Gesundheit : Das Universitätskrankenhaus der FU hat bei Politikern erneut das Nachsehen

Uwe Schlicht

Niedergerissene Wände, aus den Decken hängende Leitungen. Alte Badewannen werden demontiert, neue Nasszellen gebaut. Auch die Installation für neue Intensivstationen ist schon erkennbar. Zwei von 20 Stationen in den Bettenhäusern des FU-Klinikums Benjamin Franklin werden zur Zeit saniert, darunter die Innere Medizin. Das geschah seit drei Jahren im wesentlichen aus Geldern des Klinikums selbst. Die Mediziner wollten es den Politikern zeigen: So geht es nicht weiter. Aber das Klinikum konnte nur einmal rund vier Millionen Mark aus eigenen Mitteln herauswirtschaften. Jetzt ist sie auf Landes- und Bundesgelder angewiesen, und die müssten ausgerechnet in der neuen Finanzkrise des Landes freigegeben werden.

Als im Oktober 1968 das Klinikum eingeweiht wurde, war das ein großer Tag für Berlin. Berlin bekam mit dem "Klinikum-Steglitz" den ersten modernen Krankenhausbau nach dem Krieg, der mit dem Weltniveau Schritt halten konnte. Willy Brandt hatte sich persönlich um Hilfe für die Hochleistungsmedizin an die Amerikaner gewandt. Diese spendeten Geld und brachten den Entwurf für ein Reformkrankenhaus auch in eine architektonische Form: Alle Disziplinen und Krankenstationen unter einem Dach. Das war revolutionär in Deutschland.

In eine Black box gefallen

Heute scheinen die Politiker das Klinikum der Freien Universität vergessen zu haben. In den Finanzabsprachen der Koalitionsvereinbarung kommt es nicht mehr vor. Das heute nach Benjamin Franklin genannte Klinikum war in eine Black box gefallen, wie es die zurückgetretene Wissenschaftssenatorin Christa Thoben formulierte.

In der Wissenschaft ist das Klinikum um Jahrzehnte seinem Ausbaustand voraus. Bei der Drittmitteleinwerbung für die Forschung hat es mit einem Jahresbetrag von 38 Millionen Mark einen guten Stand erreicht. Zwei Sonderforschungsbereiche und drei Graduiertenkollegs können sich national sehen lassen. Dagegen stehen die Klagen der Patienten über den Rückstand im Komfort in dem Bau aus den 60er Jahren.

In den beiden siebenstöckigen Bettenhäusern sind 20 Stationen untergebracht. Was bedeutet deren Sanierung? In jeder Station müssen für Patienten, die durch multiresistente Keime gefährdet sind, Isoliereinheiten geschaffen werden. Dazu werden die bisher im Klinikum üblichen Dreibettzimmer in Einbettzimmer verwandelt. Die Einbettzimmer benötigen eigene Duschen und Toiletten. Ansonsten sollen die Dreibettzimmer in Zweibettzimmer umgewandelt werden. Auch das ist mit einer Komfortanhebung durch Nasszellen verbunden. Auf einer Station sollen sich künftig nicht mehr 68 Patienten mit zwei zentralen Badewannen abfinden müssen. Patienten, die privat behandelt werden, wollen keine Gemeinschaftstoiletten mehr akzeptieren, wenn sie für hohe Pflegekosten aufkommen müssen.

Bei laufendem Krankenhausbetrieb ist die Sanierung eine organisatorische Herausforderung. Als die FU in der Inneren Medizin in der dritten Etage des Bettenhauses aus eigenen Mitteln das Sanierungsprogramm startete, stellte sich heraus, dass die direkt darüber liegenden Patienten in der vierten Etage den Baulärm nicht ertragen konnten. Zwei Stationen müssen von jetzt an immer gleichzeitig stillgelegt werden, wenn in einer die Sanierung beginnt.

Um das organisatorisch bewältigen zu können, bedarf es der Ausweichmöglichkeiten - einer Drehscheibe. Und die konnte es nur außerhalb des Kompaktbaus geben. Hier liegen die größten Versäumnisse der Politiker. Erst sollte das Klinikum bei seinem Sanierungswunsch im Oskar-Helene-Heim Ersatz finden. Dort planten die Bezirksfürsten der CDU einen Bettenneubau für 50 Millionen Mark. Das hat sich zerschlagen. "Diese elende Diskusison hat uns zwei Jahre aufgehalten. Alle heutigen Engpässe im Stammhaus des Klinikums wären nicht notwendig gewesen, wenn der FU nicht die Mitnutzung des Oskar-Helene-Heims aufgeredet worden wäre", sagt der ärztliche Direktor Ernst-Otto Riecken. Dann erhielt die FU endlich die Zusage, dass sie als Drehscheibe das ehemalige US Hospital in Lichterfelde nutzen kann - aber nur während der Sanierung und nicht auf Dauer. Aber auch das zog sich hin, weil das US Hospital nach amerikanischen Normen ausgerüstet wurde und für die Unterbringung von Krankenstationen für 5,7 Millionen Mark umgerüstet und erst in einem Teilbereich vom Asbest befreit werden musste. Jetzt ist es soweit: Am Montag soll die Dermatologie (Hautkrankheiten) aus dem Zentralbau des Klinikums in das US Hospital umziehen. Das ist die Voraussetzung, um die Sanierung der Endoskopie (Beobachtung von Hohlräumen) für 2,4 Millionen Mark endlich beschleunigen zu können. Auch hier geht es wie in der Inneren Medizin um den Einbau von Betten für eine moderne Intensivbetreuung.

Wenn die Berliner Politiker nicht ständig das Klinikum vergessen würden, könnte die gesamte Sanierung der beiden siebenstöckigen Bettenhäuser in acht Jahren abgeschlossen sein. Dazu wären Jahresraten von 40 Millionen Mark erforderlich - der gesamte Sanierungsaufwand wird mit 230 Millionen Mark veranschlagt. Aber die Gelder, die man dem Klinikum noch Ende der vergangenen Legislaturperiode als Jahresrate in Aussicht gestellt hatte - einmal war von 50 Millionen Mark, dann von einer Alternativsumme von zehn Millionen Mark die Rede - sind im Nirgendwo verschwunden. In diesem Jahr wird bei den Bauinvestitionen so extrem gespart, dass das Klinikum leer ausgehen dürfte.

"Wir müssen am Ende dieses Jahres Licht im Tunnel sehen, sonst werden wir emotional am Klinikum einbrechen. Die Bereitschaft, jetzt noch einmal alles durchzuziehen, ist groß, aber eine weitere Verzögerung bei der Sanierung kann man nicht verantworten" - mit diesen Worten schildert der ärztliche Direktor Professor Riecken die Stimmung unter den Ärzten, Pflegern und Wissenschaftlern. "Heute werden die Stationen mit weniger Personal bei maximaler Auslastung geführt. Das geht zu Lasten der wissenschaftlichen Produktivität, wenn wir immer mehr Oberärzte für die Krankenversorgung abstellen. Ärzte wollen ja nicht dauernd zehn Stunden in der Klinik verbringen, sie wollen forschen und die Wissenschaft voranbringen", berichtet Riecken.

Über die Zukunft wird jetzt entschieden

Nicht mehr auszuschließen sind daher negative Wirkungen auf die Wissenschaftler und Chefärzte. Zehn Lehrstühle von Professoren müssen neu besetzt werden. "Über die Zukunft des Hauses wird jetzt entschieden. Ob es uns unter diesen Bedingungen gelingt, gute Wissenschaftler an das FU-Klinikum zu holen, hängt von der finanziellen Ausstattung in Konkurrenz zu anderen Kliniken in Deutschland ab." Riecken befürchtet, dass trotz aller Attraktivität, die Berlin wegen seiner Rolle in Kultur und Wissenschaft besitzt, die jetzige Spardiskussion abschreckend wirkt. "Da könnte eine gewisse Ernüchterung eintreten", wenn sich die Wunschkandidaten vorher in Berlin umsehen.

Der Wissenschaftsrat hatte vor zwei Jahren das Land Berlin davor gewarnt, sich im Hochschulbau finanziell zu übernehmen. Wenn schon drei Universitätsklinika nicht zu finanzieren wären, dann solle man sich dazu durchringen, eines der Klinika aufzugeben und in ein städtisches Krankenhaus umzuwandeln. Priorität für die Charité zusammen mit dem Rudolf-Virchow-Klinikum - lautete der Rat. Dem FU-Klinikum droht seitdem der Abstieg, selbst wenn der Wissenschaftsrat dies bedauern würde.

Einen Verlust des Klinikums kann die Freie Universität nicht hinnehmen, hat sie doch nach der Wiedervereinigung zugunsten des Aufbaus Ost genug Opfer gebracht. Ohne die Hochschulmedizin wäre die FU nur ein Torso. Aber was nützt eine Bestandsgarantie für das Klinikum zum 50jährigen Bestehen der FU durch den Regierenden Bürgermeister Diepgen, wenn das Klinikum finanziell nicht in den Stand gesetzt wird, sich im Konkurrenzkampf mit der Charité und anderen Universitätsklinika in München oder Heidelberg zu behaupten?

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