Gesundheit : Das Nein von Göttingen

Vor 50 Jahren sprachen sich prominente Physiker gegen die deutsche Atombewaffnung aus

Dieter Hoffmann

„... Atomwaffen (stellen) im Grunde nur eine Verbesserung und Verstärkung der Artillerie dar, so dass es sich gegenüber der konventionellen Bewaffnung also nur um einen Gradunterschied handelt. Das stellte Bundeskanzler Adenauer am 5. April 1957 fest und diese Verharmlosung von Atomwaffen gab den Anlass für einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik und zu einer Bewährungsprobe der Demokratie in der frühen Bundesrepublik.

Er mündete in der Göttinger Erklärung, mit dem 18 prominente deutsche Atomwissenschaftler heute vor 50 Jahren, am 12. April 1957, spektakulär die Öffentlichkeit suchten. Gemeinhin als „Göttinger Appell“ bekannt, liegt dessen Quintessenz in den Sätzen: „Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am besten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichner bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen.“

Die Geschichte des Göttinger Appells reicht bis in die frühe Nachkriegszeit zurück, als führende deutsche Kernforscher im englischen Farm Hall interniert waren und man dort erste Pläne für die wissenschaftliche und politische Nachkriegsordnung in Deutschland schmiedete. Carl Friedrich von Weizsäcker, Walther Gerlach, Otto Hahn, Werner Heisenberg und Max von Laue war dort klar geworden, dass nach der Erfahrung des Dritten Reiches und den amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki die Zukunft der deutschen Kernphysik nur in ihrer friedlichen Nutzung liegen könne.

Im Jahre 1955 hatten der Einstein-Russell-Appel sowie die Mainauer Erklärung von Nobelpreisträgern die öffentliche Sensibilität für die Konsequenzen des atomaren Wettrüstens erhöht und ein internationales Auditorium gegeben. In der Bundesrepublik wurde dies von Diskussionen um eine deutsche Atombewaffnung begleitet. Zwar hatte die Bundesrepublik politisch mit den Pariser Verträgen auf Entwicklung, Herstellung und Besitz von Atomwaffen verzichtet und Bundeskanzler Adenauer stattdessen den Aufbau eines konventionell bewaffneten 500 000 Mann starken Bundesheeres vorangetriebenen, doch kollidierte dies mit der Abschreckungsdoktrin der NATO und der gewünschten gleichrangigen Einordnung in das Bündnis.

Namentlich der aufstrebende Franz Joseph Strauß machte sich zum Fürsprecher solcher deutschen Wünsche. Als der CSU-Politiker im Herbst 1956 vom Atom- ins Verteidigungsministerium wechselte, rückte die Nuklearisierung der NATO und damit auch der Bundeswehr ins Zentrum der damaligen politischen Agenda. So ließ Strauß in internen Diskussionen erkennen, dass er für die Bundesrepublik den Status einer Atommacht wünschte.

Die politische Kehrtwende bestärkte Physiker wie Weizsäcker, Hahn und Heisenberg in ihrer Befürchtung, dass die damals im Aufbau begriffenen deutschen Kernforschungszentren nicht ausschließlich friedlichen Zwecken, sondern auch waffentechnischen Entwicklungen dienen sollten. Im Arbeitskreis Atomphysik der deutschen Atomkommission wurde deshalb Ende 1956 eine konzertierte Briefaktion initiiert, in der die Bedenken der Fachleute gegenüber den atomaren Bestrebungen der Bundesregierung formuliert wurden. Ende Januar 1957 kam es daraufhin zu einem Gespräch zwischen Strauß und den Kernphysikern. Obwohl man vereinbarte, die Bedenken nicht in die Öffentlichkeit zu tragen, fühlten sich die beteiligten Physiker von der Politik unverstanden und von Strauß selbst beschimpft und überfahren.

Als dann Anfang April Bundeskanzler Adenauer in aller Öffentlichkeit über den Unterschied von „großen“ und „kleinen Atomwaffen“ schwadronierte und „taktische Atomwaffen“ als „beinahe normale Waffen“ verharmloste, ergriffen Weizsäcker und Gerlach die Initiative, auch „öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute kennen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.“

Aus dieser Initiative entstand in den nächsten Tagen die Göttinger Erklärung, der sich weitere prominente Atomwissenschaftler – von Max Born über Otto Hahn bis zu Karl Wirtz – anschlossen und bekannten, sich nicht an Entwicklung, Erprobung oder Einsatz von Atomwaffen beteiligen zu wollen.

Die Erklärung schlug in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit wie eine Bombe ein. Adenauer sprach sogar von einem „Aufstand der Atomwissenschaftler, der ... innen- und außenpolitisch sehr unangenehm war.“ Dies hatte zur Folge, dass es nun endlich zum Dialog zwischen Wissenschaft und Politik kam und die Bundesregierung sich darauf festlegte, für Deutschland nicht den Status einer Atommacht anzustreben. Eine Option, die bis heute Bestand hat und die deutschen kernphysikalischen Forschungseinrichtungen davor geschützt hat, an der Herstellung von Atomwaffen mitzuwirken.

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