Gesundheit : Das Wissen kommt wie der Blitz

Tele-Learning eröffnet Studenten in Afrika den Zugang zu Spitzenstudien überall auf der Welt/Die African Virtual University (AVU) feiert Jubiläum

Thomas Veser

Sechzig Augenpaare richten sich auf einen gewaltigen Bildschirm hinter dem leeren Professorenkatheder. Informatikstudierende an der Universität des westafrikanischen Landes Bénin verfolgen eine auf Französisch gehaltene Übung. Doch ihr Professors lehrt 10000 Kilometer entfernt an der Universität Laval in Kanada. Dort führt er kanadische Studierende in die Computerwissenschaften ein. Daran nehmen zeitgleich hunderte von Studenten in 24 schwarzafrikanischen Ländern teil. Das Tele-Learning macht es möglich.

Jeweils zwei Béninois teilen sich einen Computer und setzen die mündlichen Anweisungen des kanadischen Professors um. Bei Unklarheiten und Fragen können sie Kontakt mit ihm aufnehmen: Jeder Studierende besitzt eine E-Mail-Adresse. Außerdem ist immerhin der Tutor, der den Studierenden später bei den angeleiteten Übungen beisteht und sich an der Auswertung beteiligt, aus Fleisch und Blut.

Sogar das MIT ist dabei

Dieser Kurs, bei dem Fernlehre und Präsenzunterricht kombiniert werden, ist Bestandteil des Weltbank-Bildungsprojektes „Afrikanische Virtuelle Universität“ (AVU). Dazu gab die Weltbank 1997 ein Startkapital von rund zwei Millionen US-Dollar. Und auch andere Geberorganisationen stehen der als Non-Profit-Organisation verfassten AVU mit Sitz in Washington und Nairobi bei. Zu Beginn beteiligten sich zwölf Universitäten in sechs englischsprachigen Ländern Schwarzafrikas an der Cyber-Unversität. Mit Informations- und Kommunikationstechnologie nahmen sie Verbindung mit Hochschulen zunächst in den USA und Irland auf. Afrika, durch einen digitalen Graben vom Westen getrennt, werde dank der Plattform AVU „wie ein Blitz in das Wissenszeitalter springen“, prophezeite die Weltbank damals euphorisch. Inzwischen sind 25 englischsprachige und frankophone Länder dem Verbund beigetreten.

Auf westlicher Seite zählen illustre Lehrstätten zu diesem Verbund, darunter das Massachusetts Institute of Technology (MIT), dessen Diplome schwarzafrikanische Studierende von zu Hause aus erwerben können. Bildungsinhalte afrikanischer Hochschulen sind im AVU-Kanon dagegen so gut wie nicht vertreten.

Klar und deutlich wiesen die Gründer ihrer Cyberhochschule die Aufgabe zu, Schwarzafrikas unterfinanzierte Präsenzuniversitäten zu entlasten, denen geeignete Lehrkräfte und Ausstattung fehlen. Seit Jahren schreiben sich auf dem Kontinent immer mehr Erstsemester an den Hochschulen ein. Durch eine ausgewogene Kombination von virtuellem Lernen und Präsenzunterricht, im Fachjargon „Blended Learning“ genannt, hofft man, mehr Studierende zu qualifizierten Abschlüssen zu führen. Wie bei anderen virtuellen Universitäten läuft der multimedial gestützte AVU-Lehr- und Lernbetrieb über Satellitenfernsehen und ISDN ab, hinzu kommen Internet-Einrichtungen. Die Übertragungsgebühren übernimmt derzeit noch die Weltbank. Veranstaltungen werden aufgezeichnet oder simultan übertragen, Text elektronisch übermittelt.

Mit AVU-Kursen werden überwiegend Naturwissenschaften, vor allem Mathematik, Physik und Statistik sowie Ingenieurwissenschaften, angeboten. Die Informations- und Kommunikationstechnologie steht im Vordergrund. In diesen Berufen herrscht in Schwarzafrika anhaltend ein Mangel an Fachkräften.

Zu den Zielgruppen gehören Studierende, die an ihrer Heimatuniversität immatrikuliert bleiben. Sie absolvieren ein vierjähriges Grundstudium. Außerdem sollen die Kurse dem Lehrpersonal helfen, Wissenslücken zu schließen. Dass die AVU ebenfalls Berufstätige erreichen will, ist inzwischen deutlich geworden: Sie wirbt um Führungskräfte in Verwaltung und Privatwirtschaft.

Die Gebühren für die Teilnahme können je nach Land pro Jahr bis zu 200 US-Dollar betragen. Die Vorgabe der Weltbank, die nur befristet fördert, ist klar: Eines Tages muss sich die afrikanische Cyber-Uni selbst finanzieren, und das scheint nur durch Studiengebühren vorstellbar.

Afrika bleibt zwar in Sachen Internet international das Schlusslicht. Mittlerweile sind jedoch alle 55 Subsahara-Staaten ans Netz angeschlossen, allerdings gewähren nur 18 Staaten Netzzugang zum Ortstarif. Und damit kommen die Vorteile nur den gut versorgten Ballungszentren zugute, nicht aber den jungen Leuten auf dem Land.

Nur wenige Abbrecher

Da die wenigsten Studierenden bei sich zu Hause über Computer mit Netzanschluss verfügen, lernen sie gemeinsam mit den Tutoren im AVU-Zentrum ihrer Universität. Innerhalb dieser relativ homogenen Gruppen hilft man sich gegenseitig und vermeidet damit ein grundlegendes Problem des stärker individuell geprägten Fernstudiums im Westen: Die Abbrecherquote ist nach AVU-Angaben geringer als an anderen Fernuniversitäten.

Während der Erprobung zeichneten die westlichen Hochschulen für Bildungsinhalte und Examen der AVU verantwortlich, einheimische Tutoren korrigierten Hausarbeiten und organisierten Leistungstests. Seit 1999, so war vereinbart wollten, sind die afrikanischen Hochschulen gefordert, maßgeschneiderte Begleitveranstaltungen zu konzipieren, um das westliche Bildungsangebot in ihre Curriculae einzupassen. Das ist noch immer der nächste Schritt.

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