Gesundheit : Das Wasser zum Färben kommt per Tankwagen

Dierk Jensen

Im südindischen Tirupur machen Färbereien gute Geschäfte, aber sie schädigen dabei die UmweltDierk Jensen

Die Fahrer Chandran und Ramesh fahren Trinkwasser. Acht Touren legen sie pro Schicht zwischen Brunnen und Färberei zurück. Zusammen mit vier weiteren Kollegen karren sie für eine der insgesamt über 1000 Färbereien im südindischen Tirupur in nur drei Tagen eine Million Liter Grundwasser heran. Wasser von höchster Qualität, das nötig ist, um in das blasse Baumwollgarn ein kräftiges Rot, ein knalliges Gelb oder ein sattes Orange hineinzuwirken. Für Slips, T-shirts und Stretchkleider.

Die Textilindustrie in "T-shirt Town", so das Synonym für den wohl weltweit größten Standort der Strickwarenproduktion, tut alles für den modebewussten Konsumenten in devisenkräftigen Ländern. Dafür ist Tirupur bekannt. So entwickelte sich die Stadt im Nordwesten des Bundesstaates Tamil Nadu in nur einer Dekade vom Provinzstädtchen zur wichtigen Adresse in den Einkaufslisten von Textilketten.

Der globale Markt trifft sich im gesichtslosen Dorf, wo hemmungslos "Manchester-Globalisierung" stattfindet: Hier existieren keine Gewerkschaften, die die Geschäfte schmälern, hier steht stets eine Schar von Jobsuchenden aus ganz Tamil Nadu willig bereit und Kinderarbeit wird en masse geduldet - Nicht-Regierungs-Organisationen sprechen von rund 30 000 Kindern, die in Schneidereien, Färbereien und Bleichereien malochen; in rund 4000 Betrieben insgesamt mehr als 200 000 Menschen. Obendrein bremst keine Umweltauflage die Produktionsmaschinerie.

Eine Erfolgsstory, ökonomisch. Doch dafür fließt der Fluss Nyel, ein Seitenarm des Cauvery, die Lebensader Tamil Nadus, dunkel-violett durch eine heillos im Dreck versinkende Stadt. Es sind hauptsächlich die ungeklärten Rückstände der Färbereien und Bleichereien, Chloride, Peroxide, Amine, Säuren, Laugen und Schwermetalle, die den Fluss zur Kloake machen.

Brunnen sind vergiftet

Während die Brühe abfließt und weiter flussaufwärts den Cauvery mit seiner Giftfracht belastet, sitzt der urbane Klumpen namens Tirupur längst auf dem Trockenen. Die städtischen Brunnen sind vergiftet. Und der Durst der Färbereien und Bleichereien, wo die Arbeiter in der Regel bis zur Hüfte in chlorhaltigen Bädern stehen, ist angesichts der gigantischen Menge Stoff, die täglich durchgenudelt wird, kaum zu löschen.

Hinzu kommt, dass Kanalisation, Klärung oder gar Wiederverwertung von Abwässern in Tirupur bisher Fremdwörter sind. Deshalb haben Tausende Fahrer wie Chandran überhaupt ihren Job. Rund um die Uhr lenken sie die Tankwagen zwischen Brunnen und Stauseen und den geballt im Stadtgebiet liegenden Färbereien hin und her. Zur Monsunzeit wühlen sich die Fahrzeuge durch Schlamm, in der Trockenzeit durch Schlaglöcher.

Gutes Geschäft für Bauern

Symptomatisch die Szenerie an einem Brunnen zehn Kilometer nordöstlich von Tirupur. Seit einem Jahr wird hier Wasser für die Industrie geschöpft. Für den Besitzer, einem früheren Bauern, ist es ein Bombengeschäft. Der Pegel sei um sechs bis sieben Fuß, rund zwei Meter, gesunken, schätzt indes der Fahrer Chandran. "Nein, nein. Hier sinkt gar nichts", blockt Radha, Manager einer der wasserbeziehenden Färberei, brüsk ab. "Wenn das wirklich so wäre, dann könnten wir doch schon bald kein Wasser mehr herausholen. Nein, unmöglich."

Dem Manager wird das Lachen vergehen. Denn die Situation spitzt sich zu, die Wasserpreise steigen und auch der Verteilungskampf in der Bevölkerung, die ebenfalls über die Straße mit Wasser versorgt wird, nimmt zu. Morgens und abends stehen die Menschen zu Hunderten, Frauen, Greise und Kinder, in langen Schlangen an den Ausgabestellen, um ihre Behältnisse zu füllen. Kein Zweifel, die Stadt, die Menschen und ihre Industrie hängen am Tropf. Schon heute herrscht Stau in Tirupur, weil umherfahrende Wasserwagen die Straßen verstopfen: Jeder dritte Wagen, ob nun Lkw oder von Ochsen gezogene Karren, transportiert Wasser.

Für Chandran ist es heute die fünfte Tour: Eine halbe Stunde zum zehn Meter tiefen Brunnen hin, halbe Stunde pumpen, dann zurück zur Färberei. Zwei, drei Handgriffe, die Pumpe springt an und das Grundwasser fließt in den Tank. Absurd, wenn die Lkw am Brunnen Schlange stehen und wenn sie an knochentrockenen Feldern vorbeiheizen.

Angesichts der Gesamtsituation wirkt das bunte Plakat im Chemielager der Färberei Kaytee-Cooperation grotesk: "Natura-Line steht für Bekleidung aus handgepflückter, sauerstoffgebleichter Bio-Baumwolle, die ausschließlich mit schwermetallfreien Textilfarben behandelt wird." Nicht, dass man die selbstverschriebene Parole nicht ernst nähme. Grotesk vielmehr deshalb, weil diese Färberei inmitten des Desasters tatsächlich versucht, ökologisch "korrekt" zu handeln. Kaytee unterzieht sich ständigen Betriebskontrollen durch das Institut für Marktökologie (IMO); einem international agierenden Schweizer Unternehmen, das ökologische Produkte nach strengen EU-Richtlinien zertifiziert. So verwendet man bei Kaytee Farben ohne Schwermetalle, ohne aminabspaltenden Azo-Farbstoffe (der MAK-Gruppe) sowie ohne Allergien auslösende Substanzen. Ebenso verzichtet man auf schwer abbaubare Weichmacher und formaldehydhaltige Hilfsmittel.

Kaytee gehört zu den wenigen Ausnahmen in Tirupur. Dabei werden in der Regel nicht einmal die extrem alkalischen Abwässer in betriebsinternen Klärbecken aufgefangen, um den pH-Gehalt durch Zugabe von salpetriger Säure zu senken. Eigentlich technischer Standard, den die indischen Umweltgesetze schon seit längerem einfordern. Doch ist die Umsetzung reines Wunschdenken, denn nur ein Bruchteil der Färbereien hält sich daran. Reichlich Schmiergeld, macht die Kritiker und Kontrolleure mundtot.

Die in den Farben organisch gebundenen Schwermetalle bilden ein weiteres Problem. Ohne Kläranlagen gelangen diese direkt in den Abfluss, wie auch krebserregende aromatische Verbindungen und biologisch schwer abbaubare Tenside der Reinigungsmittel. Zudem bewirkt der hohe Farbgehalt der Abwässer, dass kein Licht mehr eindringen kann - Bakterien, die die Stoffe abbauen könnten, verenden.

Da werde sich bald was ändern, vertrösten Exportfirmen und die verantwortlichen Stadtoberen. Zwar ist ein Netz von Abflussrohren und Schächten schon zu erkennen, allerdings führen sie bisher ins Nichts, weil die kommunalen Kläranlagen schlicht und ergreifend noch nicht fertig sind. Seit Tagen, Monaten, ja seit Jahren verzögert sich schon der Bau der acht geplanten Common Effluence Treatment Plants (CEPT). Und so fangen viele Färbereien ihre Abwässer auf, um sie nach einer Weile, manchmal schon nach ein paar Stunden, in die Vorfluter abzulassen.

Wie dramatisch die Situation aber ist, zeigt sich an einer Wasserstelle mitten im Stadtgebiet von Tirupur. Der Wasserplatz, rund sechs Meter tief und ein Karee von 20 mal 20 Metern befindet sich hinter der hohen Mauern einer hermetisch abgeschirmten Färberei. Auf dem Boden liegt Müll, und die Pumpstation, ein verrostetes Torso, steht still. "Das Wasser wird schon seit drei Jahren nicht mehr genutzt", klärt ein vorbeigehender Junge auf. "Es ist verseucht."

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