• Das Zentrum für vergleichende Geschichtsforschung in Dahlem will die ost- und die westeuropäische Geschichtsschreibung zusammenbringen

Gesundheit : Das Zentrum für vergleichende Geschichtsforschung in Dahlem will die ost- und die westeuropäische Geschichtsschreibung zusammenbringen

Lars von Törne

Der internationale wissenschaftliche Austausch findet gelegentlich an profanen Orten statt. "Wichtige Gespräche mit den Kollegen ergeben sich bei uns oft ganz zufällig auf dem Flur oder in der Teeküche", erzählt Denis Sdvizkov. "Die Atmosphäre ist einfach sehr anregend für Unterhaltungen." Der 31jährige Historiker aus Moskau ist einer der ausländischen Wissenschaftler, die derzeit am vor einem Jahr gegründeten Zentrum für vergleichende Geschichte Europas (ZVGE) in Berlin-Dahlem arbeiten. Sdvizkov ist mit einem Stipendium der Seidel-Stiftung nach Deutschland gekommen, um hier die Biografien französischer, deutscher, polnischer und russischer Intellektueller zu erforschen und darüber mit Fachkollegen zu diskutieren. Fünf Monate lang hat er nun ein Büro in den hellen, frisch renovierten Räumen des Forschungszentrums im Gebäude der FU-Historiker - und jede Menge Möglichkeiten, mit Kollegen über seine Arbeit zu fachsimpeln.

Das Forschungszentrum wurde vor einem Jahr als interuniversitäre Arbeitsstelle der Freien Universität und der Humboldt-Universität gegründet. Ermöglicht wird der Aufbau durch eine Förderung der Volkswagen-Stiftung in Höhe von fast drei Millionen Mark. Ziel ist es, mit der Methode des historischen Vergleichs die bisher als Teildisziplin arbeitende Geschichte Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert mit derjenigen Westeuropas zusammenzubringen, wie Christoph Conrad, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums, sagt. "Es gibt in ganz Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für vergleichende Geschichte des 19. und 20. Jahrhundert", kritisiert er.

Der Aufenthalt von Denis Sdvizkov am ZVGE ist ein Beispiel für die internationale Ausrichtung des Forschungszentrums. "Wir wollen Europa als Ganzes denken", erklärt Christoph Conrad. Knapp zehn Jahre nach dem Fall der Mauer bestehe die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik nach wie vor zu sehr aus getrennten Teildisziplinen. "Wer Europa sagt, meint heute noch allzu oft das westliche Europa, die Europäische Union", kritisiert auch Philipp Ther, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZVGE. "Wir wollen helfen, die Barrieren zwischen osteuropäischer und westeuropäischer Geschichtswissenschaft zu überwinden." Das ist auch eine der Intentionen der Historiker Jürgen Kocka und Holm Sundhausen von der FU sowie Hartmut Kaelble von der HU und Manfred Hildermeier von der Universität Göttingen, die das Zentrum gemeinsam leiten. Kocka hatte zuvor die Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte geleitet, an deren Arbeit die neue Forschungsstelle anknüpft.

Historiker aus Ost und West sollen ermutigt werden, über den Tellerrand zu gucken und mit Kollegen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten. "Wir verstehen uns als Drehscheibe", sagt Philipp Ther. Statt des klassischen Wissenschaftleraustausches zwischen zwei Ländern wird hier multilaterale Zusammenarbeit gepflegt. "Da stellt man ganz andere Fragen als bei einem zweiseitigen Besuch", sagt Ther. Am Gästeprogramm des ZVGE nahmen bisher Historiker aus Belgrad, Budapest, Prag, Chicago und eben Rußland teil. Auch bietet das Zentrum Arbeitsplätze für Habilitanden an und fördert Doktoranden mit Stipendien. Zwei Doktoranden haben bisher ihre Arbeit aufgenommen und forschen am ZVGE über die deutsche Minderheit in Polen 1918-1939 im europäischen Vergleich sowie über die politischen Mentalitäten des ostmitteleuropäischen Adels im 18. Jahrhundert.

Damit der internationale Austausch nicht nur auf die Flure und die Teeküche des Zentrums beschränkt bleibt, veranstaltet das Zentrum jeden Montag ein Colloquium im eigenen Seminarraum. Die Vorträge, in denen jeweils ein Wissenschaftler seine Arbeit vorstellt und mit dem Fachpublikum diskutiert, sind offen für Interessierte und Studenten. Als Denis Sdvizkov dort kürzlich vor etwa 40 Zuhörern seine Thesen zur vergleichenden Sozialgeschichte der ost- und westeuropäischen Intellektuellen vorstellte, schloß sich eine lebhafte Diskussion auf hohem Niveau an das Referat an. Viele Zuhörer arbeiten über vergleichbare Themen und kommentierten Sdvizkovs Vortrag mit detaillierter Sachkenntnis. Weitere Foren des Austauschs sind vom ZVGE organisierte Tagungen sowie der internationale Sommerkurs "Zivilgesellschaft in Ost und West". 30 fortgeschrittene Studenten, Doktoranden und Promovierte aus Deutschland und anderen Ländern werden sich Ende August eine Woche lang mit vergleichender Geschichte und der Entwicklung der Zivilgesellschaft in Europa seit dem 18. Jahrhundert beschäftigen.

Im Zentrum der Arbeiten, die das ZVGE fördert, steht die Entwicklung der Zivilgesellschaften in den verschiedenen Teilen Europas. Dabei soll keineswegs nur die Geschichte Osteuropas von Berlin aus analysiert werden, stellt Christoph Conrad klar. "Wir werden auch die Geschichte des Westens anders untersuchen müssen", sagt er. Denn viele Historiker aus Osteuropa beschäftigen sich eben nicht nur mit ihren Herkunftsländern, sondern auch mit Westeuropa. Wie Denis Sdvizkov. "Über den Vergleich", sagt Christoph Conrad, "haben wir eine Chance, etwas Neues über unsere eigene Geschichte zu erfahren."Zentrum für vergleichende Geschichte Europas, Freie Universität Berlin, Koserstraße 20, 14195 Berlin, Tel. 838-4771, Internet: www.fu-berlin.de/zvge

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben