Gesundheit : Das zweite Antlitz

In Frankreich wurde die weltweit erste Gesichtstransplantation vorgenommen

Adelheid Müller-Lissner

Im französischen Amiens wurden am letzten Sonntag zum ersten Mal einem Menschen Teile eines fremden Gesichts transplantiert: Die Chirurgen ersetzten Nase, Lippen und Kinnpartie einer 38-jährigen Frau, die im Mai durch Hundebisse völlig entstellt worden war, durch Teile des Gesichts eines hirntoten Spenders. Der plastische Chirurg Jean-Michel Dubernard vom Hopital Edouard Herriot in Lyon, der den Eingriff leitete und zugleich als Abgeordneter im französischen Parlament sitzt, war schon im Jahr 1998 in die Schlagzeilen gekommen, als er die erste Hand transplantierte. Die Operateure wollen erst am heutigen Freitag in Lyon in einer Pressekonferenz Details zu dem Eingriff erläutern, der eine Weltpremiere darstellt, wie eine Sprecherin der Klinik mitteilte.

Schon jetzt ist absehbar, dass er nicht unumstritten bleiben wird, weder in der Fachwelt noch in der Öffentlichkeit. Vor zwei Jahren hatte das britische Royal College of Surgeons, ein Chirurgenverband, festgestellt, Gesichtstransplantationen seien „nicht erstrebenswert“.

Die Bedenken der Mediziner betrafen vor allem die Abstoßungsreaktionen, die bei der Übertragung des Immunorgans Haut heftig ausfallen. Die Empfänger müssen ihr Leben lang Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken. In jedem zehnten Fall, so schätzen die britischen Experten, könnten sich gleich im ersten Jahr lebensgefährliche Unverträglichkeiten ergeben, neben Abstoßungsreaktionen, die zur Ablösung des Gesichts führen können, drohen Infekte und eine erhöhte Krebsgefahr.

Auch wenn nur Teile des Gesichts, von Haut, Unterhaut, Knochen, Muskeln und Bindegewebe eines anderen Menschen transplantiert werden, stellt sich dieses Problem, das auch schon angesichts der Hand-Transplantationen diskutiert wurde. „Diese Gefahren muss man anders bewerten als bei Transplantationen von Herz oder Leber, die schließlich Leben retten“, gibt auch Jürgen Bier, Gesichtschirurg an der Berliner Charité, zu bedenken. Technisch stellt der Eingriff eine gigantische Herausforderung dar. So müssen Nerven des Empfängers in die Mundhöhle des Verstorbenen einwachsen, sonst kann er viele Mundbewegungen nicht kontrollieren.

Dazu kommen psychologische Bedenken. Das Gesicht gilt als Spiegel der Seele. „Ich hätte ethische Bedenken, das Gesicht eines Verstorbenen in einen Lebenden zu verpflanzen“, meint Bier. Er verweist darauf, dass die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Verletzten und von Krebs Entstellten heute viele andere Möglichkeiten bietet. „Wir kommen normalerweise damit aus, Haut, Muskeln und Knochen aus dem eigenen Körper des Patienten für die Wiederherstellung des Gesichts zu verwenden.“

Dazu kommt die Epithetik, also die Verwendung künstlicher, naturnah geformter Gesichtsteile. Nach einem solchen Eingriff haben Patienten zunächst oft den Eindruck, es schaue sie im Spiegel ein anderer Mensch an. Die Französin, die jetzt das halbe Gesicht eines Fremden trägt, wird wohl noch länger brauchen, bis sie es „adoptieren“ kann.

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