Gesundheit : Das Rätsel der Emotionen

Forscher verfolgen den historischen Wandel der Gefühle

Steffen Richter

Nehmen wir einmal die Liebe: Jeder kennt sie. Aber keiner weiß, wo sie herkommt und wohin sie verschwindet. Und meint ein hingehauchtes „te quiero“ in Santiago de Chile dasselbe wie ein forsches Moskauer „ya lyublyu tebya“? Hätte der mittelalterliche Minnedichter Walter von der Vogelweide verstanden, was es mit den neuzeitlichen Flugzeugen in Grönemeyers Bauch auf sich hat?

Gefühle sind rätselhaft. Den geisteswissensschaftlichen Disziplinen galt das Gefühl lange als dermaßen suspekt, dass es kaum Gegenstand seriöser Forschungen werden konnte. Bahnbrechend war die Untersuchung des Soziologen Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ von 1936: Im Verlauf des Mittelalters habe sich der Gefühlshaushalt des Menschen im Zuge sozioökonomischer Veränderungen gewandelt. Immer mehr Menschen lebten auf engem Raum in Städten und in immer größerer ökonomischer Abhängigkeit. Das zwang sie, ihren Triebhaushalt stärker zu kontrollieren, die Affekte zurückzuhalten. Elias’ Thesen wurden erst Jahrzehnte später breit rezipiert. Inzwischen gilt es jedoch als unstrittig, dass Emotionen, selbst wenn sie einen biologischen Kern haben, auch eine kulturelle Seite aufweisen und damit auch dem historischen Wandel unterliegen. Diese Einsicht macht die Emotionen zu einem großen Forschungsgebiet für die Kulturwissenschaften.

Bei der internationalen Tagung des Potsdamer Einstein Forums „Passion(s) in Culture(s)“ diskutierten Geisteswissenschaftler verschiedener Sparten über „Verschiebungen in den Gefühlswelten“. Welche Emotionen werden nur privat, welche öffentlich verhandelt? Ist das, was in Seifenopern über den Bildschirm flimmert, nicht mehr als nur eine falsche und artifizielle Inszenierung? Sind Gefühle die „Signatur einer Zeit“? Fragen gab es jede Menge, Antworten blieben Mangelware. Da man darauf verzichtete, vorab die Begriffe zu sortieren, mischten sich vier Tage lang Affekte, Gefühle und Leidenschaften zu einem bunten Potpourri.

„Feinde der Vernunft“

Das hohe Ansehen, welches die Gefühlswelt in der Gegenwart genießt, ist jüngeren Datums. Noch am Beginn des 16. Jahrhunderts verteufelte Erasmus von Rotterdam die Leidenschaften als Feinde von Vernunft und Tugend. Seit der Frühen Neuzeit, so der Soziologe Jack Barbalet, wurden Gefühle weniger verdrängt als vielmehr durch genaue Kenntnis kontrolliert. So hätten sie schließlich eine „positive Rolle bei der Entwicklung des Kapitalismus“ gespielt. Ein interpretatorisches Meisterstück lieferte der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, der zeigte, dass der frühe Tod von Shakespeares Sohn Hamnet Spuren im Werk des Dramatikers hinterlassen hat. Im „Hamlet“ tauchen etwa 600 neue Wörter auf, die ein völlig neues Vokabular zur Repräsentation von Leidenschaften zur Verfügung stellen.

Unumstritten ist die soziale Verankerung von Gefühlen. Neid oder Scham – immer geht es um Interaktionen mit mehreren Teilnehmern. Doch letzte Gewissheiten über unsere emotionalen Haushalte lassen sich kaum erlangen. Unterschiedliche Kulturen verfügen über unterschiedliche Gefühle, erklärte der Kunstgeschichtler Klaus Herding. In der Peking-Oper etwa würde nicht gelacht. Der Völkerkundler Thomas Hausschild dagegen sprach von einer „gemeinsamen Substanz von Gefühlen, die von allen Kulturen geteilt wird“.

Auch die Frage nach einer Entwicklung auf diesem Gebiet bleibt vielschichtig. Können Gefühle absterben oder neu entstehen? Was es auf jeden Fall gebe, so der Sozialphilosoph Axel Honneth, seien „Konjunkturen der Selbstthematisierung“. Das Konzept von „Spaß“ jedenfalls steht in den letzten Jahren hoch im Kurs. Ob sich aber etwa Angst vor einhundert Jahren anders „angefühlt“ habe als heute? Das seien die wirklich interessanten Fragen. Der Mensch scheint bei weitem nicht in dem Maße entzaubert ist, wie man zuweilen befürchtet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben