Gesundheit : Das Schweigen der Schüler

NAME

Von Ralf Langhammer

„Sprechlustig und plauderfroh kommt das Kind in die Schule - verstummt verlässt der Schüler sie." Diese harsche Kritik des Begründers der Sprecherziehung Erich Drach scheint auch noch nach gut 80 Jahren nicht falsch zu sein. Können sich Grundschullehrer kaum vor den „kommunikativen Impulsen", sprich dem abwertend genannten „Geplappere", der Schüler retten, ist man ab der 9./10. Klasse froh, wenn die zu Beschulenden überhaupt noch freiwillig den Unterkiefer zum Sprechen absenken. Sicherlich spielt die Pubertät eine Rolle, aber wohl nicht die entscheidende, schließlich ist auch der bundesdeutsche Standardabiturient nicht gerade ein Ausbund an spontaner Redefreude. Man kann schließlich in Deutschland Abitur machen, ohne, abgesehen von der mündlichen Prüfung, einmal in herausgehobener Position etwas sagen zu müssen.

Ist es zu gewagt, die These in den Raum zu stellen, dass das bundesdeutsche Bildungssystem nicht nur das Leseverständnis eher mittelmäßig vermittelt, sondern auch die Freude am Sprechen eher behindert als fördert? Wahrscheinlich nicht. Man frage nur spontan einen Sekundarschüler, ob er mal was erzählen könnte - „Irgend etwas!" - Erstaunen in den Augen wird die Reaktion sein. Gleiches gilt für den banalen Wunsch, etwas „laut"´ vorgelesen zu bekommen.

Stilllesen müsste verboten sein

Dabei gibt es viele erprobte Möglichkeiten sich als Lehrer zurückzunehmen und den Schülern „Sprech"-Räume für Erzähllandschaften zu geben. Es muss ja nicht gleich das Projekt „Jugend debattiert" der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sein. Darüber hinaus liegt ein unschätzbarer Vorteil vor: Seit dem ersten Babyschrei bildet sich bei jedem ein „Bauch"-Gefühl dafür aus, was eine gute „Spreche" ist. Jeder Schüler verfügt über einen untrüglichen Langeweile-Sensor, der Alarm meldet, wenn sich jemand sprecherisch etwas ableiert und seine Gegenüber nicht an-spricht. Dieser Vorteil im Vergleich zum Schriftlichen, das einer umfassenden Einführung der Rechtschreibung bedarf, sollte als Zutrauen den Schülern gegenüber eingesetzt werden, zum Beispiel wenn sie ihre eigene Sprechleistung oder die von Klassenkameraden bewerten. Man kann sich auf die „Recht-Sprechungs"-Urteile der Schüler fast blind verlassen.

Anders sieht es mit der Anwendung der Kriterien für das Sprechen vor anderen und für das Laut(vor)lesen und Erzählen aus: Hier kann noch viel getan werden. Eigentlich müsste Stilllesen im Unterricht verboten werden, Lautlesen zur Pflicht werden. Das Stilllesenlassen scheint schülerorientiert zu sein, kann doch jeder für sich oder mit dem Partner arbeiten, der Lehrer sich in Zurücknahme üben. Aber leider gibt es keine Gewähr dafür, dass der Inhalt bei allen ankommt, wenn man nicht alle nachher lehrerzentriert abfragt.

Beim Lautvorlesen kann man sofort erkennen, ob die Klasse konzentriert dabei ist. Natürlich nur, wenn der Schüler sein Lesen als Serviceleistung für die anderen versteht. Dabei sollten die drei Grundsätze des Sprechens beherzigt werden: LAL, das heißt lauter, artikulierter, langsamer. Hausaufgaben werden dann zum hörerischen Genuss, wenn sie angenehm laut für alle, nicht nur als Dialog mit dem Lehrer, vorgelesen werden. Bei der schriftlichen Erzählung trifft dies ebenfalls zu.

Schluss mit „de-dä“

Der Lehrer sollte als Vorbild wirken: Wenn er gut „LAL"len kann und treffend die Stimme senkt, nicht ständig „de-dä - de-dä" macht, also durch Stimmhebungen Intonationsfragen anzeigt, die es gar nicht gibt, dann bleibt die Konzentration erhalten, macht das Zuhören Spaß. Dazu ein Test: Nehmen Sie sich selber mit Cassette auf, und hören Sie sich an. Würden Sie sich wirklich selber gern länger zuhören wollen? - Wenn „nein!“, dann „LAL" als neues Sprechmotto! Ein Lehrer, der sich als Sprach-, Sprech-, Lese- und Erzählvorbild versteht, ist für eine Klasse Gold wert. Leider bereitet die Lehrerausbildung darauf nur in sehr geringem Maße vor.

„Sprechlustig und plauderfroh" sollte die Stimmung im Unterricht sein bei Schülern und Lehrern, Sprech- und Erzähllandschaften ihren Raum bekommen. Beim Erzählen kommt noch etwas hinzu: die Abwesenheit von Medien, das Unmittelbare. Unterricht wendet sich zumeist aufbereiteter Wirklichkeit zu in Form von Büchern oder CD-Roms. Erzählen ist dagegen direkt, zwar subjektiv im besten Sinne, aber dafür auch Gemeinsamkeit pur. Ist der Erzähler fähig, sich beim Wissen, Können und Fühlen seiner Gegenüber einzuklinken, eine assoziative Überlappung zwischen seiner Erzählung und den Vorstellungen der anderen herzustellen, gebührt ihm die volle Aufmerksamkeit. Ein guter Erzähler sieht vor seinem inneren Auge die Geschichte und spürt mit allen Sinnen, was er in Worte kleidet. Es gibt kein schlechtes Erzählen, es gibt nur langweiliges.

Pisa, das neue statistisch normierte Grundgesetz des deutschen Bildungswesens, könnte dazu verleiten, Lesekompetenz rein rezeptiv und auf das abfragbare schriftliche Textverständnis ausgerichtet zu verstehen. Aber Lesekompetenz zeigt sich gerade auch in der Vorlesekompetenz, in der sprecherischen Gestaltung eines Texte, in dem sinnerfassenden Darstellen, mit Hilfe von Betonungen, Sprechmelodien und Satzschlusskadenzen. Das kann nur jemand leisten, der den Text im wahrsten Sinne des Wortes verstanden hat, zu ihm stehen kann, im Text steht. Dies trifft für das Erzählen ebenfalls zu, das als besondere Form des Vorlesens mit oder ohne Text ebenfalls die Lesekompetenz unterstützt.

Sprechlustig und plauderfroh ist der Lehrer selber, er traut sich und den Schüler viel zu, spendet Selbstvertrauen, gibt Raum für Vorlesen und Erzählen. „LAL" ist in - wider die Langeweile, gegen die ermüdende Monotonie. Warum nicht? Pisa erhebt dagegen keine Einwände - ganz im Gegenteil.

Der Autor ist Lehrer im Hessischen Schuldienst und Sprecherzieher (Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und -erziehung), zur Zeit abgeordnet als Projektleiter „Jugend debattiert“ bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ( www.jugend-debattiert.ghst.de ). Lektüretipps: Langhammer, Ralf (1997/99): Die SpASSSS-Olympiade I und II. in: Raabits Deutsch/Sprache. Pabst-Weinschenk, Marita: Die Sprechwerkstatt. Braunschweig, Westermann 2000. - Claussen, Claus/Merkelbach, Valentin: Erzählwerkstatt, Braunschweig 1995.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben