Gesundheit : Das Semester beginnt: Auf einmal steht man da

Alban Vlotho

Niemand interessiert sich für einen. Das ist sicher die wichtigste Lektion zu Beginn des Studiums. Wer am Schule schwänzen seinen Spaß hatte, für den ist die Uni ein Paradies. Jedenfalls anfangs. Egal ob ein Kurs verpflichtend ist oder nicht, kein Dozent fragt, wo der neue Student oder die neue Studentin bleibt. Niemand kennt Dich, niemand vermisst Dich. Allerdings ist das Verhalten der "Studis" oft ähnlich. Wer den Raum betritt, braucht nicht zu fragen, ob er sich neben einen seiner Mitstudierenden setzen darf - hätte dieser kein Interesse, wäre der nächste Stuhl bereits mit Jacke, Rucksack oder anderen Utensilien belegt. Wer keine alten Freunde trifft, verbirgt sich gerne hinter einer Zeitung oder einem aktuellen Flyer. Was gelesen wird, ist je nach Fachbereich sehr unterschiedlich: Eine "Auto-Bild" ist bei Wirtschaftswissenschaftlern durchaus im Rahmen, bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern eher verpönt.

Auf einmal steht man da. Und denkt mit Grauen an die erste Telefonrechnung, weil man abends im einsamen Zimmer stundenlang nach Hause telefoniert und sogar mittags in der Mensa zum Handy greift, um der oder dem Liebsten für 99 Pfennig pro Minute zu erzählen, wie sehr man sie oder ihn vermisst. Hilfe verspricht ein E-Mail-Konto bei den jeweiligen Rechenzentren der Uni. Es ist kostenlos, von fast allen Rechnern an den Unis abrufbar - und auch per Modem von zuhause.

Außen hui, innen pfui

Auf einmal steht man da. In einem leeren Raum. Obwohl neben der Tür die gleiche Nummer wie im Vorlesungsverzeichnis steht und die angegebene Zeit stimmt, nämlich exakt 10 Uhr. Keine Panik: Die meisten Seminare und Vorlesungen beginnen "c.t.". "C.t." steht für cum tempore - mit dem akademischen Viertel. Nur wenn eine Vorlesung ausdrücklich als "s.t." (sine tempore) angekündigt wird, heißt es pünktlich sein. Wer nach dieser Lektion 15 Minuten später kommt, sollte nicht erschrecken, wenn der Raum in der ersten Woche überfüllt oder extrem spärlich besetzt ist, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit einer recht freien Stundenplangestaltung. Drangvolle Enge herrscht vor allem bei Seminaren mit spannenden Titeln. Nach den Ausführungen des Professors in der ersten Stunde entschließen sich viele zum Gehen - auch an der Uni ist manchmal die Verpackung schöner als der Inhalt. Leere hingegen entsteht aus Routine: Da sich viele Studenten in der ersten Woche nur umschauen und auch parallel laufende Seminare besuchen, wird der Dozent in der Regel in der zweiten Woche erneut eine kurze Einführung ins Thema geben. Routiniers, die ihre Kurse bereits gewählt haben, verlängern die Semesterferien deshalb gerne um die erste Woche.

Wer beginnt, sollte es ruhig mit der umgekehrten Methode versuchen. Die ersten zwei Wochen so viele Veranstaltungen wie möglich, Theorie und Praxis kreuz und quer. Aber nicht zu lange: 20 Semesterwochenstunden (SWS) - das bedeutet in der Regel zehn Seminare oder Vorlesungen - sind zuviel, selbst wenn die Richtlinien für das Grundstudium diese Zahl vorsehen. Besser, im ersten Semester intensiv an drei Seminaren teilnehmen, als mit zehn zu starten und zum Schluss einen Schein bekommen, weil man den Zeitaufwand für Referate und Hausaufgaben hoffnungslos überschätzt hat. Dann kann es passieren, das man zum Abgabetermin zu jedem Thema drei Bücher gelesen, aber keine Zeile geschrieben hat.

Das erste Seminar beginnt. Der Dozent ist Mitte 50 und duzt alle. Danach steht jemand vorne, den man trotz des edlen Jacketts für einen Studenten gehalten hat, und besteht auf das "Sie". Ein besonderer Fall sind die Angestellten der Bibliotheken. Ergrauende Damen duzen ganz selbstverständlich, aushelfende Studenten mit Zeitvertrag reden die Neuankömmlinge mit "Herr" und "Frau" an und erwarten das "Sie". In allen Fällen mit der gleichen Anrede antworten, wobei "Herr Doktor" oder "Exzellenz" dagegen möglichst vermieden werden sollte.

Ins Schwitzen kommen

Nach einigen einleitenden Worten des Dozenten melden sich Studierende zu Wort, sprechen von der "Relevanz der Empirie" oder "normativen Grundlagen" und meinen, weltbewegende Fragen wie der Zusammenhang von Globalisierung und Arbeitslosigkeit ließen sich doch in zwei klassischen Formeln ganz einfach darstellen. Immer nachfragen! Das Grundstudium soll Grundlagen vermitteln. Andere Studis werden es Euch danken, und manch ein großer Theoretiker kommt ins Schwitzen, wenn er seine wohlklingenden Fachbegriffe in einfachem Deutsch zu erklären versucht.

Dann ist das Seminar ist vorbei. Der Hörsaal leert sich. Jetzt ist Eigeninitiative gefragt: Andere Studis fragen, ob sie auch in die Mensa wollen oder Lust auf einen Kaffee haben, ist keine unzulässige Anmache. Wem das zu mühselig ist, der sollte schon vor Beginn des eigentlichen Studiums auf spezielle Einführungsveranstaltungen für Erstsemester achten. Viele Fachbereiche organisieren solche "Ersti-Tage", mit Campusrallye, Bibliothekseinführung, Vorstellung der Dozenten und oft einem kleinen Sektumtrunk. An vielen Instituten gibt es Tutorien, manchmal sogar mit einer Abschlussfahrt.

Nicht zu vergessen die vielen Parties zum Semester-Auftakt. Dabei sollte auf die Veranstalter geachtet werden: Wenn ein großer Zigarettenhersteller in eine große Mensa lädt, kommen zwar auch Studenten. Die Atmosphäre gleicht aber mehr einer Disco. Nur weiß man nicht, welche Musik spielt. Besser sind die kleinen Feten der Fachbereiche: Hier erkennt man Gesichter aus den Seminaren wieder, trifft sich untereinander, für Gesprächsthemen ist gesorgt, das Bier - und manchmal Cocktails - sind billig. Auf einmal steht man da. Kennt jede Menge neue Leute. Und es macht Spaß.

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