Gesundheit : „Das Studium muss kürzer werden“

Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger über die notwendigen Reformen in Bildung und Wissenschaft

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H.J. BULLINGER

ist Präsident der

Fraunhofer-Gesellschaft. Bullinger ist Maschinenbauingenieur und Experte für Arbeitswirtschaft.

Foto: dpa

Der Bundeskanzler hat das Thema Innovation zur Chefsache erklärt. Was erwarten Sie von Gerhard Schröder und seiner Regierungserklärung zu Wissenschaft und Forschung am morgigen Donnerstag?

Mehr Geld für die Forschung ist sicher ein wichtiges Thema. Doch die Bundesregierung könnte auch mit steuerlichen Anreizen für Innovationen sorgen. Wenn Forschungsaufwendungen steuerlich bevorzugt würden, könnte das in den Firmen zu einem Schub führen. Das wäre zudem ein Signal, dass wir eine mobile und geistig vitale Gesellschaft sind.

Ist es aber nicht längst auch Zeit, dass sich die Forschungseinrichtungen und Universitäten selbst ändern?

Wir gehen da mit gutem Beispiel voran. Wir bauen derzeit die Münchener Zentralverwaltung der Fraunhofer-Gesellschaft in ein Kompetenzzentrum für Forschungsdienstleistungen um. Zudem haben wir in den letzten Monaten Leitinnovationen benannt, die für uns und unser Land in den nächsten Jahren besonders wichtig sein werden. Darüber hinaus untersuchen wir gerade im internationalen Vergleich, in welchen Bereichen wir verstärkt aktiv werden müssen.

So weit sind die meisten Universitäten noch nicht.

Bislang waren die Universitäten unter Management-Gesichtspunkten nahezu unregierbar. Es fehlt die strategische Ausrichtung. Doch langsam werden die Strukturen modernisiert. Die südlichen Bundesländer sind da Vorreiter. Aber das dauert alles noch zu lange.

Brauchen die Universitäten mehr Geld?

Zusätzliche Mittel alleine sind nicht ausschlaggebend. Schauen sie sich nur die Prestige-Unis der USA an. Die haben ihr Renommee sicher nicht staatlichen Geldern zu verdanken.

Die Abhängigkeit von der Wirtschaft ist doch ebenfalls problematisch. Der größte Teil der Aufträge der Fraunhofer-Gesellschaft kommt von Unternehmen. Damit müsste sie die Wirtschaftskrise doch genauso schwer getroffen haben wie ihre Kunden?

Zum Glück nicht. Das liegt daran, dass wir vergangenes Jahr unsere Leistungen verändert haben. Wir haben mehr Aufträge angenommen, in denen es um Dienstleistungen ging, die der Wirtschaft einen schnellen Nutzen brachten. Deshalb ist unser Forschungsvolumen ungefähr konstant geblieben.

Viele der besten deutschen Wissenschaftler arbeiten in den USA. Ist die Forschung hier zu Lande nur noch zweitklassig?

Drücken wir es mal positiv aus: Dass die Amerikaner so viele Leute abwerben, zeigt, dass die Ausbildung in Deutschland nicht so schlecht ist wie oft behauptet.

Dennoch kann Sie die Abwanderung nicht kalt lassen.

Natürlich nicht. Doch die Flucht nach Amerika ist nur Teil eines viel größeren Problems. Richtig alarmierend ist, dass wir uns selbst im europäischen Vergleich, was die Forschungsausgaben betrifft, nur noch im unteren Drittel befinden.

Das einst für seine Erfinder berühmte Deutschland fällt also zurück?

Ja, denn wir geben nur 2,5 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für Forschung aus. Weniger als in anderen EU-Ländern.

Müsste die Regierung mehr tun?

Auf jeden Fall. Da ist auch der Kanzler gefordert, die mit den anderen EU-Staaten vereinbarten Ziele umzusetzen. Erklärtes Ziel der Regierung ist es ja, den Forschungsetat bis 2010 auf drei Prozent zu steigern.

Haben es Forscher in Deutschland schwerer als anderswo?

Viele gute Leute gehen in die USA, weil sie bei uns nicht die Möglichkeit haben, angemessen zu arbeiten.

Deutschland vergeudet also seine Talente?

Schauen sie sich nur die Universitäten an. Sicher bilden wir die Leute gut aus. Aber wir tun es nicht effektiv genug. Das Studium muss schneller und kürzer werden.

Wie soll das gehen?

Beispielsweise kann man reine Lernfächer wie in den USA auch an deutschen Universitäten verschulen. Zudem müssen wir überlegen, ob die zum Teil sehr lange Promotion in ihrer gegenwärtigen Form noch sinnvoll ist.

Das Gespräch führten Martin-W. Buchenau und Joachim Hofer.

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