Gesundheit : Das Wort, das Leben rettet

Der Kardiologe Bernard Lown wünscht sich die verlorene Kunst des Heilens zurück: den Dialog mit dem Patienten

Rosemarie Stein

Den Herzklappenfehler hatte sie schon als Kind. Jetzt war sie Anfang vierzig und voll berufstätig. Sie kam mit ihrer Krankheit tapfer zu Rande, obwohl sie rasch ermüdete. Zudem litt sie an Blutstauungen in Bauch und Beinen – nie in der Lunge – und war deshalb wieder einmal in der kardiologischen Ambulanz des renommierten Bostoner Peter Bont Brigham Hospitals. Dort hatte der Arzt ihres Vertrauens die Schwellungen immer in den Griff bekommen. An diesem Tage war er in Eile und sagte nur zu den Medizinern in seinem Gefolge, dies sei ein Fall von TS.

„Das ist das Ende", murmelte die Patientin völlig aufgelöst. Der bei ihr gebliebene Assistenzarzt, Bernard Lown, fand heraus, was sie so verstört hatte: „TS", die Abkürzung für Trikuspidalklappen-Stenose, ihre Krankheit. Sie aber hatte die beiden Buchstaben als „Terminale Situation" interpretiert und hielt sich nun für eine Sterbende. Sie ließ sich nicht beruhigen, geriet in Atemnot und starb am selben Tag am Lungenödem durch Linksherzversagen, obwohl die linke Herzkammer von ihrem Leiden gar nicht betroffen war.

Der Arzt Bernard Lown, der damals entsetzt und hilflos daneben stand, ist heute 81 und ein weltberühmter Kardiologe, Spezialist für Herzrhythmusstörungen, der unter anderem durch die Entwicklung der Gleichstromdefibrillation bei Kammer- und Vorhofflimmern Medizingeschichte schrieb und Tausende von Menschenleben rettete. Wenn er nun den starken Einfluss des ärztlichen Wortes auf Gesundheit und Krankheit, sogar Leben und Tod hervorhebt, muss das wohl ernst genommen werden.

Der amerikanische Herzspezialist hält das Wort – und das aktive Zuhören! – sogar für das wichtigste diagnostische und therapeutische Instrument des Arztes. Und er findet, dass all die kostspieligen und belastenden High-tech-Untersuchungen, etwa mit dem Herzkatheter, sehr oft überflüssig wären, wenn die Ärzte die Krankengeschichte sorgfältiger erfragen und die Patienten körperlich genauer untersuchen würden. Sein jetzt auch auf deutsch erschienenes Buch „Die verlorene Kunst des Heilens - Anleitung zum Umdenken“ (Schattenhauer Verlag Stuttgart 2002, 300 Seiten, gebunden 29,95 Euro) soll nach seinem Wunsch ein Wegweiser sein: Heraus aus dem „verfilzten Gestrüpp“ des medizinisch-industriellen Komplexes und hin zu einem „modernen Gesundheitswesen mit einem menschlichen Gesicht“.

Lown wirft sich vor, seine eigenen Forschungsarbeiten hätten der Depersonalisierung der Medizin Vorschub geleistet. Der altersweise gewordene Wissenschaftler und Arzt schont sich nicht und übt harte Kritik an der Medizin mit ihrem Beharrungsvermögen, ihrem Dogmatismus und Autoritätshörigkeit.

Ein Deckmantel für die Unsicherheit

„Viele ärztliche Praktiken sind nicht besonders fundiert“, sagt er und kritisiert die Arroganz von Ärzten als „durchsichtigen Deckmantel für enorme Unsicherheit“. Er gießt milden Spott aus über den Diätwahn, besonders die Cholesterinphobie, oder die EKG-Sucht aus Technik-Aberglauben hypochondrischer Berufs-Patienten, denen er ironisch zuruft: „Leben kann Ihre Gesundheit gefährden!“

Seinen Laien-Lesern gibt Lown gut durchdachte Ratschläge für die Wahl ihrer Ärzte und den Umgang mit ihnen. Und er mahnt, von der Medizin nichts Unmögliches zu erwarten. Ziel der Behandlung nicht heilbarer chronischer Leiden ist es, „die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und – wo möglich – eine Verschlechterung aufzuhalten, dem Patienten zu einer positiven Einstellung zu verhelfen und zu verhindern, dass die Krankheit sein Leben beherrscht“.

Lowns Buch liest sich sehr spannend, wenn man als Nicht-Arzt oder Nicht-Herzkranker einiges Fachlich-Kardiologische überschlägt. Denn er erläutert jeden Gedankengang mit lebendig geschilderten Krankengeschichten. Ein Gegenbeispiel zu dem eingangs wiedergegebenen tödlichen Missverständnis ist auch darunter:

Zwei Wochen nach einem schweren Herzinfarkt ging es einem Sechzigjährigen noch immer sehr schlecht. Atemnot, Schwindel und Schwäche verschlimmerten sich sogar. Aber eines Morgens konnte er von der Intensiv- auf eine reguläre Station wechseln, denn plötzlich ging es ihm subjektiv wie objektiv besser.

Warum, das erfuhr Lown erst ein halbes Jahr später, als der Patient in erstaunlich gutem Zustand erschien und erzählte, bei einer Visite habe der Arzt nach dem Abhorchen von einem „gesunden Galopp“ seines Herzens gesprochen. Was der Patient nicht wusste: Ein „Herzgalopp“ ist ein sehr schlechtes Zeichen, und „gesund“ bedeutet in dieser Redensart das Gegenteil. „Ich dachte mir, wenn mein Herz noch zu einem kräftigen Galopp fähig ist, könnte ich ja gar nicht im Sterben liegen. Und von Stund an ging es bergauf mit mir.“

Für Lown sind dies Extremfälle der alltäglich zu beobachtenden heilsamen (oder auch unheilvollen) Wirkungen des ärztlichen Wortes. Der Kardiologe sucht nach wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Seit mehr als drei Jahrzehnten, so schreibt er, habe sich seine Forschungstätigkeit „immer stärker auf die Untersuchung der Verbindungen zwischen Seele und Herz konzentriert“. Er versuchte zum Beispiel herauszufinden, ob plötzlicher Herztod von psychischem Stress ausgelöst werden kann – was ja vorwissenschaftliches Allgemeingut ist.

Im Experiment mit narkotisierten Tieren gelang es ihm zunächst, durch elektrische Reizung einer bestimmten Hirnregion oder der vom Gehirn zum Herzen verlaufenden Nerven zehn Mal so oft das lebensgefährliche Kammerflimmern bei Tieren mit einem verschlossenen Herzkranzgefäß auszulösen als ohne diese Stimulation. Dann nahm er die viel schwierigere Frage in Angriff, ob psychische Einflüsse das Gleiche bewirken können. Kammerflimmern wäre aber den Versuchstieren im wachen Zustand nicht zumutbar gewesen. Deshalb wählte Lown als Ersatzziel weniger bedrohliche Rhythmusstörungen, wie er sie an Patienten als Vorboten des Kammerflimmerns vor dem plötzlichen Herztod beobachtet hatte.

Das Ergebnis des Experiments: Tiere, die man wiederholt einem relativ geringfügigen Stress ausgesetzt hatte, waren noch nach Monaten weit anfälliger für Herzrhythmusstörungen als die in Ruhe gelassene Kontrollgruppe. Beobachtungsstudien an Patienten ergaben dasselbe. Lown kommt zu dem Schluss: „Lang anhaltende, negativ belastende Emotionen fordern einen biologischen Preis, nämlich Krankheit und vorzeitigen Tod.“ Er nennt es eine Sisyphus-Arbeit, die komplizierten Zusammenhänge wissenschaftlich zu erhellen. Aber eins steht für ihn fest: Ein Arzt, der ein gutes Verhältnis zum Patienten hat, kann die angespannte emotionale Situation des Kranken positiv verändern und schon damit wesentlich zur Gesundung beitragen.

Wissenschaft ohne Fürsorge

Bernard Lown hat ein halbes Jahrhundert Forschungstätigkeit hinter sich, für deren Erfolge er nach Meinung von Kollegen eigentlich den Medizin-Nobelpreis verdient hätte. Statt dessen nahm er als Mitbegründer der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ 1985 den Friedens-Nobelpreis für die Organisation entgegen. Er betont sein unerschütterliches Engagement und tiefes Verwurzeltsein in der wissenschaftlichen Medizin. Es ist ihm bewusst, dass die Fürsorge für einen Kranken ohne diese Wissenschaft nur „gut gemeinte Freundlichkeit“ ist. Umgekehrt aber „beraubt eine Wissenschaft ohne Fürsorge und Anteilnahme die Medizin ihrer heilenden Fähigkeiten und negiert das unermessliche Potenzial eines uralten Berufsstandes“.

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