Gesundheit : Das Phantom wird lebendig

Berliner Zahnmedizin-Studenten üben an neuen Plastikköpfen

Sandra Löhr

Der Mund ist weit aufgerissen, die Augen gucken starr zur Decke und das durchdringende Geräusch eines Bohrers zerschneidet die Luft. Wer sich hier mit Grauen an den letzten Besuch beim Zahnarzt erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch und doch daneben. Denn an den Behandlungsstühlen sind nur die Köpfe der Malträtierten fixiert, und die sind aus Kunststoff – und Teil einer Reform des Zahnmedizin-Studiums an der Charité.

Seit diesem Sommersemester lernen die Studenten im neu ausgestatteten Ausbildungssaal auf dem Virchow-Campus unter in Deutschland einmaligen Bedingungen die zahnärztliche Kunst. Wie bundesweit üblich, wurde bisher im vorklinischen Abschnitt im sogenannten „Phantomkurs“, an Modell-Köpfen geübt, die auf Schreibtischhöhe befestigt waren.

Den richtigen ärztlichen Behandlungsstuhl nebst lebendigen Patienten lernten die Studenten in der Regel erst nach dem Physikum im klinischen Abschnitt kennen. Viel zu spät, fand Götz Lösche, der den Kurs für die Studenten der Zahnmedizin leitet und die neuen Behandlungsstühle zusammen mit der Firma Sirona konzipiert hat: „Beim ersten Patientenkontakt, der für viele sowieso eine psychische Hürde ist, waren die Studenten dann mit einer ganz neuen Situation konfrontiert, da der Patient ja vor ihnen liegt und dadurch das Bohren viel schwieriger ist.“

Mit den neuen Stühlen sollen die Studenten vom ersten Semester an die richtigen Bewegungsabläufe lernen. Außerdem sollen und können sich die Studenten auf den neuen Stühlen gegenseitig in den Mund schauen und kleinere Behandlungen üben. „Durch die frühe Behandlungserfahrung stärken wir den ärztlichen Teil der Ausbildung gegenüber dem bloßen Handwerk. Wer von Beginn an in den Patientenmund blickt, denkt automatisch von der Diagnose her, lernt auch leichter allgemeine Krankheiten zu erkennen“, sagt Klaus-Peter Lange, Direktor des Zentrums für Zahnmedizin an der Charité. Für ihn ist der neue Ausbildungssaal ein erster Schritt zur Aufhebung der strikten Trennung von Vorklinik und Klinik. Als zweiter Schritt sollen künftig die Lehrinhalte umgestaltet werden, um auf die in den letzten 20 Jahren gestiegene Bedeutung der Prophylaxe einzugehen.

Doch die insgesamt 20 neuen Behandlungsplätze, die zusammen 750 000 Euro gekostet haben, können noch mehr. Zusätzlich an jede Ausbildungseinheit ist ein PC-Arbeitsplatz für das E-Learning angeschlossen, mit denen sich die Studenten digitale Röntgenbilder und Demofilme von Behandlungen ansehen können. Die meisten Studenten wollen deshalb auch so schnell wie möglich an die „Geräte“ und sind von den Möglichkeiten des neuen Phantomsaals begeistert, in dem jetzt bis zu 60 Lernende arbeiten können. „Man fühlt sich hier schon wie in der richtigen Klinik“, sagt der Student Christian Hohmann.

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