Gesundheit : „Das Taxi kommt auf Knopfdruck“

Von Bus bis Flugzeug: Informatiker Weber über Steuerungssysteme, die alle Verkehrsmittel einbeziehen

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Herr Weber, können Sie sagen, wer Fußballweltmeister wird?

Jetzt verblüffen Sie mich. Ich bin kein Fußballexperte. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es möglich ist, prognostische Verfahren zu entwickeln und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Sind keine Voraussagen über den Sieger möglich?

Es gibt hinreichend gute Verfahren zur Prognose und Simulation, mit denen man dem Ergebnis ziemlich nahe kommt.

Würden Sie darauf wetten?

Nein.

Schauen Sie sich Spiele an?

Leider nicht, ich bin während der WM größtenteils unterwegs.

Dann können Sie nicht als Versuchskaninchen für das System „Transit“ dienen. Dessen aktuelle Informationen helfen den Zuschauern, bei der Anfahrt ins Stadion Staus zu vermeiden. Wie funktioniert das?

Das Neue daran ist die Lenkung über verschiedene Verkehrsträger. U-Bahn, S-Bahn, Bus, Regionalbahn sogar das Flugzeug werden einbezogen. Diese geschlossene Kette ist der Unterschied zu den üblichen Navigationssystemen.

„Transit“ ist doch eines der Projekte, das als gemeinsames Vorhaben mit China für die Olympischen Spiele 2008 in Peking vereinbart war.

Das betrifft nicht nur „Transit“. Wir haben mit „Compass“ ein weiteres Projekt für 2008, an dem das Interesse noch größer ist. Es liefert individuelle Informationen für verschiedene Bedarfsgruppen. Journalisten etwa bekommen Infos auf den Palmtop über Veranstaltungen, den Lebenslauf von Sportlern und weitere Hintergrundinformationen.

Nützt es auch gewöhnlichen Touristen?

Ja, wenn Sie in Peking ein Taxi suchen, brauchen Sie nur einen Knopf zu drücken. Das Taxi bekommt dann Ihre Position. Der Fahrer sieht das Ziel, das Sie eingetippt haben, auf seinem Navigationsgerät. Das Gerät informiert auch über die Sehenswürdigkeiten an der Strecke.

Werden wir das System auch in Berlin nutzen können?

Es ist ein Trauerspiel, aber wir konnten keinen deutschen Industriepartner finden. Ganz anders die Chinesen. Ein chinesisches Regierungsunternehmen hat bereits eigene Produkte dafür entwickelt.

Ist es symptomatisch, dass sich kein deutsches Unternehmen gefunden hat?

Ja, das sieht man an vielen Stellen. Es hat mit der Grundeinstellung der Industrie zu tun, nach der es auch schon ein Erfolg ist, Zweiter zu sein. Damit erspart man sich die hohen Anlaufkosten eines Innovators. Dabei verkennt man, dass es gerade im Bereich der Telekommunikation oft keinen zweiten Sieger gibt, weil der erste den Markt abräumt.

Wie kommt es zu dieser passiven Einstellung?

Wir konnten uns nach dem Zweiten Weltkrieg technologisch nicht richtig emanzipieren. Bis heute gibt es das Bewusstsein, dass Informationstechnologie aus Amerika kommt. So kommt es, dass die deutsche Wissenschaft in diesem Bereich der amerikanischen Industrie zuarbeitet.

Haben Sie das auch gemacht?

Ich bin 1974 in die USA gegangen. Da geht man hin, um sich die höheren Weihen zu holen. Das ist heute noch so, auch in der Informatik.

Warum ist Amerika so interessant?

Die primäre Informatik kommt aus den USA, das sind die Geräte, die Basis-Software, Datenbanken, Betriebssysteme, damit sind Firmennamen wie Microsoft oder Oracle verbunden.

Bleibt noch die sekundäre Informatik.

Das ist die Anwendung. Wir schaffen Lösungen auf der Basis dessen, was uns die Amerikaner liefern. Wir sind in völlige Abhängigkeit geraten.

Wie ist denn Ihr Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) einzuordnen?

Wir haben uns in Richtung sekundärer Industrie spezialisiert. Nachdem das Wirtschaftsumfeld in Berlin zerbröselt ist, haben wir uns auf Finanzwirtschaft und Automobilindustrie vor allem im Süden Deutschlands konzentriert. Von unserem Standort Dortmund aus wird der Westen bedient.

Gibt es in Berlin auch Projekte?

Es gibt ein kleines Pflänzchen: die E-Government-Projekte der Bundesregierung und des Landes Berlin.

Worum geht es dabei?

Bei E-Government sollen technologische Verfahren die Verwaltung effektiver machen und zudem den Bürger mit besseren Dienstleistungen versorgen.

Kann man dann übers Internet das Auto anmelden?

Ja. Es gibt eine weitere Facette, die als E-Democracy umschrieben wird. Dem Bürger wird es möglich, über das Internet an öffentlichen Angelegenheiten, auch an Entscheidungen teilzunehmen.

Zum Beispiel?

Sie können in ein Internet-Portal reingehen und dort Beratungen des Bundestages nachvollziehen, Protokolle einsehen und selbst Stellung nehmen. Man kann sich in Communities im Netz organisieren und Meinungsbildung betreiben. Das ist ein Stück Basisdemokratie.

Hat die ältere Generation überhaupt das Wissen, um daran teilzunehmen?

Diese Generation entdeckt den Rechner in nie vorgestelltem Ausmaß. Es ist aber Aufgabe der Informatik-Industrie eine angemessene Ergonomie zu schaffen. Weil kognitive Fähigkeiten im Alter nachlassen, sind neue Konzepte bei Bedienung und Nutzung notwendig.

Wie ist denn gewährleistet, dass mit den Daten, die der Bürger dem Netz anvertraut, kein Missbrauch getrieben wird?

Man kann die Technologie absichern. Wir haben federführend, mit zwei anderen Fraunhofer-Instituten sowie mit Unternehmen auch die elektronische Gesundheitskarte und deren telematische Infrastruktur entwickelt.

Wie hieß die Vorgabe?

Der Patient – und nur er – ist Herr seiner Daten. Ohne seine Zustimmung dürfen in Praxen oder Krankenhäusern vorliegende Daten nicht freigegeben werden.

Wie soll das funktionieren?

Patient und Arzt können nur gemeinsam die persönlichen Daten freigeben. Um Zugang zu bekommen, müssen Gesundheitskarte und Heilberufeausweis gleichzeitig ins Lesegerät gesteckt werden.

Muss also der Patient immer vor Ort sein?

Er kann es auch am PC machen, das ist eine Art Fern-Authentifizierung.

Funktioniert die Technologie?

Im Moment gibt es Probeläufe in Pilotregionen. Angesichts von insgesamt 220 000 Ärzten, mehreren tausend Kliniken und 370 Versicherungen muss sichergestellt werden, dass das System mit einer sehr großen Zahl von Akteuren klarkommt.

Wann wird es so weit sein?

Es wird noch einige Jahre dauern.

Das Gespräch führte Paul Janositz.

Herbert Weber (66)

leitet das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) in Berlin und Dortmund. Er lehrt auch am Fachbereich Informatik der TU Berlin.

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