Gesundheit : Das Phantom am Golf

Die US-Streitkräfte wollen einem Ausbruch mysteriöser Gesundheitsstörungen diesmal frühzeitig vorbeugen

Hartmut Wewetzer

Fünf Monate war Bobby Larson im Krieg um Kuwait eingesetzt. Am 12. Januar 1991 rückte der Soldat mit Panzern in Richtung Irak vor, am 16. Juni verließ er den Irak wieder, und am 13. April 1992 wurde er aus der Armee entlassen. Zu Hause plagten ihn dann plötzlich Gesundheitsprobleme: Durchfall, Gelenkbeschwerden, Hautausschlag, Konzentrationsstörungen. Larson ist ein Opfer des Golfkriegssyndroms.

Es sind Fälle wie die von Bobby Larson, die die amerikanische Regierung im neuen Golfkrieg auf jeden Fall vermeiden will. Denn jahrelang warfen Veteranenverbände und Politiker der US-Regierung vor, das Syndrom zu verharmlosen und Risiken zu vertuschen. Beim jetzigen Golfkrieg wollen die Verantwortlichen aus den Versäumnissen lernen. Geplant ist, die gesundheitliche Belastung der Soldaten zu messen und dokumentieren, um der Störung auf den Grund zu gehen.

Das Problem dabei: Bisher sind alle Anworten auf die Frage, wie sich das Golfkriegssyndrom erklären lässt, unbefriedigend geblieben. Fast scheint es, als jagten die amerikanischen Behörden einem Phantom hinterher.

Das Verteidigungsministerium und die Abteilung für Veteranen sind zuversichtlich. Man wird den Soldaten Fragebögen geben, ihren Gesundheitszustand genau kontrollieren und dokumentieren. Blutproben werden vor und nach dem Einsatz genommen, um später Vergleichsmöglichkeiten zu haben. Außerdem sollen Wasser- und Luftqualität ständig überwacht werden. Spezialteams gehen auf die Suche nach Spuren von Chemikalien oder Radioaktivität.

Die Maßnahmen sollen verhindern, dass es wieder so weit kommt wie damals. Zehntausende von ehemaligen US-Soldaten des ersten Golfkriegs klagen über ähnliche Probleme wie Larson. Den Veteranen werden mittlerweile Krankenrenten zugesprochen. 1999 führte eine Liste an die 80000 Soldaten auf, die Zeichen des Golfkriegssyndroms zeigen sollen. Die USA wenden jährlich um die 20 Milliarden Dollar für die angeschlagenen Krieger von einst auf. Damit gibt es auch handfeste materielle Gründe, es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen.

Dieses Mal werde es kein Golfkriegssyndrom geben, sagt William Winkenwerder, leitender Gesundheitsexperte im Pentagon. Keine geheimnisvolle und unbestimmte Krankheit, keine Vertuschungsvorwürfe. „Ich denke, wir werden so etwas diesmal verhüten“, sagt Winkenwerder.

Robert Haley von der Universität von Texas in Dallas glaubt, dass ein Nervengas damals zu Hirnschäden bei einigen Soldaten führte. Er fürchtet, dass die geplanten Fragebogen-Ergebnisse ein solches Problem eher verdecken würden. Symptome würden auf großen psychischen Stress zurückgeführt werden, andere Ursachen maskiert.

Angesichts der bisherigen Ergebnisse ist es zweifelhaft, ob die Ursachenforschung diesmal Erfolg hat. Mehr als 150 Millionen Dollar hat die amerikanische Regierung bisher in Forschungsvorhaben gesteckt, mit denen der rätselhaften Störung auf den Grund gegangen werden sollte. Mit ernüchterndem Ergebnis. Bis heute ist es nicht gelungen, das Syndrom klar einzugrenzen oder eine endgültige Ursache zu finden.

Das Spektrum der Beschwerden – sie reichen von Asthma bis zu Sexualstörungen – ist so weit, dass manche Forscher inzwischen vermuten, dass sich mehrere verschiedene Probleme hinter dem pauschalen Ausdruck Golfkriegssyndrom verbergen.

Nervengifte, Impfstoffe, uranhaltige Munition, Mikroben, Chemikalien – viele Ursachen für das Syndrom wurden bisher diskutiert. Aber die meisten von ihnen scheiden aus, um den Großteil der Störungen zu erklären. Nicht selten deshalb, weil die Schadstoffdosen viel zu gering waren, um zu nachhaltigen Schäden zu führen.

„Es gibt keine ausreichenden Hinweise dafür, dass chronische Gesundheitsprobleme auf bestimmte Medikamente, Chemikalien und Impfstoffe zurückgeführt werden können, die während des Golfkriegs nachweislich vorhanden waren“, lautete denn auch das Ergebnis einer Analyse des Instituts für Medizin, einer Einrichtung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA.

Mit solchen Urteilen haben die Wissenschaftler viele Veteranen und ihnen nahe stehende Politiker immer wieder gegen sich aufgebracht. Und so wurden schließlich auch „alternative“ Forscher großzügig unterstützt, die dennoch glaubten, eine Ursache gefunden zu haben. So wie der pensionierte Arzt Edward Hyman aus New Orleans. Er glaubt, dass Bakterien der Golfregion eine der Ursachen sind, und behandelt seine Veteranen mit einem Cocktail von Antibiotika.

Bisher können andere Wissenschaftler Hymans Ergebnisse nicht nachvollziehen. „Viele Forscher zweifeln daran, jemals eine ,wahre Ursache’ für das Golfkriegssyndrom zu finden“, urteilt das Fachblatt „Science“.

Müdigkeit, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche und Depression: Die Vielfalt der Probleme und der Mangel an nachweislichen körperlichen Schäden legt für manche Fachleute nahe, dass eine psychische Störung die Ursache ist – verstärkt durch die mitunter sensationsheischende Darstellung mancher Medien und durch Verschwörungstheorien, wie sie im Internet kursieren. So nehmen Ernst Habermann und Hans-Joachim Krämer, Mediziner an der Universität Gießen, an, dass ein „stressbedingtes, massenpsychotisches Krankheitsgefühl“ der Auslöser des Syndroms ist.

Kriege produzieren Neurosen. Im Ersten Weltkrieg trat in den Schützengräben der Alliierten der „Granatenschock“ auf, nach dem Vietnamkrieg prägten US-Psychiater den Ausdruck „posttraumatische Belastungsstörung“ und wandten ihn auf eine Million Veteranen an. Und heute? „Wir wissen nicht, was für Störungen auftreten werden. Wir wissen nur, dass es sie geben wird“, prophezeit Simon Wessely vom Londoner King’s College.

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