Gesundheit : Das Sammeln der Blätter ist vorerst die einzige Hilfe

Gideon Heimann

Sie heißt "cameraria ohridella", aber besonders "ohriginell" ist sie in Europa leider nicht mehr. Es geht um die Kastanien-Miniermotte, um einen kleinen Schmetterling, der den Roßkastanien schwer zu schaffen macht. Gerade jetzt, da das Laub von den Bäumen gefallen ist, sollte der Gartenbesitzer die Blätter besonders sorgsam einsammeln, denn nun sind die Insekten im Puppen-Stadium. Wer also etwas unternehmen will, um die Fortpflanzungskette des Schädlings wenigstens ansatzweise zu unterbrechen, hat derzeit die besten Chancen dafür.

Von Mazedonien aus hat sich das Insekt 1985 auf den Weg gemacht und nun ist es weit über Europa verbreitet: von Frankreich und Belgien bis in die Türkei. Im vergangenen Herbst wurden die Motten erstmals in Kiel entdeckt und Berliner Fachleute stellten in diesem Sommer einen flächendeckenden Befall fest. Verschont blieben nur Spanien, Portugal und Großbritannien - vielleicht wurden sie dort nur noch nicht gefunden. Denn auch in Bayern hatte es eine Weile gedauert, bis man sie bemerkte.

Richtig "tödlich" ist ein solcher Befall für die Rosskastanien nicht. Doch die Blätter bekommen schon früh im Sommer mehr oder weniger große braune Flecken und verlieren ihre Funktion. Das stresst den Baum, weil er im Herbst nicht mehr in der Lage ist, Nährstoffe aus den Blättern in den Stamm zu holen, um im nächsten Frühjahr die Kraft fürs Austreiben zu haben. Und jede zusätzliche Belastung etwa durch eindringende Pilze, Tausalz oder Wassermangel wirkt sich dann entsprechend schwerer aus.

Für die Ausbreitung solcher Schädlinge wie die Miniermotte gibt es unterschiedliche Ursachen. Klimaschwankungen können eine natürliche Wanderung auslösen, sobald die Witterung im "Zielgebiet" oder in geografischen Sperrzonen (Gebirge) günstiger wird. Zudem reisen solche Tiere gern "huckepack", sie nutzen den Warenverkehr für ihre Zwecke. Die Bayern fanden sie anfangs an isoliert stehenden Kastanien bei Autobahnrastplätzen.

Entscheidend für die rapide Ausbreitung ist, dass es in den für sie neuen Gegenden kaum natürliche Feinde gibt. Bei der Miniermotte kommt noch eines erschwerend hinzu: Die Junglarven schlüpfen etwa zwei bis drei Wochen nach der Eiablage und bohren sich sofort ins Blattgewebe, wo sie sich zunächst vom Saft ernähren. Bald jedoch fressen sie sich mitten im Blatt durch dessen Gewebe, sie produzieren dabei regelrechte Minengänge. Bei starkem Befall (bis zu 700 Gänge pro Blatt wurden schon gezählt) können sogar Gemeinschaftsminen mehrerer Larven entstehen. Im Blatt verborgen, sind die Tiere für Fressfeinde schwer zu erreichen.

Die Puppen, die sich aus den Larven bilden, gehen relativ früh in die Winterruhe über, in der sie ein halbes Jahr verharren können. Und genau deshalb findet man sie jetzt in den befallenen Blättern. Wer sie einsammeln will, um die Ausbreitung der Tiere zu erschweren, muss freilich sorgfältig vorgehen und auch verwehte Blätter in Sträuchern und Hecken "erwischen".

Das macht viel Arbeit, überdies kann man das Laub anschließend nicht einfach auf den Komposthaufen werfen. Man muss ihn zumindest anschließend mit einer ausreichenden Erdschicht abdecken, damit die Motten im Frühjahr nicht schlüpfen können.

Andere Verfahren sind technisch schwierig: wer kann schon einen riesigen Kastanienbaum mit Insektizid besprühen? Mittel, die injiziert werden, sind noch im Zulassungsverfahren, brauchen also noch eine Weile. Und Erkenntnisse aus einem europäischen Forschungsprojekt werden auch erst in etwa anderthalb Jahren erwartet.

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