Gesundheit : Das Rätsel von Tempel C: Die Punier kamen mit eigenem Geschirr

Wolfgang Lehmann

Selinunt auf Sizilien ist heute noch berühmt für seine Tempelruinen aus der Antike. Von 628 bis 409 vor Christus wurden dort die Götter Griechenlands verehrt. Danach eroberten die Karthager die Stadt. Wie erlebte das blühende Selinunt die Eroberer von der afrikanischen Nordküste? Übten die Afrikaner nur einen politischen Einfluss aus oder siedelten sie dort? Wie gingen sie mit den griechischen Gewohnheiten um? Fragen, die nicht oder nur sehr lückenhaft zu beantworten sind und denen die Archäologen daher intensiv nachgehen.

Die Karthager errichteten mehrstöckige Häuser. Von dieser Tatsache erfahren wir durch den griechischen "Kriegsberichterstatter" Diodoros aus Sizilien. Er schreibt, dass auch die Griechen wegen der hohen punischen Häuser hoch bauen mussten. Dass man auf diese griechische Quelle zurückgreifen muss, ist kein Wunder: Alle schriftlichen Zeugnisse, die man möglicherweise in der Bibliothek von Karthago aufbewahrte, wurden 146 vor Christus zerstört, als die Römer Karthago dem Erdboden gleichmachten. Abgesehen von der lateinischen Übersetzungen eines theoretischen Werkes über die Landwirtschaft fehlen schriftliche Zeugnisse. Steinplastik aus dieser Zeit gibt es nicht, die Votivstelen waren nur mit Symbolen und Emblemen verziert. Selbst die hochwertige Vasenproduktion blieb ohne figürliche Bemalung.

Etwas Licht ins Dunkel haben jetzt die Forschungen einer jungen Archäologin gebracht, die jahrlang die Wohnstadt um Tempel C in Selinunt untersucht hat. Bei keinem Tempel in Selinunt kann der Gott bestimmt werden, dem er geweiht war, alle müssen sich mit Nummerierung begnügen. Sophie Helas, die in diesem Jahr für ihre Dissertation mit einem Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) ausgezeichnet wurde, hat ihre Untersuchungen zum Thema ihrer Doktorarbeit "Die punischen Häuser in Selinunt" gemacht.

Sie konnte nachweisen, dass die Punier - ob nun aus Karthago oder aus anderen punischen Territorien im Mittelmeer - nach der Eroberung wirklich dort gesiedelt haben. Nachdem die Kriegswirren abgeebbt waren, haben sie die griechische Stadt zu einer punischen verändert. Beweise hierfür bieten die Formen der Häuser, die Anlage der Stadt und die Besiedelung des Temenos, der bei den Griechen heiligen Zone um den Tempel.

Helas war sieben Jahre lang an den Grabungskampagnen in Selinunt dabei. Durch intensive Begehung der Wohnstadt, die größtenteils zwischen 1964 und 1972 von dem italienischen Archäologen Vincenzo Tusa freigelegt wurde, und durch eigene kleine Grabungen kann sie nachweisen, dass im vierten vorchristlichen Jahrhundert die Bevölkerung dort gewechselt hat.

Die Menschen, die nach 409 vor Christus den Eroberern im Laufe eines halben Jahrhunderts folgten, bebauten die Freiflächen innerhalb des Temenos - bei den Griechen war er dagegen frei von profaner Bebauung. Für die Archäologin Helas zeigt sich der Umbruch zwischen der griechischen und der nun punischen Stadt auch darin: Die parallele Ordnung der Straßen wurde aufgegeben, der Rastergrundriss der Stadt abgelöst durch unregelmäßig angeordnete Straßen und Sackgassen. Die Stadtanlage zeichnete sich durch Dynamik, Flexibilität und Schiefwinkligkeit aus. Das entspricht alten Anschauungen, dass nämlich die punischen Städte den arabischen glichen. Neuere Forschungen haben allerdings auch systematisch konstruierte Städte im arabischen Siedlungsraum entdeckt - radiale Straßenanordnung in Karthago (Friedrich Rakob, DAI Rom), rechteckig oder rund wie in Kerkouan. Die Forschung kann also nicht als abgeschlossen gelten.

Abgesehen vom Hof, um den sich die Räume gruppieren, gibt es keine einheitliche Bauform. Man findet nie regelmäßige Räume, die nach einer festen Ordnung angelegt wären. Auch die Höfe weisen verschiedene Formen auf. Hin und wieder findet sich ein "besserer Raum" mit schmückender Architektur und sorgfältig gearbeitetem Fußboden. Immer ziert diese Architektur den Innenhof, nie die Außenfront. Dabei verwendeten die Punier griechische Architekturformen, die sie vorgefunden hatten.

Bei den Griechen war das Haus die Hülle für den oikos, den Familienverband. Dieser wiederum hatte die Funktion einer Keimzelle für die polis, die Stadt. Aus den archäologischen Befunden der neuen Punierstadt könne man dagegen nicht ablesen, was sich tatsächlich im Haus abgespielt hat. Einen oikos beherbergten diese Mauern offenbar nicht. Die Archäologin Helas folgert daraus, dass es vielleicht ein andere soziale Ordnung gegeben habe. Gegen die "zementierte Familie" im griechischen Haus erscheine die punische weniger rigoros.

Der Vergleich mit überlieferten Städten in Nordafrika ist ohnehin schwierig. Zum Beispiel hat man in Kerkouan, einer 254 vor Christus während des ersten Punischen Krieges (264 - 241 vor Christus) verlassenen punischen Stadt, die Grundrisse regelmäßig gebauter Häuser gefunden, die drei oder vier Haustypen zuzuordnen sind. Es ist jedoch nicht sicher,wie beispielhaft Kerkouan ist. Denn nur wenige punische Städte sind überliefert: Karthago wurde 146 vor Chritus am Ende des dritten Punischen Krieges dem Erdboden gleichgemacht, Mozia auf Sizilien wurde ebenfalls zerstört, Lilybaeum, das heutige Marsala, ist überbaut.

Fest steht, dass sich die Bauformen des punischen Selinunt von denen der griechischen Stadt unterscheiden und dass es Parallelen in punischen Städten gibt. Die Zisternen haben eine eigene Form, so genannte Schlauchzisternen; die Fußböden sind in einer typisch punischen Weise hergestellt, wobei Ziegel- und Keramikscherben für den Fußboden zusammengestampft werden; das Brot wurde anders gebacken, was man an besonderen Ofenformen erkennen kann. Die Punier errichteten ihre Mauern anders als die Griechen. Diese Mauerform, bei der zwischen "Pfeilern" kleinere Steine aufgeschichtet werden, ist bis nach Phönikien im östlichen Mittelmeer, dem Ursprungsland der späteren Punier, und bis zu deren Gebieten in West-Sardinien zu verfolgen.

Helas hat in ihren Ausgrabungen Scherben gefunden, die der Zeit von etwa 330 bis 250 vor Christus zuzuordnen sind. 250 vor Christus wurde die Stadt von den Römern erobert und zerstört. Damit endet die antike Geschichte Selinunts. "Die punischen Siedler haben sich ihr Geschirr mitgebracht", meint die Archäologin Helas. Vielleicht führten sie nur das Nötigste mit sich. Vielleicht waren es Söldner, was bei den vielen Kriegszügen in dieser Zeit leicht vorstellbarist. Ob sich unter den Importen aus Mittel- und Süditalien auch Eigenproduktion aus Selinunt befindet, ist noch nicht erwiesen.

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