Gesundheit : Das Virus des Luc Montagnier

Hartmut Wewetzer über Sars und die Entdeckung des Aids-Erregers

Der 20. Mai 1983 war ein besonderer Tag. Das amerikanische Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichte die Studie eines französischen Forschers. Luc Montagnier, so der Name des Wissenschaftlers vom Pariser Institut Pasteur, berichtete über ein Virus, das er LAV nannte: „Lymphadenopathie-assoziiertes Virus“. Das Kürzel geriet bald in Vergessenheit. Nicht aber die Krankheit, die der Erreger auslöst: Aids.

Montagniers Entdeckung markierte eine wichtige Etappe bei der Bekämpfung der übertragbaren Immunschwäche. Zwei Jahre nach ersten Berichten über eine merkwürdige, mit Hauttumoren einhergehende tödliche Immunschwäche junger Homosexueller hatte man die Ursache gefunden. Nun würde es bald einen Impfstoff geben, glaubte man nach der Entdeckung Montagniers. Und Medikamente. Hoffnung keimte.

Und heute? Einen Impfstoff gibt es immer noch nicht. Die Krankheit ist behandelbar geworden – aber nur in den reichen Ländern. Schätzungsweise 42 Millionen Menschen sind infiziert, der Erreger breitet sich in vielen Regionen weiter aus. Jüngster Brennpunkt: Osteuropa.

Die Bilanz der letzten 20 Jahre fällt also ernüchternd aus. Und doch zeigt das Beispiel der Atemwegsinfektion Sars, wie sehr sich die Wissenschaft seit Montagniers Zeiten weiterentwickelt hat, wie schnell heute Krankheitserreger eingekreist werden können. Zwei Jahre dauerte es, den Aids-Verursacher zu finden – Jahre, in denen viel falsch gemacht wurde, in denen sich das Virus zum Beispiel über Blutkonserven fast ungehindert verbreiten konnte.

Dagegen Sars: Wie im Zeitraffer schreitet die Forschung voran, und die Gesellschaft nimmt es als Selbstverständlichkeit hin. Nur Wochen nach dem ersten Auftreten der Seuche wurde der Erreger, ein Coronavirus, dingfest gemacht. Es folgten ein Schnelltest, die Entzifferung des Erbguts und bereits erste Ansätze für Anti-Sars-Medikamente.

Das alles zeigt, welch bemerkenswerte Fortschritte die Infektionsforschung seit Montagniers Studie gemacht hat. Auch das sollte nicht vergessen werden, trotz der weltweiten Aids-Epidemie. Die Krankheit hat, so makaber das klingt, die Entwicklung der Virusforschung und der Virustherapie unglaublich stimuliert.

Das Aids-Trauma hält an, und das ist gut so. Denn wenn es 20 Jahre nach Montagniers Untersuchung eine Botschaft gibt, so kann die nur lauten: Niemals mehr dürfen Wissenschaft, Medizin und Politik sich in falscher Sicherheit wiegen. Die Gefahr neuer Infektionserreger besteht weiterhin, und sie wird durch die Globalisierung nur noch größer. Schnelle Reaktionen sind gefragt. So können wir Sars zurückdrängen. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte ja nicht. Vielleicht können wir Menschen am Ende doch aus unseren Fehlern lernen.

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