Gesundheit : Das Rätsel der Himmelsscheibe

Der Fund von Nebra wirft Licht auf eine geheimnisvolle Epoche. Was verrät er uns?

Michael Zick

An Superlativen mangelt es nicht: „Jahrhundertfund“ ist banal, „älteste Kosmosdarstellung der Welt“ klingt schon besser, eine „Weltsensation wie das Grab Tutanchamuns“ ist immer gut, und mit der „Mona Lisa der Archäologie“ stößt man in ganz neue Dimensionen vor.

Und nun beschäftigt die Himmelsscheibe von Nebra auch noch das Landgericht in Halle: Ist die Bronzescheibe mit den goldenen Applikationen – Punkte, Sichel, Scheibe, Kreisbögen – echt, also 3600 Jahre alt? An der Frage hängt Freispruch oder Verurteilung eines Paares, das als Hehler bereits eine Bewährungsstrafe bekam und dessen Prozess gerade aufgerollt wird. Es wollte die Scheibe und die Beifunde aus einer Raubgrabung in Sachsen-Anhalt verhökern.

Verschwörungstheoretiker finden sich diesmal nicht nur in den einschlägigen esoterischen Kreisen, sondern auch in der Wissenschaft. Der Regensburger Archäologie-Professor Peter Schauer sprach von einer ebenso gigantischen wie dilettantischen Fälschung, ohne allerdings die Scheibe jemals direkt in Augenschein genommen zu haben. Schauer kennt sie nur von Fotos. Zudem hat sein Expertenruf gewaltig gelitten, nachdem er in einem Gutachten eine Blechsammlung aus der Biedermeierzeit (1820 bis 1850) in die Bronzezeit (etwa 3000 bis 800 vor Christus) datierte.

Neben den beteiligten Archäologen haben sich 18 Naturwissenschaftler in den letzten Jahren der einmaligen Scheibe angenommen. Sie nutzten zahlreiche Verfahren, um auszuschließen, dass die Himmelsscheibe aus der Neuzeit stammt: Sie bestimmten das Verhältnis von Bleiisotopen und Spurenelementen. Sie untersuchten im Rasterelektronenmikroskop die Kristallstruktur der Korrosionsschicht. Sie verglichen Zusammensetzung, Chemie und Mineralogie der Erdreste an der Scheibe mit denen am Fundort. Sie überprüften im Berliner Teilchenbeschleuniger „Bessy“ mit Protonen- und Röntgenstrahlenbeschuss die chemische Zusammensetzung der Goldverzierungen. Und sie kamen alle zu dem Schluss: Die Scheibe ist echt. Sie kann nicht neuzeitlich hergestellt worden sein. Mit 99-prozentiger Sicherheit.

Damit kann das antike Blech als Bronzescheibe mit ursprünglich 32 Plättchen, einer Scheibe, einer Sichel und drei Kreisbögen aus Gold beschrieben werden. Das Stück stammt vermutlich von mindestens zwei Künstlern, wurde mehrfach überarbeitet und zeigt neben der Allgemeinsituation „Sonne, Mond und Sterne eine – wenn auch idealisierte – astronomische Realsituation“ der Bronzezeit, so der Astronomie-Professor Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum. Ein Sternenhaufen wird als die Pleijaden erkannt. Einen Kreisbogen interpretieren Wissenschaftler als Boot, eventuell als „Sonnenbarke“, die beiden seitlichen Kreisbögen als Horizont mit Peilpunkten für astronomische Daten.

Problematisch bleibt die Altersbestimmung. Die naturwissenschaftlichen Methoden können nicht viel mehr sagen als: „Das Fundstück ist nicht von heute.“ Es wird angenommen, dass die Himmelsscheibe 1600 vor Christus entstand. Dieses Datum beruht allein auf den – sicher zu datierenden – Schwertern und Beilen, die nach Angaben der Raubgräber aus dem gleichen Erdloch stammen. Die beteiligten Wissenschaftler hegen aufgrund der Nachgrabungen vor Ort und der Analysen keinen Zweifel an der Zusammengehörigkeit der Fundstücke. Eine Zusammenfassung aller wissenschaftlichen Untersuchungen soll in diesem Sommer vorgelegt werden. Bis dahin können sich Interessierte ein vertiefendes Bild machen durch die Lektüre des Prachtbandes „Der geschmiedete Himmel“ (Theiss-Verlag).

Das fehlende eine Prozent naturwissenschaftliche Gewissheit, das bei anderen Gelegenheiten nur ein Schulterzucken hervorrufen würde, wird die Mutmaßungen über die Erscheinung von Nebra weiter wuchern lassen – wie das immer ist, wenn eine Sache einmalig ist und mit nichts anderem verglichen werden kann. So widerfuhr es zum Beispiel auch Ötzi.

Denn das ist die Crux der Scheibe von Nebra: Sie ist ein archäologischer Solitär, der auch kein Pendant bei den Kulturschöpfern im Alten Orient oder in Ägypten hat. Er kann – bislang – nur aus sich selbst erklärt werden. Deswegen wirft der Fund Fragen auf, die noch nicht zu beantworten sind. Das aber erhöht neben dem rein wissenschaftlichen Wert den Reiz des Bronzeblechs: Wer, zum Beispiel, ließ die antike Scheibe herstellen und wofür?

Die Bronzezeit in Deutschland gehört zu den schlecht erschlossenen Epochen der mitteleuropäischen Geschichte. Fixiert auf Vorderasien und Ägypten, vernachlässigte die Archäologie die Region. Der Lehrsatz „Ex oriente lux“ (Aus dem Osten kommt das Licht), hatte einen derartigen Dogma-Charakter, dass eigenständige Kulturentwicklungen hierzulande gar nicht erst vermutet, geschweige denn gesucht wurden.

Das ändert sich jetzt ansatzweise, und siehe da: Auch in Mitteleuropa lebten die Menschen der Stein- und Bronzezeit nicht mehr auf den Bäumen. Astronomische Kenntnisse sind bereits mit den gewaltigen Kreisgrabenanlagen der Jungsteinzeit (5. bis 3. Jahrtausend v.Chr.) in Mitteleuropa nachgewiesen. Im 2. Jahrtausend bildete sich hierzulande eine sozial gegliederte Gesellschaft mit einem tonangebenden Oberhaupt. Gute Böden, Erzvorkommen und Salz bildeten die Grundlage für einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub der Region.

Das schon aus dem Neolithikum bekannte Handelsnetz quer über Europa wurde in der Bronzezeit entlang der Nord-Süd-Flüsse und in West-Ost-Richtung entlang der Gebirge ausgebaut. Die mitteleuropäischen Fürsten bauten zwar keine Paläste wie die zeitgleichen Herrscher in Griechenland oder auf Kreta. Ihre aufwändigen Gräber jedoch zeugen mit ihren Gaben für das Jenseits von elitärem Wohlstand, hohem handwerklichen Standard und ausgeprägtem Kunstsinn.

Um 1600 vor Christus allerdings passiert etwas, das die Wissenschaft noch nicht recht fassen kann: Die Zeiten werden offenbar unsicher. In den österreichischen Alpen (bei Montafon) wurde in den letzten Jahren eine einzigartige bronzezeitliche Schutz-und-Trutz-Burg ausgegraben. Die in Deutschland dominierende Aunjetitz-Kultur zerbröselt, Traditionen brechen ab. Die Beerdigungssitten ändern sich – und damit wohl auch die Struktur der Gesellschaft. Die direkte Kommunikation mit den Göttern durch beerdigte Schätze („Horte“) wandelt sich. Die Handelsrouten veröden.

Und just in dieser Phase wird die Himmelsscheibe von Nebra mit ihrem geheimen Wissen geopfert und beerdigt – senkrecht stehend, zusammen mit zwei Prunkschwertern und anderen Preziosen. Was kam hier zu einem Ende?

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