Gesundheit : Das "Silicon Valley des Ostens" beansprucht einen Spitzenplatz in der Hochtechnologie

Heiko Schwarzburger

Heute ist es eine historische Anekdote: Trotz superstarker Richtantennen vermochten die westdeutschen Fernsehsender an der innerdeutschen Grenze nicht, den südöstlichen Zipfel der DDR zu erreichen. Tief ins Elbtal eingebettet, lag Dresden im Funkschatten der westlichen Wellen. Die Bewohner der Stadt lebten im "Tal der Ahnungslosen". Das ist längst vorbei: Vor kurzem legte Volkswagen den Grundstein für eine hochmoderne, gläserne Fabrik mitten in der Stadt. Dort sollen schon bald Autos der Oberklasse vom Band rollen. Heute sind Dresden und das Elbtal auf dem Weg zum Silicon Valley des Ostens zu werden.

Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht die Technische Universität der Stadt. Nach schwierigen Jahren des Umbaus tritt sie an, unter den Forschungszentren Deutschlands einen Spitzenplatz zu besetzen. Die Einnahmen aus Forschungsaufträgen beliefen sich 1997 auf 130,2 Millionen Mark, siebzig Prozent mehr als 1994. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, wenn man zum Vergleich die Drittmitteleinwerbung der Berliner Technischen Universität heranzieht. An dieser etablierten Universität des Westens lagen viele Jahre lang die Drittmitteleinnahmen bei 120 Millionen Mark im Jahr, erst 1998 haben sie diese Grenze überschritten und sich auf 129 Millionen Mark gesteigert. Drittmittel gelten als ein besonderer Leistungsausweis, denn diese Gelder werden von Stiftungen, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ministerien und der Wirtschaft nur für solche Projekte vergeben, die einer strengen Begutachtung standhalten. Eine Folge der hohen Drittmitteleinnahmen der TU-Dresden ist: Von 9000 Beschäftigten werden 1400 durch Drittmittel finanziert.

Überall auf dem TU-Campus kreischen Baumaschinen. Ein neues Laborgebäude für die Physik und Materialforschung ist bereits fertig, ein weiteres noch im Bau. Direkt in der Nähe des Campus hat die Max-Planck-Gesellschaft ihr neues Institut für die Physik komplexer Systeme gesetzt, die Arbeiten für Erweiterungsbauten stehen kurz vor dem Abschluß. "Der Chef dieses Institutes ist zugleich Honorarprofessor an unserer Universität", erklärt Rektor Achim Mehlhorn die Strategie, beinahe sämtliche Forschungsinstitute der Region an die TU zu binden.

"Auch das Forschungszentrum in Rossendorf erhielt in Abstimmung mit uns eine Professur auf dem Gebiet der Halbleiterphysik." In Rossendorf bei Dresden befand sich einst das DDR-Zentralinstitut für Kernforschung. Heute keimt dort ein wissenschaftlicher Nukleus für Radiochemie, Biochemie, Radiopharmazie, Pharmakologie, Medizinphysik und Nuklearmedizin. In Rossendorf nahm 1998 das erste Positronen-EmissionsTomographie-Zentrum (PET) der neuen Bundesländer seinen Betrieb auf. Das PETZentrum, in dem modernste medizinische Diagnosen erstellt werden, nutzen die TU und das Rossendorfer Forschungszentrum gemeinsam. Der Bund und der Freistaat Sachsen stellten dafür zusammen 20 Millionen Mark zur Verfügung.

Aus dem ehemaligen Zentralinstitut für Festkörperphysik und Werkstoffforschung der DDR entstanden drei Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft, zwei MaxPlanck-Arbeitsgruppen und das Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW). Das IFW wird zu gleichen Teilen von Bund und Land getragen. Der wissenschaftliche Direktor und die Direktoren der Teilinstitute lehren an der TU.

Die Fraunhofer-Gesellschaft unterhält in Dresden sieben Ableger. Im Frühsommer 1997 ging das Fraunhofer-Institutszentrum Dresden in Betrieb. Es ist ein Konglomerat aus dem Institut für Keramische Technologien und Sinterwerkstoffe, dem Institut für Werkstoff- und Strahltechnik und dem Institut für angewandte Materialforschung. Der Komplex ist der größte Neubau der Fraunhofer-Gesellschaft in den neuen Bundesländern. Über 90 Millionen Mark stecken darin, etwa 250 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Die drei Institute konnten aus der Industrie bereits rund 41 Millionen Mark Forschungsaufträge einwerben. Ihre Chefs sind ebenfalls Professoren an der TU.

Aus dem früheren Kombinat für Mikroelektronik der DDR ging das Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD) hervor, dessen alleiniger Gesellschafter der Freistaat ist. Dort entstehen Signalschaltkreise für die Infrarot-Datenübertragung bei Heimcomputern und Handys, für medizinische Kleingeräte sowie spezielle Speicher für die Automobil- und Industrie-Elektronik. ZMD-Produkte befinden sich in neuen Modellen von DaimlerChrysler und Porsche, im ICE sowie in fast allen PAL-Fernsehern. Auch das Zentrum für Mikroelektronik ist über Forschungskooperationen eng mit der TU verknüpft.

"Unsere Schwerpunkte sind die Halbleiterphysik, die Festkörperphysik, die Elektrotechnik und die Werkstoffwissenschaften", erklärt Rektor Achim Mehlhorn. Weil Traditionen allein nicht für die Zukunft taugen, kommt er schnell auf die jüngsten Industrieansiedlungen im Elbtal zu sprechen. "Simec stiftete uns eine Professur für Halbleiterphysik. Mannesmann finanziert einen Lehrstuhl und sechs Mitarbeiter für mobile Kommunikationssysteme."In ganz Sachsen gibt es bislang 15 Stiftungslehrstühle, davon allein sechs an der Dresdener Universität. Dazu gehören eine Professur für Multimedia-Technik von der Heinz-Nixdorf-Stiftung und ein Lehrstuhl für elektromagnetische Verträglichkeit, den die Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung trägt.

Außergewöhnlich hoch für eine Universität im Osten ist die Zahl der Sonderforschungsbereiche. Da Sonderforschungsbereiche nur in der alten Bundesrepublik bekannt waren und ihrer Gründung jahrelange Vorbereitungen vorangehen, ist es ein besonderes Markenzeichen für die TU-Dresden, wenn sie zehn Jahre nach der Maueröffnung heute bereits fünf dieser Großvorhaben der Forschung aufweisen kann.

1995 wurde das Siemens Microelectronics Center Dresden (Simec) in Betrieb genommen, in dem rund 2500 hochqualifizierte Fachkräfte moderne Produkte der Elektronik entwerfen und fertigen. Im Januar 1998 gründeten Siemens und die amerikanische Chip-Schmiede Motorola ein Joint-Venture in Dresden, um die Entwicklung von Halbleiterscheiben (Wafern) mit 300 Millimetern Durchmesser voranzutreiben. Herkömmliche Siliziumscheiben haben nur 200 Millimeter Durchmesser, der neue Wafer bietet Platz für die zweieinhalbfache Zahl von Chips. An dem Center hängen Forschungs- und Entwicklungskosten von mehr als einer Milliarde Mark sowie zusätzliche Investitionen von 450 Millionen Mark. Prompt legte die Konkurrenz nach: Auch der amerikanische Halbleiter-Konzern Advanced Micro Devices (AMD) stampfte in Dresden-Wilschdorf ein Halbleiterwerk aus dem Boden. Dahinter stehen Investitionen von mehr als 1,9 Milliarden Dollar.

"AMD hilft uns, wo sie nur können", kommentiert Rektor Achim Mehlhorn. "Seit dem Produktionsstart hat sich die Zusammenarbeit beträchtlich erweitert." Der Sog für den Forschungsstandort Dresden ist enorm: In und um die Stadt entstanden rund 10 000 hochqualifizierte Arbeitsplätze.

Die enge Verzahnung der Wirtschaftspolitik mit der Universität öffnet der TU ein weiteres Feld: "Vor allem die Informatik entwickelt sich bei uns sehr konstruktiv", berichtet Achim Mehlhorn. "Wir rühren die Werbetrommel für mehr Bewerber in diesem Fach. Da gibt es einen riesigen Bedarf."

Mit der Paravisio Software Inc. aus San Diego verlegte 1998 erstmals ein amerikanischer Softwarehersteller seinen Sitz nach Dresden. Die TU ist für solche Ansiedlungen mittlerweile gut gerüstet. Ihre Informatik-Fakultät bezog unlängst neue Räume in einem Erweiterungsbau, den die Landesversicherungsanstalt (LVA) Sachsen finanzierte.

Und wie beurteilen Politiker diese rasante Entwicklung? "Weltweites Know-how wird nach Sachsen fließen", meint Wirtschaftsminister Kajo Schommer selbstbewußt. "Unsere Ingenieure und Techniker werden zu den ersten Erfahrungsträgern bei der Halbleitertechnologie des kommenden Jahrzehnts gehören und die Entwicklung zur Informationsgesellschaft mitbestimmen." Und Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer resümiert: "Wer aus langfristigen Investitionen Gewinn erzielen will, braucht gute Nerven. Dies ist für ein armes Land wie Sachsen eine doppelte Herausforderung."

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