgelegt. Ein zentrales Bewertungssystem stellt sicher, dass sie umgesetzt werden. Die Testergebnisse der Schulen werden veröffentlicht. Mit den Reformen hat das stark von seinen traditionellen gesellschaftlichen Klassen geprägte Bildungssystem es geschafft, dass die familiäre Herkunft den Schulerfolg deutlich weniger bestimmt als in Deutschland – wie Pisa ergeben hat. Ergebnis einer kontinuierlichen Verbesserung. Allerdings fühlten sich die Lehrer durch die öffentlichen Rankings in die Enge getrieben, berichtet Schleicher. Die Folge sei eine starke Abwanderung aus dem Beruf.

Japan im Aufbruch

In Japan interessierten sich die Verantwortlichen weniger für die Pisa-Ergebnisse – als für das Pisa-Bildungskonzept. Fächerübergreifendes und lebenslanges Lernen wurden schon 1999 eingeführt. „Die Japaner investieren das meiste Geld“, berichtet Schleicher. „Die Vorurteile von der japanischen Drillschule stimmen schon lange nicht mehr. Dort wurde auf offenen Unterricht umgestellt wie in Finnland.“ Zum Erfolg trägt bei, dass ein Lehrer sich den Gesichtsverlust nicht leisten kann, wenn ein Schüler nicht mitkommt. Allerdings besteht die Nachmittagsschule Yuko weiter. Dort bekommen alle gegen Bezahlung Nachhilfe. „Das ist hart, aber jeder Schüler lernt dort an seinen individuellen Schwächen.“ Durch die Reformen könne Japan in einigen Jahren mit hervorragenden Ergebnissen rechnen.

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