Gesundheit : Das Staatsexamen für Ärzte bleibt

Bachelor und Master nicht geplant: Wissenschaftsrat weist Kampagne des Hochschulverbandes und der Bundesärztekammer zurück

Uwe Schlicht

„Die Spitzenverbände der Hochschulmedizin, der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und der Ärzteschaft lehnen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in der Medizin ab und werden in den nächsten Wochen und Monaten verstärkt über die Irrwege des Bologna-Prozesses aufklären.“ Mit dieser Erklärung laden die Bundesärztekammer, der Marburger Bund und der Deutsche Hochschulverband am heutigen Donnerstag zu einem Pressegespräch ein, in dem sie verkünden wollen: „Ein dreijähriges Bachelorstudium wird nicht zu einer Qualifikation führen können, die zum Beruf des Arztes befähigt.“

Wer diese Erklärung liest, gewinnt den Eindruck, dass das Medizinstudium in Deutschland radikal von einer über sechsjährigen Dauer auf fünf Jahre verkürzt und zugleich in die Bachelor-/Masterstruktur gepresst werden soll. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, der Mediziner Karl Max Einhäupl, erklärt jedoch: „Es gibt niemanden, der das ernsthaft überlegt – weder im Wissenschaftsrat, noch in der Kultusministerkonferenz oder der Hochschulrektorenkonferenz.“

Einhäupl muss es wissen: Denn immer dann, wenn Konzeptionen für die große Studienreform im Zeichen von Bachelor und Master erarbeitet werden, hat der Wissenschaftsrat die Federführung. Schon in seiner ersten Empfehlung zur Reform aus dem Jahr 2000 hat das Expertengremium zwar die Umstellung der bisherigen Magister- und Diplomstudiengänge auf Bachelor und Master gefordert, aber von dieser Empfehlung die Studiengänge mit dem Staatsexamen ausgenommen. Selbst 2002, als der Wissenschaftsrat sich für eine Reform der staatlichen Abschlüsse bei den Juristen und den Lehrern aussprach, nahm er die Medizinerausbildung ausdrücklich aus. In der Medizin könne ein Bachelorstudium nach deutschem Recht keinen berufsqualifizierenden Abschluss bieten, da sich für Mediziner mit einem sechssemestrigen Studium „noch kein berufliches Anwendungsfeld erkennen lässt“.

An dieser Einschätzung habe sich bis heute nichts geändert, sagt Einhäupl. Der Arzt übe per se einen wissensbasierten Beruf aus, weil er jederzeit eigenständig beurteilen müsse, ob ein neues Medikament oder eine neue Behandlungsmethode wissenschaftlichen Ansprüchen genüge. Außerdem sei die Halbwertszeit, in der das Wissen in der Medizin verfällt, außerordentlich kurz. Damit die künftigen Ärzte auf dem jeweils neuesten Stand der Medizinforschung seien, müssten in ihr Studium ständig die neuesten Forschungsergebnisse einfließen. In einem sechssemestrigen Bachelorstudium sei eine so anspruchsvolle Medizinerausbildung nicht möglich.

Aus Sicht der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Johanna Wanka, soll die europaweite Umstellung auf Bachelor und Master jedoch nicht spurlos am deutschen Medizinstudium vorbeigehen: Sie biete die Chance, ein stärker differenziertes Angebot zu entwickeln, sagt Wanka. Denn bisher sei das Medizinstudium ausschließlich am Bild des Praktischen Arztes ausgerichtet. Heute arbeiteten jedoch viele Mediziner nicht als Ärzte, sondern in der Industrie, im Gesundheits- oder Versicherungswesen.

Die Bundesärztekammer will an der geplanten Kampagne gegen die „Irrwege des Bologna-Prozesses“ festhalten. Von der europäischen Entwicklung gingen offensichtlich Gefahren für die Medizin aus, sagt der Sprecher der Bundesärztekammer, Hans-Jörg Freese. Seit der Bologna-Erklärung von 1999 gebe es eine Tendenz zur Vereinheitlichung der Studiengänge, der sich auch Deutschland nicht entziehen wolle. Sollte die Medizinerausbildung in Deutschland von der Umstellung auf Bachelor und Master ausgenommen werden, so wäre das gut. „Bisher ist diese Umstellung jedoch nicht auszuschließen.“ Diese Gefahr sähen die Bundesärztekammer, der Marburger Bund und der Deutsche Hochschulverband gemeinsam.

Den Texten über den europäischen Hochschulraum ist allerdings zu entnehmen, dass auch künftig nationale Besonderheiten geduldet werden. In der Bologna-Erklärung und in der Berliner Erklärung von 2003 heißt es, dass bei der Umstellung auf Bachelor und Master die Unterschiedlichkeit der Kulturen, Sprachen und der nationalen Erziehungssysteme sowie der Hochschulautonomie voll respektiert werden müssten. Für die Bundesärztekammer kein Grund zur Entwarnung.

Die Medizinerausbildung in den vier großen Ländern Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA ist tatsächlich sehr unterschiedlich angelegt: In Deutschland und Frankreich dauert das Studium sechs Jahre und steht in der Verantwortung des Staates. In Großbritannien ist das Medizinstudium an Medical Schools angesiedelt – das sind Einrichtungen für eine wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung. An den Medical Schools dauert das Studium fünf Jahre und schließt mit dem Bachelor of Medicine ab. Daran schließt sich eine Facharztausbildung an, die drei bis acht Jahre dauert. In den USA werden die Mediziner im Anschluss an das College ebenfalls an Medical Schools ausgebildet und erreichen nach vier Jahren den Universitätsabschluss Medical Doctor (M.D.) Dieser universitäre Grad reicht jedoch nicht: Danach muss ein weiteres Jahr an einem Lehrkrankenhaus verbracht werden. Auch dieser Abschnitt schließt mit einem Examen ab. Eine Weiterbildung zum Facharzt dauert zusätzliche drei bis sieben Jahre.

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