Gesundheit : Das Preußenjahr: Glatt und harmlos

Ingo Bach

"Eine grandiose Chance wurde vertan." Das Urteil von Bernd Sösemann über das Preußenjahr fällt vernichtend aus. Der Kommunikationswissenschaftler an der FU ist zugleich Mitglied der preußisch-historischen Kommission. Er sagte in einem Vortrag vor der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft: Das "Diktat der politischen Korrektheit" habe das Preußenjahr schon in der Planungsphase jeglicher provokanter Themen beraubt, die zu fruchtbaren Debatten hätten führen können. "Heraus kam eine glatte Harmlosigkeit." Um so weniger erstaune es, dass der vor einem Jahr mit bombastischem Aufwand eröffnete Veranstaltungsmarathon völlig unbeachtet zu Ende ging. Auch die Besucherzahlen enttäuschten. Insgesamt 190 000 gingen zu den Ausstellungen und Vorträgen, das ist nur knapp ein Drittel der Interessierten, die die letzte große Preußenausstellung 1981 im Berliner Gropiusbau sahen.

Dabei war die Ausgangslage günstig: Der 18. Januar 2001 war ein interessanter Termin: 300 Jahre Selbstkrönung des brandenburgischen Kurfürsten zum König in Preußen. Auch die politische Situation sah wesentlich besser aus als 1981: Mit dem Ende der DDR verschwanden auch die ideologischen Verkrustungen. Und dann gab es einen vermeintlichen Geldsegen: 30 Millionen Mark (15,3 Millionen Euro) machten Bund und Länder für das Erinnern an Preußen locker. Das Programm mit 600 Einzelveranstaltungen ließ Großartiges erwarten.

Jedoch reichten die Millionen nicht aus, um so viele Ausstellungen und Vorträge zu stemmen. "Die meisten Veranstaltungen litten an Raum- und Geldknappheit." Und die vielen Einzelakspekte verstellten den Blick aufs Ganze. Es gelang nicht einmal, den Starttermin des Preußenjahres zu nutzen. Die beiden Hauptausstellungen - im Schloss Charlottenburg und im Potsdamer Kutschstall - eröffneten lange nach dem 18. Januar. Die Folge: Das Thema verschwand aus den Schlagzeilen, noch ehe es richtig losging. Und als die Ausstellungen endlich zugänglich waren, offenbarte sich für Sösemann eine große Enttäuschung. Charlottenburg: "Eine antiquarisch orientierte Pretiosenschau, die in störungsfreier Sinnlichkeit schwelgte". Und Potsdam: "Eine heimat- und volkskundliche Landesschau, die ein wenig mit Preußen angereichert war und Unentschlossenheit verwaltete."

Doch schon in der Planungsphase fiel das Kind in den Brunnen. "Zu viele wollten mitreden", klagte Sösemann, der als Mitglied der preußisch-historischen Kommission zeitweise an der Vorbereitung mitgewirkt hatte. "Manchmal diskutierten wir in 40-köpfigen Gremien, bei denen gerade mal zehn Teilnehmer vorbereitet waren." Die Angst davor, mit dem Preußenjahr nationalistische Tendenzen zu beleben, habe bei Politikern zu der verheerenden Entscheidung geführt, die preußische Geschichte zu entpreußen. "Nationalistischen Taumel hat das Preußenjahr tatsächlich nicht ausgelöst", sagt Sösemann. "Aber auch keinerlei neue Einblicke in die preußische Geschichte gewährt."

Was hätte stattdessen passieren müssen? Die knappe Antwort Sösemanns: Provokationen und Debatten - und die Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum uns Preußen heute noch interessieren sollte. "Preußen war niemals so straff zentralistisch organisiert, wie es ihm seine Kritiker immer wieder vorwarfen. Es war ein regionalisierter Staat, zum Beispiel mit allein 200 Konfessionen und drei Rechtssystemen." Und genau das sei Preußens Stärke gewesen, die es dem Land ermöglichte, Jahrhunderte zu überdauern und die deutsche und europäische Geschichte mitzugestalten. "Das sind doch interessante Erfahrungen für das zusammenwachsende Europa."

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