Gesundheit : Das Studium ist kein Romanstoff

Der Autor

ist Erstsemester in Berlin – und Bachelorstudent Langsam wird es ernst. Die Uni besteht nicht mehr nur aus entspanntem Staunen über all die Merkwürdigkeiten in den riesenhaften Fluren, Hörsälen und Mensen. Seit neuestem heißt Uni auch Arbeit. Ich muss Theorietexte zusammenfassen, Gedichte deuten und Lebensdaten wichtiger Wissenschaftler aufschreiben. Um rauszukriegen, wie das richtig geht, muss ich aber erstmal nur eins tun: Lesen ohne Ende.

An einem der zahlreichen Schwarzen Bretter im Germanistikgebäude hängt ein orangefarbener Zettel, auf dem steht: „Lesen lernen muss man zweimal.“ Ich ahne, was damit gemeint ist. Bisher las ich ein Buch – einen Roman meistens – sehr langsam und mit Genuss. Wenn ich keine Lust mehr hatte, machte ich einfach was ganz anderes. Neuerdings lese ich mehrere Bücher gleichzeitig – allesamt wissenschaftliche Einführungen – mit fliegenden Augen und einem Stift zum Unterstreichen in der Hand. Wenn ich keine Lust mehr habe, lese ich noch ein bisschen weiter. So zwei Stunden etwa. In der nächsten Woche wollen alle Dozenten über ihre Bücher diskutieren.

Kürzlich habe ich einen großen Fehler gemacht: Ich bin in die Bibliothek gegangen, um ungestört zu lesen. Dort ist es ruhig, ich bin von lauter Büchern umgeben. Nichts lenkt mich von der Arbeit ab. Dachte ich. Aber ich habe meine „Einführung in die Sprachwissenschaft“ nicht mal aufgeschlagen. Zweieinhalb Stunden lang streunte ich zwischen den Regalen mit den Romanen herum und betastete wehmütig die Buchrücken. Heinrich Böll, Günter Grass, Thomas Mann. Die Herren kenne ich von früher, als Lesen noch Freizeit war.

Florian Urschel (20) machte 2003 Abitur

in Berlin und absolvierte dann seinen Zivildienst. Jetzt studiert er Deutsch und Geschichte an der Freien Universität Berlin – auf Lehramt.

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