Gesundheit : Das rote Image stimmt schon lange nicht mehr

ECKHARD STENGEL

"Wir brauchen keine Universität, und wenn wir doch mal einen Professor benötigen, dann zahlen wir ihm eben die Taxe von Göttingen." Solche Sprüche waren gelegentlich in Bremen zu hören, als die Kaufmannsstadt noch keine Universität besaß.1971 setzten sich dann doch die Anhänger einer eigenen Hochschule durch und gründeten die Reformuniversität Bremen.Während die Einheimischen inzwischen recht zufrieden mit ihrer Lehr- und Forschungsstätte sind, hält sich außerhalb des Stadtstaates bei manchen Beobachtern noch immer ein altes Vorurteil, so hartnäckig wie ein Raucherhusten: Die Uni sei eine "Rote Kaderschmiede".

Dabei sind ihre Flegeljahre längst vorbei, und sie steckt keineswegs mehr "fest in Händen der 68er", wie noch kurz vor dem 25jährigen Jubiläum 1996 das Nachrichtenmagazin "Focus" behauptete.Selbst die konservative FAZ hält die Universität inzwischen für eine "ansehnliche Institution" - das Wort von der "Roten Kaderschmiede" zeuge "nur noch von der Unwissenheit derer, die so urteilen".

Dennoch nahm die Leitung der Universität die Vorurteile so ernst, daß sie 1995 extra eine Imagestudie anfertigen ließ - vermutlich als erste Hochschule Deutschlands.Befragt wurden 350 Wirtschaftsjournalisten und Personalchefs großer Firmen.Das Ergebnis war niederschmetternd: 40 Prozent der Interviewten wußten gar nichts über die Bremer Universität, und von den übrigen äußerten sich zwei Drittel negativ.Klar wurde aber auch, daß die Negativurteile weniger auf eigener Anschauung als auf Vorurteilen und oberflächlichen Presseberichten beruhten.Rektor Jürgen Timm sieht darin eine Chance: "Wir müssen nur unsere Qualitäten rüberbringen."

Das versucht die Universität nun seit Monaten mit einer kleinen Imagekampagne.Hunderte von Managern und Wirtschaftsjournalisten bekommen drei- bis viermal im Jahr Informationen über Forschungsergebnisse zugesandt.Zum ersten Mal ist ein ansehnlich gestaltetes Jahrbuch erschienen, das bundesweit an Parteien und andere Institutionen verschickt wurde.

In mindestens einem Bereich räumt Gundrum allerdings reale Defizite ein: Bremer Wissenschaftler seien bisher nicht genügend in ihren "Fachszenen" präsent, hielten also seltener Vorträge oder veröffentlichten weniger Studien als andere.Das schlage sich dann auch in den sogenannten Rankinglisten nieder."Aber ich sehe schon gewisse Änderungen", freut sich der Sprecher.

Früher trauten sich manche Dozenten und Absolventen gar nicht erst, ihre Herkunft zu verraten, denn in den Gründerjahren war die Alma Mater tatsächlich ziemlich rot.Die neue Reformuniversität lockte zahlreiche studentenbewegte Systemveränderer als Professoren an die Weser, und die damals mitregierende FDP verließ deshalb 1971 unter Protest die Koalition mit der SPD.Doch schon nach wenigen Jahren traten Politiker und Verfassungsrichter auf die Bremse.Neue, gemäßigte Kandidaten wurden berufen; die gleichberechtigte Mitbestimmung von Lehrenden, Lernenden und Hauspersonal ("Drittelparität") wurde 1977 in Folge der Anpassung an die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts abgeschafft und mit dem Amtsantritt von Rektor Jürgen Timm 1982 begann ein neue Ära, in der sich die Hochschule stärker für die Belange der Wirtschaft öffnete.



Heute fällt die Universität Bremen kaum noch aus dem Rahmen.Mit etwa 17 000 Studierenden (bei der Gründung waren es 420) hat sie ähnliche Probleme wie andere Massenhochschulen.Während sie sich zunächst vor allem auf die Lehrerausbildung konzentierte, bietet sie inzwischen ein breites Fächerspektrum mit Ausnahme der Medizin.Immer wichtiger werden dabei die Natur- und Ingenieurwissenschaften.Ein international genutzter "Fallturm" ermöglicht Experimente unter Schwerelosigkeit.Bekannt ist auch der Chaosforscher Heinz-Otto Peitgen, und spätestens seit dem Streit um die Rückgabe von "Kriegsbeutekunst" kennen viele die Bremer "Forschungsstelle Osteuropa" unter Leitung des Historikers Wolfgang Eichwede.Auch der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel ist bei Funk und Fernsehen ein beliebter Interviewpartner.

Nebenbei existieren noch einzelne Nischen für Randgruppenthemen, etwa das 1995 gegründete Uni-Zentrum für "schwul-lesbische Studien" unter Rüdiger Lautmann.Für die Zukunft plant die Universität ein besonders ehrgeiziges Projekt: Sie will sich gemeinsam mit US-Privathochschulen an der Gründung einer "Internationalen Privatuniversität" in Bremen-Grohn beteiligen (Tagesspiegel vom 15.Juli).

Wissenschaft und Wirtschaft haben an der Weser längst Frieden geschlossen.Mehrere Unternehmer, einst als Kapitalisten bekämpft, haben einen Sponsorenrat gebildet und fördern unter anderem die Imagekampagne der Universität.Forscher und Privatfirmen arbeiten heute eng zusammen.Rund um den Campus ist ein Technologiepark mit mittlerweile 230 Betrieben und 3500 Arbeitsplätzen entstanden.

Weitere Belege für die Qualität ihrer Arbeit sieht die Hochschule darin, daß sie bei der Einwerbung von Drittmitteln immer erfolgreicher wird und daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die sich zunächst jahrelang gegen eine Aufnahme Bremens in ihre illustren Reihen gesperrt hatte, inzwischen gleich vier Sonderforschungsbereiche finanziert.Der frühere DFG-Präsident Wolfgang Frühwald lobte in einem "Welt"-Interview, die Bremer Universität sei "in die erste Liga der 45 Forschungsuniversitäten in Deutschland aufgestiegen".

Die einst aufsehenerregenden Gründungsprinzipien - Praxisbezug, gesellschaftliche Verantwortung und fächerübergreifendes Arbeiten ("Interdisziplinarität") - sind teilweise längst von anderen Hochschulen aufgegriffen worden, zum Beispiel in Form des Projektstudiums, bei dem Theorie und Praxis miteinander verzahnt werden.An der Weser dagegen ist gerade diese Arbeitsweise stark zurückgedrängt worden.

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