Gesundheit : Das zweite Leben

Chemiker und Literat: Carl Djerassi, „Vater der Pille“, wird 80

Paul Janositz

Alt zu sein, findet Carl Djerassi schrecklich. Den 80. Geburtstag will er am liebsten gar nicht feiern, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Deshalb ist der „Vater der Pille“ in diesen Tagen aus Stanford geflohen, der kalifornischen Universität, an der er noch lehrt. Am heutigen Mittwoch wird der Chemieprofessor in England sein und in Cambridge die „Lady Margaret Vorlesung“ halten. Im Anschluss daran wird es – wie üblich nach einem Gastvortrag – ein großes Dinner geben. „Es ist aber keine Geburtstagsfeier“, betont Djerassi. Für ihn ist es dennoch ein besonderer Tag. Denn auch Frau, Sohn und Enkel werden anwesend sein, wenn die honorige Gesellschaft das „Happy Birthday, dear Carl“ anstimmt.

Angesichts seiner Angst vor dem Altern hätte Djerassi also besser eine „Anti-Aging-Pille“ erfunden, als – gemeinsam mit den Pharmakologen Gregory Pincus und John Rock – die Grundlage für ein Verhütungsmittel zu schaffen, das die Welt verändern sollte. Vor fast genau 52 Jahren, am 15. Oktober 1951, war dem gebürtigen Österreicher, der vor den Nazis flüchten musste, die Herstellung des Hormons Gestagen geglückt. Das war der entscheidende Schritt zur „Anti-Baby-Pille“, wie sein großer wissenschaftlicher Wurf bald genannt wurde. „Ich hasse den Begriff“, sagt er, die Pille sei „nicht gegen Babys, sondern für Frauen“. Dass sich die orale Verhütung so rasch durchsetzen und die Pille zum Symbol für freie Sexualität werden würde, habe „niemand wissen können“.

Zunächst standen für Djerassi auch weniger gesellschaftliche Aspekte von Empfängnisverhütung im Mittelpunkt; er konzentrierte sich vielmehr auf die Forschung. So gelang ihm die Synthese von Kortison. Er veröffentlichte mehr als 1200 wissenschaftliche Artikel und freut sich über 18 Ehrendoktorhüte. Dass unter den zahllosen Auszeichnungen der Nobelpreis fehlt, ficht ihn nicht an, sein Ehrgeiz richtet sich jetzt auf ganz andere Gebiete.

So betätigt er sich als Kunstsammler vor allem der Werke Paul Klees. Die „Djerassi-Stiftung" gibt Stipendien an Bildhauer, Musiker und Schriftsteller. Und Schreiben ist für Djerassi zum „ganz neuen Leben“ geworden. „Ich arbeite so viel wie nie zuvor", sagt er. Das Resultat sind fünf Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und eine Autobiographie. Darin geht es um künstliche Fortpflanzung, um die Beziehung zwischen den Geschlechtern, um Wissenschaftler. „Science-in-fiction" sei das, sagt Djerassi. „Ich möchte Wissenschaft in die Hirne von Leuten einschmuggeln“, sagt er und schmunzelt. Ob ihm das auch in Berlin gelingt, wird sich nächstes Jahr zeigen, wenn sein Stück „Kalkül“ in der „Ruine“ der Charité aufgeführt wird.

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